Wie Wagenbauer für den Rosenmontags-Zug aktuell bleiben

Satire-Wagen entstehen unter Zeitdruck

In Köln, Düsseldorf und Mainz planen Wagenbauer montagelang im Voraus für den Rosenmontagszug. Doch teils ändern sie ihre Motive noch kurz davor. In Köln werden zwei der rund 20 Satire-Wagen sogar erst ganz zum Schluss umgesetzt.

Autor/in:
Anita Hirschbeck
"Treffen sich zwei Päpste" - ein Motivwagen in Düsseldorf / © Carsten Horn (DR)
"Treffen sich zwei Päpste" - ein Motivwagen in Düsseldorf / © Carsten Horn ( DR )

Trump, Ukraine, Koalitionsstreit - die Rosenmontagszüge der Republik werden auch in diesem Jahr nicht langweilig. Zumindest können die Wagenbauer thematisch aus dem Vollen schöpfen. Dafür sorgt schon allein der twitternde Mann im Weißen Haus. Doch genauso schnell wie ein Social-Media-Post kann eine gesellschaftspolitische Debatte passé sein. Aktuelle Themen mit Halbwertszeit sind gesucht. Trotzdem greifen die Wagenbauer immer wieder kurzfristig ein.

"Es müssen Themen sein, von denen wir annehmen können, dass sie die Gesellschaft über Wochen und Monate bewegen werden. Das Gespür muss man einfach haben", sagt Boris Henkel, der den Kreativkreis beim Mainzer Carneval-Verein leitet. Seit 41 Jahren entwickelt Henkel Ideen für die Mainzer Rosenmontagszüge. 

Trump Motivwagen in Köln / © Oliver Berg (dpa)
Trump Motivwagen in Köln / © Oliver Berg ( dpa )

Als Student ist er in den Verein eingestiegen. Bei seiner Aufgabe vertraut er auf jahrzehntelange Erfahrung. Und trotzdem geht manchmal der Puls nach oben. Zum Beispiel vergangenes Jahr, als Rosenmontag kurz nach der Bundestagswahl lag.

"Wir mussten natürlich einen Wagen machen zur Wahl", erzählt Henkel. Die Crux: Der Bau der Satire-Wagen beginnt bereits etwa Anfang November. Dann kann eine Idee kaum mehr von Grund auf umgeändert werden. Die Mainzer haben das Problem unkonventionell gelöst, wie Henkel findet. 

Auf ihrem Motivwagen musste der voraussichtliche Wahlsieger Friedrich Merz eine Kröte schlucken. Nur welche würde es sein? Die Wagenbauer bereiteten eine SPD-, eine Grünen-, eine BSW- und eine Linken-Kröte vor, die sie dann kurzfristig austauschen konnten. "Das hat ganz gut geklappt."

Zwei spontane Wagen in Köln

Auch in Köln war die Bundestagswahl ein Muss-Thema für den Rosenmontagszug 2025. In der Karnevalshochburg beginnen die Wagenbauer schon etwa Ende September mit ihrer Arbeit. Aber: Zwei der rund 20 Satire-Wagen werden erst ganz zum Schluss umgesetzt, um spontan reagieren zu können, wie Zugführer Marc Michelske erklärt. So entstand vergangenes Jahr innerhalb von nur fünf Tagen ein Wagen mit "Kanzler Schmerz".

Putin-Persiflagewagen auf der Friedensdemonstration in Köln; Rosenmontag; / © Johannes Schröer (DR)
Putin-Persiflagewagen auf der Friedensdemonstration in Köln; Rosenmontag; / © Johannes Schröer ( DR )

Kurzfristig ergänzen mussten die Kölner zudem eine bereits fertige Persiflage: Wolodymyr Selenskyj schlug Wladimir Putin mit einem Herzchen-Hammer in den Boden. Doch dann besuchte der ukrainische Präsident kurz vor Rosenmontag Donald Trump im Weißen Haus und wurde von ihm und seinem Vize J. D. Vance vorgeführt. Die Kölner Wagenbauer reagierten und bastelten ein Stars-and-Stripes-Messer, das sie Selenskyj in den Rücken rammten.

Brandaktuelles in Düsseldorf

Von solch kurzfristigen Änderungen können die Düsseldorfer ein Lied singen. Wagenbauer Jacques Tilly ist für seine bissig-kritischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seine Motive erscheinen in den Tagen nach Karneval regelmäßig auf den Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. 

Wegen seiner spitzen Satire läuft aktuell gegen ihn sogar ein Strafprozess vor einem russischen Gericht. Der Vorwurf lautet auf Verunglimpfung der russischen Armee.

Entwurf für den interreligiösen "Toleranzwagen" für den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit einer Polonaise mit christlichen, jüdischen und muslimischen Geistlichen - dazu das Motto "Toleranz Wagen", am 1. Februar 2024 in Düsseldorf. / © Alexander Pitz (KNA)
Entwurf für den interreligiösen "Toleranzwagen" für den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit einer Polonaise mit christlichen, jüdischen und muslimischen Geistlichen - dazu das Motto "Toleranz Wagen", am 1. Februar 2024 in Düsseldorf. / © Alexander Pitz ( KNA )

"Es war schon immer die Aufgabe des Narren, einmal im Jahr der Obrigkeit die Meinung zu geigen. Und das machen wir natürlich weiterhin", sagt Tilly. "Ich werde jetzt nicht mein Leben ändern oder mich irgendwie verstecken."

Das dürfte auch für seine Arbeitsweise gelten. In Düsseldorf entstehen die Wagen zum Teil innerhalb weniger Tage vor ihrem großen Auftritt. So wollen die Wagenbauer auch die neuesten Themen aufgreifen. "Wir haben von Jahr zu Jahr mehr offene Wagen, um reagieren zu können", erklärt Tilly in der aktuellen Ausgabe der "Kirchenzeitung für das Bistum Aachen". Entsprechend halten er und sein Team die Motive so lange wie möglich geheim.

Lokales hat längere Halbwertszeit

Dass sich die Weltlage schnell drehen kann, stellt auch der Kölner Zugführer Michelske fest. Gerade Trump mache die Arbeit instabiler. "Dass man eben nicht weiß: Was macht der als nächstes?" Anders sei das bei lokalen und regionalen Themen, die ebenfalls satirisch aufgespießt werden. Wohnungsnot, öffentliche Sauberkeit, Verkehrschaos - "es gibt leider Probleme, die werden nicht innerhalb von einem halben Jahr gelöst", sagt der Zugführer.

Ob lokal oder große Weltpolitik - die Leute sollen die politischen Botschaften verstehen. Das ist in Köln, Düsseldorf und Mainz gleichermaßen die Herausforderung. Die Wagenbauer setzen auf Bauchgefühl und Erfahrung, sagt Michelske. "Und ab und zu spielen wir auch mit einem gewissen Risiko."

Fasching - Fastnacht - Karneval

Die "närrischen Tage" vor der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit haben verschiedene Namen: Das meist in ursprünglich katholischen Gebieten veranstaltete Brauchtum heißt im Rheinland Karneval, in Mainz und Umgebung Fastnacht, im schwäbisch-alemannischen Gebiet Fasnet und im bayrisch-österreichischen Raum Fasching.

Bunt kostümiert nehmen Narren in Düsseldorf am Rosenmontagsumzug teil / © Federico Gambarini (dpa)
Bunt kostümiert nehmen Narren in Düsseldorf am Rosenmontagsumzug teil / © Federico Gambarini ( dpa )
Quelle:
KNA