Vor 300 Jahren wurde Bach Leipziger Thomaskantor

Wie "katholisch" war Johann Sebastian Bach?

Im Mai 1723 nahm Bach seine Arbeit in Leipzig auf – der überzeugte Lutheraner hat mit seinen Werken großen Einfluss auf die europäische Musik. Meistens komponierte er auf Deutsch, doch es gibt auch Werke, die "katholisch" wirken.

Autor/in:
Mathias Peter
Das Bachdenkmal steht vor der Thomaskirche in Leipzig. / © Jan Woitas (dpa)
Das Bachdenkmal steht vor der Thomaskirche in Leipzig. / © Jan Woitas ( dpa )

Über 400 geistliche Kantaten hat Bach insgesamt komponiert, dazu die großen Oratorien. Besonders als Thomaskantor von 1723 bis zu seinem Tod 1750 schrieb Bach geistliche Werke; der Thomanerchor in Leipzig ist heute weltberühmt und pflegt vor allem das Repertoire seines ehemaligen Leiters.

Dass der Thomaskantor wenig oder gar nicht religiös war, erscheint ausgeschlossen, auch mit Blick auf seine Privatbibliothek: "Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart." Dies schreibt Bach von Hand in seine Bibel.

Ein Denkmal erinnert vor der Thomaskirche in Leipzig an den Komponisten Johann Sebastian Bach. / © Hendrik Schmidt (dpa)
Ein Denkmal erinnert vor der Thomaskirche in Leipzig an den Komponisten Johann Sebastian Bach. / © Hendrik Schmidt ( dpa )

Die Musikwissenschaftlerin und Kuratorin der Leipziger Ausstellung "Bühne frei für Bach" Henrike Rucker ist überzeugt: " Er war tief im lutherischen Glauben verhaftet. Er hatte eine große theologische Bibliothek, er kannte sich aus."

Lateinische Kirchenmusik im evangelischen Gottesdienst

Leipzig war seit der Reformation lutherisch geprägt, auf gute Kirchenmusik in den Sonntagsgottesdiensten wurde großen Wert gelegt. Lateinische Chorstücke kamen durchaus noch vor, etwa in den kurzen Chorwerken während des Gottesdienstes, die neben den aufwändigen Kantaten ebenfalls erklangen. Außerdem komponierte Bach einige so genannte Kurzmessen, die im Wesentlichen aus Kyrie und Gloria bestanden und auf Latein vertont wurden.

Wertschätzung von katholischen Kollegen

Ein ökumenisches Miteinander wie heute üblich, dürfte es in der Messestadt kaum gegeben haben. Auf Ebene der professionellen Musiker gab es aber eine große Offenheit. Es ist gesichert, dass Bach beispielsweise die Kompositionen des katholischen Dresdner Hofmusikers und Jesuitenschülers Jan Dismas Zelenka kannte und sehr schätzte.

Dresdner Hofkirche / © Juergen Loesel (KNA)
Dresdner Hofkirche / © Juergen Loesel ( KNA )

Das berühmte "Stabat mater" von Giovanni Battista Pergolesi arbeitete Bach sogar in eine eigene Kantate um. Auch mit den Werken des katholischen Priesters Antonio Vivaldi setzte sich Bach im Laufe der Jahre auseinander. Die Werke Giovanni Pierluigi da Palestrinas und vor allem die Kompositionstechniken der klassischen Vokalpolyphonie waren dem Thomaskantor vertraut.

Musikpolemik gegen Katholiken

Stolzer Lutheraner war Bach aber trotzdem, er vertonte mit der Kantate "Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort und steur' des Papsts und Türken Mord" das evangelische "Erzfeinde-Lied", das zum Beispiel am Reformationstag gesungen wurde und die scharfen Unterschiede zwischen den Konfessionen auch musikalisch ausdeutet: den Eingangschor der Kantate gestaltete Bach geradezu kriegerisch mit Einsatz der Trompete und einem kämpferisch-aggressiven Grundton.

Warum dann die h-moll-Messe?

Zu dieser Anti-Katholiken-Polemik passt dann aber wieder die monumentale h-moll-Messe Bachs so gar nicht. Sie gilt heute als eines der größten musikalischen Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Das komplett auf Latein gehaltene Werk umfasst die kompletten fünf Teile der katholischen Messe. Äußerst aufwändig komponiert, sieht Bach einen bis zu achtstimmigen Chor, Gesangssolisten und ein recht üppig besetztes Orchester vor.

Der Stephansdom in Wien / © Heracles Kritikos (shutterstock)
Der Stephansdom in Wien / © Heracles Kritikos ( shutterstock )

Bis heute rätseln Musikwissenschaftler, warum Bach dieses Zwei-Stunden-Werk schrieb, ob es nicht doch einen konkreten Aufführungsanlass zum Beispiel im Wiener Stephansdom gegeben haben könnte. Eine komplette Aufführung zu Lebzeiten ist nicht belegt, auch nicht vorstellbar, da Bach im besagten evangelisch geprägten Leipzig keine Gelegenheit dafür hatte.

Konkreter Aufführungsanlass?

Eine rein konzertante Aufführung außerhalb einer Eucharistiefeier war katholischerseits undenkbar. Warum also der Aufwand?  Im Moment überwiegt die Vermutung, dass der Entstehungsgrund schlicht Bachs Sinn für die Vollendung von Zyklen war – so wie er am Ende seines Lebens auch in anderen Gattungen Werke zu Zyklen wie die Kunst der Fuge zusammenfasste, so wollte er vielleicht aus Fragmenten eine komplette Messvertonung formen - ohne gottesdienstlichen Bezug.

Johann Sebastian Bach  (KNA)
Johann Sebastian Bach / ( KNA )

Die h-moll-Messe entstand über Jahrzehnte und wurde erst gut ein Jahr vor seinem Tod von Bach vollendet. Auffällig ist außerdem, dass bei aller Meisterschaft Bach nur wenig komplett neu für die h-moll-Messe komponierte, sondern vor allem eigene ältere Werke oder Vorlagen übernahm und an den lateinischen Text anpasste.

Bach kein heimlicher Katholik

So entstand ein musikalisches Vermächtnis, das zwar das komplette katholische Mess-Ordinarium umfasst, dabei vor allem aber Zeugnis von Bachs Religiosität und seiner musikalischen Meisterschaft abgibt, ohne dass man den Thomaskantor zum heimlichen Katholiken umdeuten könnte. Heutzutage werden seine Werke ohnehin sowohl von katholischen wie evangelischen oder komplett weltlichen Chören mit großer Begeisterung gesungen.

Im Radioprogramm von DOMRADIO.DE erklingen am Sonntagabend ab 20 Uhr Werke von Johann Sebastian Bach.

Quelle:
DR