Wie Gemeinde auch funktionieren kann

"Das Leben um den Kirchturm so lange wie möglich erhalten"

Hermann Plog brennt immer schon für die Kirche. Heute ist der Hürther Kommunalbeamte vieles in Personalunion. Er ist Lektor, Küster und Organist, PGR- und KV-Mitglied, KAB-Vorsitzender und Bestattungsbeauftragter. Ein Besuch vor Ort.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Hermann Plog im Gespräch mit den Kommunionkindern von St. Wendelinus / © Beatrice Tomasetti (DR)
Hermann Plog im Gespräch mit den Kommunionkindern von St. Wendelinus / © Beatrice Tomasetti ( DR )

"Für uns alle unfassbar wurde Maria* in Sekunden aus dem Leben gerissen. Wir können es nicht verstehen und niemand wird uns unsere Fragen nach dem Warum beantworten. Ratlos und voller Trauer stehen wir hier, uns fehlen die Worte. Der Abschied von ihr fällt uns schwer und wir tun das nicht gerne. Aber alle, die wir hier sind, wollen in dieser schmerzvollen Stunde ihre Anteilnahme zeigen.

Denn Marias Tod erfüllt uns mit unermesslichem Schmerz." Die große Trauergemeinde in St. Wendelinus hängt an den Lippen von Hermann Plog, der mit einfühlsamen Worten versucht, das Leben der zweifachen Mutter, die bei einem tragischen Lawinenunfall in den Bergen ums Leben gekommen ist, nachzuzeichnen und gleichzeitig mit der eigenen Glaubenszuversicht Trost zu spenden. 

Als ehrenamtlicher Bestattungsbeauftragter ist Hermann Plog sehr gefragt. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Als ehrenamtlicher Bestattungsbeauftragter ist Hermann Plog sehr gefragt. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

"Welch ein Verlust, welch ein Unglück! Mitten im Leben voll ausgebremst. Das ist nicht fair", stellt er fest. "Der Motor der Familie steht still – von einem Augenblick auf den anderen. Diese Lücke wird bleiben und nicht zu füllen sein. Sicher, es wird weitergehen – irgendwie, anders. Aber nichts ist mehr wie vorher." 

Dann betet Plog: "Als Christen leben wir von der Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen Lebens ist. In diesem Glauben empfehlen wir unsere liebe Verstorbene dem Erbarmen Gottes. Nimm sie an deine Seite und lass sie leben bei dir, wo weder Schmerz ist noch Trauer, noch Klage, noch Krankheit. Dort wo alle Sehnsucht ihre Erfüllung findet." 

Am Ende seiner Ansprache lässt er Maria selbst noch einmal zu Wort kommen – mit Zitaten, die ihm die Angehörigen bei dem intensiven Trauergespräch mitgegeben haben. So ist die Verstorbene den Anwesenden noch einmal sehr präsent.

In der Mittagspause Beerdigung feiern

Der lange Trauerzug über den Berrenrather Friedhof, den der vom Erzbistum ernannte ehrenamtliche Bestattungsbeauftragte – und nicht ein Priester – anführt, ist ein Beleg dafür, wie sich die Zeiten in St. Wendelinus geändert haben. 90 Prozent aller Beerdigungen am Ort übernimmt inzwischen Hermann Plog. Das sind etwa 50 im Jahr, 400 insgesamt, seitdem er sich für diese besondere Aufgabe gemeldet hat. Manche davon legt er sich in seine Mittagspause. 

Die Kollegen im Hürther Rathaus, wo der 60-Jährige als Kommunalbeamter der Stadtwerke arbeitet, für Buchhaltung und Wirtschaftsthemen zuständig ist, wissen inzwischen, dass er dann mal eben für zwei Stunden außer Haus ist – "Zum Glück habe ich Gleitzeit" – und in eine andere Rolle schlüpft. 

Die Sakristei ist für den Küster Hermann Plog wie ein zweites Wohnzimmer / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Sakristei ist für den Küster Hermann Plog wie ein zweites Wohnzimmer / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In der Sakristei seiner Gemeinde streift er sich dann Talar und Rochett, seine liturgische Arbeitskleidung, über und ist ganz nah bei den Menschen. Bei denen, die auf jemanden wie Plog angewiesen sind, weil sie dringend Zuspruch, Trost und Hoffnung brauchen. Umgekehrt bekommt er für die stets persönlich gestaltete Trauerfeier, für deren Vorbereitung er sich im Vorfeld bei Gesprächen mit den Angehörigen bewusst viel Zeit nimmt, meist ein positives Feedback.

Begräbnisleitung als sinnstiftende Aufgabe entdeckt

Denn für diesen Dienst ist Hermann Plog, der 2016 im Erzbistum den ersten Ausbildungskurs zum Begräbnisleiter absolviert und für sich in diesem neuen Ehrenamt eine sinnstiftende Aufgabe entdeckt hat, der richtige Mann am richtigen Platz. "Wir haben hier Dorfstrukturen. Da kennt jeder jeden. Diese Bindung schafft Vertrautheit. Das macht die Bewältigung einer Verlusterfahrung manchmal einfacher, als wenn jemand Fremder von außen käme", kommentiert er die große Zahl an Anfragen, die ihn Woche für Woche erreichen. 

"Als damals unser Maikönig gestorben ist, habe ich auf der Orgel leise 'Der Mai ist gekommen' gespielt oder bei der Trauerfeier eines Landwirts aus der Gegend 'Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt'. So was honorieren die Leute. Das rührt sie." Schließlich gehe es um Verbundenheit und darum, dem Einzelnen gerecht zu werden, ihn mit der größtmöglichen Würde zu beerdigen, selbst wenn er aus der Kirche ausgetreten sei, das Umfeld aber auf ein katholisches Begräbnis Wert lege. "Das Leben des Verstorbenen noch einmal zu beleuchten – das ist das zentrale Thema. Und ihn möglichst authentisch mit seinen Stärken und Schwächen nochmals lebendig werden zu lassen."

Hermann Plog

"Wir Laien begegnen den Menschen jeden Tag auf der Straße oder beim Einkaufen. Da entsteht eine ganz andere Nähe. Von daher ist es für sie ganz stimmig, dass wir in der Gemeinde auch die erste Anlaufstelle sind."

Bei einer Beerdigung gehe es um Gefühle und manchmal auch belastende Themen: zum Beispiel wenn die Todesursache eine schwere Erkrankung in jungen Jahren, ein Unfalltod oder auch einen Suizid ist. "Da braucht es Feingefühl, Empathie und jemanden, der in einer solchen Ausnahmesituation ansprechbar ist, sich kümmert und bei aller Trauer den richtigen Ton findet, vielleicht auch eine Perspektive aufzeigt", sagt Plog, der einräumt, dass ihn schon mancher Abschied sehr gefordert hat. 

"Natürlich nimmt das einen selbst auch mit. Aber ich kann helfen. Das ist mir wichtig." Dabei sei für die meisten Hinterbliebenen schon lange nicht mehr entscheidend, dass da vorne ein Priester oder Diakon stehe. Im Gegenteil: Der Pastor gehöre zunehmend weniger zum Alltag der Menschen – eben weil er in einer größeren Seelsorgeeinheit auch weit weg sei. "Wir Laien aber begegnen den Menschen jeden Tag auf der Straße oder beim Einkaufen. Da entsteht eine ganz andere Nähe. Von daher ist es für sie ganz stimmig, dass wir in der Gemeinde auch die erste Anlaufstelle sind." 

Beim gemeinsamen Bier über den Glauben sprechen

Zweimal in der Woche gibt es in Berrenrath noch eine Messe, so dass auch Wortgottesfeiern ohne Priester inzwischen auf eine große Akzeptanz stoßen, die Gemeindemitglieder aus der Not eine Tugend machen und die meisten geistlichen Angebote in Eigeninitiative stemmen. "Unsere Stärke ist dieses großartige Gemeinschaftsgefühl", beobachtet Plog. 

"Da wäscht eine Hand die andere. Die Umsiedlung damals hat eben zusammengeschweißt. Und das Herzstück dabei ist die Gemeinde." Entscheidend sei, nicht nur sonntags gemeinsam beim Frühschoppen in der Dorfschänke – scherzhaft von den Berrenrather Katholiken "unser Mutterhaus" genannt – zusammen ein Bier zu trinken, sondern auch über den eigenen Glauben zu sprechen. Da sei er, so Plog, durchaus auch missionarisch unterwegs.

Der Küsterdienst erfordere Kreativität und biete viel Abwechslung, sagt Hermann Plog. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Küsterdienst erfordere Kreativität und biete viel Abwechslung, sagt Hermann Plog. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In seinem Sprengel ist er längst weitaus mehr als nur ein beliebter Begräbnisleiter. Oder jemand, der so gut wie rund um die Uhr erreichbar ist und die Wendelinus-Sakristei, wo alles kirchliche und dörfliche Leben zusammenläuft und immer wieder neue Ideen entstehen, augenzwinkernd als sein zweites Wohnzimmer betrachtet. 

Hineingewachsen ins kirchliche Ehrenamt ist Plog bereits als Messdiener. Mit 15 Jahren meldet er sich für den Lektorendienst, drei Jahre später zusätzlich für den des Kommunionhelfers und Küsters. "Das kreative Vorbereiten dieses himmlischen Theaters war von Anfang an mein Steckenpferd", lacht er, "und bietet im Kirchenjahr ja auch viel Abwechslung, zumal oft Phantasie gefragt ist." 

Hermann Plog

"Das konstruktive Miteinander, der Zusammenhalt ist wichtig, damit es Spaß macht. Ohne die vielen Mithelfer wäre manches nicht möglich."

Ob zu Beginn der Karwoche die heiligen Öle aus Köln geholt werden müssen, die Vorbereitung eines Wortgottesdienstes mit Lichterfeier und Kommunionausteilung, der Aufbau der Krippe oder die Organisation der Maiandachten und des Rosenkranzgebetes anstehen – alle Fäden für gemeindliche Projekte laufen bei Plog zusammen. 

Schließlich ist der zweifache Vater und siebenfache Großvater gut vernetzt, ein überzeugter Teamplayer und jemand, der mit seiner Herzlichkeit immer gute Stimmung verbreitet. "Das konstruktive Miteinander, der Zusammenhalt ist wichtig", erklärt er denn auch, "damit es Spaß macht. Ohne die vielen Mithelfer wäre manches nicht möglich." 

Es motiviere ungemein, dass man sich aufeinander verlassen könne, die Verantwortung teile und jeder erklärtermaßen dasselbe Ziel verfolge. "Nämlich dass wir diese Gemeinde auch ohne hauptamtliches Personal so lange wie möglich lebendig halten." 

Mit 16 Jahren begeistert sich Hermann Plog für das Orgelspiel. / © Beatrice Tomasetti (DR)
Mit 16 Jahren begeistert sich Hermann Plog für das Orgelspiel. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In St. Wendelinus, wo rund um den Kirchturm nach der Umsiedelung wegen des Braunkohleabbaus ein neuer Ort mit heute rund 3000 Einwohnern entstanden ist, von denen allein 2.000 katholische Gemeindemitglieder sind, lebt Plog seit 1977. Hier nimmt er als 16-Jähriger auch den ersten Orgelunterricht, was ihn später über seine Stelle bei der Stadt hinaus auch für eine Anstellung in Teilzeit bei der Kirchengemeinde qualifiziert. Und er macht Stadtführungen, weil er ein Faible für Geschichte hat.

Vielseitiges Engagement

Nicht selten hat Plog einen 14-Stunden-Tag. Kein Wunder. Denn überall mischt er mit: in der Dorfgemeinschaft, bei den Schützen, im Männergesangsverein und beim Karneval, im Maiverein, der KAB oder im Kirchenchor. Über seine Mandate im Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand – "Mitbestimmung ist mir zunehmend wichtiger geworden" – ist er außerdem Mitglied im Kirchengemeindeverband und im Pastoralrat auf Stadtebene. Sogar nebenamtlicher Rendant war er schon. Und von den kfd-Frauen am Ort wird er liebevoll als "Ehrenmutter" betitelt.

Der große Platz unweit der 1957 entstandenen Backsteinkirche St. Wendelinus ist Ortsmittelpunkt, Marktplatz, Veranstaltungszentrum. Und dort steht auch seit über 25 Jahren ein schmucker Wendelinusbrunnen, an dessen Realisierung Plog ebenfalls maßgeblich beteiligt war. 

Besonders stolz ist der Hürther Kommunalbeamte und kirchliche Ehrenamtler auf den Wendelinusbrunnen in der Ortsmitte.  / © Beatrice Tomasetti (DR)
Besonders stolz ist der Hürther Kommunalbeamte und kirchliche Ehrenamtler auf den Wendelinusbrunnen in der Ortsmitte. / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Haupt- und Ehrenamt – die Kommunalverwaltung und kirchliche Mandate – ineinander griffen und man sich gegenseitig bei allen Vorhaben unterstütze, so Plog. "Hier ist alles miteinander verwoben." Das spare viel Zeit, garantiere kurze Wege.

Gemeinde als Lebensaufgabe

"Die Gemeinde ist mir zur Lebensaufgabe geworden, mein Engagement mir längst in Fleisch und Blut übergegangen", stellt Plog fest. "Nach 42 Jahren kenne ich das gar nicht mehr anders." Kirchliches Leben auch ohne einen Pastor am Ort zu gewährleisten, dafür setze er alle seine Kraft ein. 

Schließlich gibt es für ganz Hürth mit über 60.000 Einwohnern nur noch drei Priester und zwei hauptamtliche Diakone. Zum Glück – das zumindest ist eine Entlastung – stehen für das gesamte Stadtgebiet noch weitere Begräbnisleiterinnen und -leiter zur Verfügung. Die meisten von ihnen ehrenamtlich wie Plog. 

Hermann Plog

"Kirche ist für mich Heimat, und die gehört zum Dorf. Die Kirche und die Menschen – das bildet bei uns noch eine Einheit."

"Kirche ist für mich Heimat, und die gehört zum Dorf. Die Kirche und die Menschen – das bildet bei uns noch eine Einheit", erklärt er und räumt ein: "Wenn ich hier Abschied nehmen müsste, das fiele mir schon schwer." Trotzdem mache er sich nichts vor. "In zehn Jahren ist hier nicht mehr viel. Da sind wir längst in einer großen Pastoralen Einheit aufgegangen.

Und irgendwann gibt es vielleicht auch weit und breit gar keinen Priester mehr." Über ein eigenes Vermögen verfüge die Gemeinde ohnehin schon lange nicht mehr, und vieles gehe ja übers Geld und die Anzahl der Gläubigen. "Da sind wir genauso abhängig wie alle anderen auch." 

Doch bis es soweit sei, wolle er sich gegen das Aussterben der Gemeinde zur Wehr setzen. "Uns ist wichtig, das Leben rund um den Kirchturm so lange wie möglich zu erhalten; eben so lange, wie die Leute diesen Weg noch mitgehen."

Information: * Der Name der Verstorbenen wurde von der Redaktion geändert.

Quelle:
DR