Mit ihrem "Track" wollen Zyperns Religionsführer Vorbild sein

"Wie eine Familie"

Die Friedensgespräche auf Zypern sind seit längerem eingeschlafen. Nur Vertreter der Religionsgemeinschaften treffen sich seit nunmehr elf Jahren ohne Unterbrechung. Mit ihrer Friedensinitiative wollen sie vorangehen.

Griechisch-orthodoxen Kirche Panagia Faneromeni in Nikosia / © Andrea Krogmann (KNA)
Griechisch-orthodoxen Kirche Panagia Faneromeni in Nikosia / © Andrea Krogmann ( KNA )

Sie ruhen. Wieder einmal. Die Rede ist von den Friedensverhandlungen auf der seit 1974 geteilten Mittelmeerinsel Zypern. Eine Gruppe hingegen pflegt weiter den Dialog: Christliche und muslimische Religionsführer treffen sich unter der Ägide der schwedischen Botschaft in der Friedensinitiative "Religious Track of the Cyprus Peace Process" (RTCYPP). Sie wollen einen konstruktiven Beitrag zur Lösung des Zypern-Konflikts leisten - und ernteten damit am Donnerstagabend auch das Lob von Papst Franziskus.

Ende des Zypern-Konflikts 2004 in Reichweite

24. April 2004. Nie zuvor waren ein Ende des Zypern-Konflikts und eine Wiedervereinigung so in Reichweite. Doch dann stimmte nur im türkischen Teil eine Mehrheit für den sogenannten Annan-Plan einer Konföderation. 76 Prozent der griechischen Zyprer lehnten im Referendum ab. "Eine Analyse des Abstimmungsverhaltens zeigte, dass die Ablehnung mit dem Grad der Religiosität stieg", erklärt RTCYPP-Büroleiterin Salpy Eskidjian Weiderud, damals Nahost-Programmverantwortliche des Weltkirchenrates (ÖRK).

Viele Interessenvertreter nicht befragt

"Wir stellten bei weiteren Untersuchungen fest, dass viele Interessenvertreter bei der Erarbeitung des Wiedervereinigungsplans nicht einmal befragt wurden", erinnert sich Eskidjian. Kirchen und Frauen seien nicht beteiligt gewesen und ihre Anliegen nicht berücksichtigt worden; und die Kirche von Zypern ist eine einflussreiche Institution. Ein weiteres Problem: Der Plan zielte zunächst auf das politische Abkommen; die Versöhnung sollte folgen. "Ein Top-Down-Prinzip, das nicht funktionieren kann."

Plattform der Begegnung

Die Idee des RTCYPP war geboren, einer Plattform für Begegnung und Dialog der Führer verschiedener religiöser Gemeinschaften. "Wir erwarteten Widerstand; doch zu unserem Erstaunen trafen wir auf eine hohe Bereitschaft", sagt die gebürtige Zyprerin. Offenheit allein sei allerdings nicht ausreichend für ein solches Vorhaben. "Wir mussten zuerst Vertrauen bilden, einen geschützten Raum finden und eine Sprache entwickeln, um einen konstruktiven Beitrag zum Friedensprozess zu erreichen."

Menschenrechte und religiöse Freiheiten im Zentrum

Die Runde, die so geschaffen wurde, charakterisiert eine der Architektinnen des Dialogs als "absolut egalitär und vertraulich". Menschenrechte und religiöse Freiheiten stehen im Zentrum der Gespräche, die jeweilige Agenda setzen sich die Teilnehmer selbst. Zunächst saßen Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche von Zypern und der Muslime im Boot. Sie einigten sich, die Runde zu erweitern und holten Maroniten, Armenier, Lateiner dazu. Inzwischen ist es die einzige Friedensinitiative, die ohne Unterbrechung seit 2010 zusammenkommt, sagt Eskidjian.

Viele Anliegen aus dem Kreis der Religion

An Anliegen aus dem großen Kreis Religion mangelt es nicht; rein politische Themen werden dabei möglichst gemieden. Vor allem der Schutz religiöser Bauwerke und freie Zugangs- und Nutzungsrechte der Gotteshäuser auf der jeweils «anderen» Seite der Insel beschäftigen die muslimischen und christlichen Geistlichen - mit Erfolg. Einige seit der Teilung vernachlässigte Denkmäler wurden inzwischen restauriert, aber nicht alle wieder zugänglich gemacht. Immer wieder äußerte sich die Gruppe gemeinsam zu aktuellen Themen Zyperns.

Konstruktive Zusammenarbeit

Konstruktiv ist die Zusammenarbeit der Religionen im "Religious Track", sagt Franziskanerpater Jerzy Kraj. Als Patriarchalvikar von Zypern vertritt er die lateinischen Katholiken im RTCYPP. Imam Shakir Alemdar stimmt ihm zu. Eigentlich habe Zypern schon immer eine gute Bilanz des Zusammenlebens gehabt. "Eine jahrhundertelange Geschichte guter Nachbarschaft und gegenseitiger Sorge" hätten dieser Initiative als Mahnung gereicht, so der für die Moscheen im Südteil Zyperns zuständige Vertreter des zyprischen Muftis. Der "Religious Track" habe viele positive Veränderungen gebracht, unter anderem weil er zeige, "dass religiöse Führer wie eine Familie und ohne Rivalitäten handeln".

Papst Franziskus äußert "Wertschätzung und Ermutigung"

Seine besondere "Wertschätzung und Ermutigung" für den RTCYPP brachte auch Papst Franziskus zum Ausdruck, als er am Donnerstagabend zum Auftakt seines dreitägigen Zypern-Besuchs die Bewohner der geteilten Insel eindringlich zum Dialog aufforderte. Er denke dabei "an die Bewahrung des religiösen und kulturellen Erbes, an die Rückgabe dessen, was den Menschen in diesem Bereich besonders am Herzen liegt, wie Orte oder zumindest heilige Kultgegenstände" - Kernanliegen der Friedensinitiative der Religionsführer.

Büroleiterin Salpy Eskidjian ist mit dem bisher Erreichten zufrieden. «Die Religionsführer haben in den zehn Jahren eine Verbundenheit entwickelt. Heute können sie füreinander und für die Rechte des Anderen eintreten, was früher nicht so war. Selbst wenn wir heute die Runde beenden würden, würde ich sagen: Die Religionsführer Zyperns haben eine neue Seite in der Geschichte des Landes aufgeschlagen.»

Autor/in:
Andrea Krogmann
Quelle:
KNA
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