Wie ein Ordensmann um seinen Glauben ringt

Leiden an der Kirche als Liebeskummer

Immer wieder neue Missbrauchsenthüllungen bis hin zum emeritierten Papst, der Dinge verschleiert haben soll: Das hat auch engagierte Geistliche wie Bruder Paulus Terwitte in eine Krise gestürzt.

Bruder Paulus Terwitte in Aktion mit Abstand / © Lemrich (Franziskustreff)
Bruder Paulus Terwitte in Aktion mit Abstand / © Lemrich ( Franziskustreff )

Missbrauchsskandale, Reformunfähigkeit, Lagerkämpfe: Dass die katholische Kirche sich in einer "großen und vielfältigen Krise" befindet, diagnostiziert selbst die Deutsche Bischofskonferenz und spricht in ihrer Stellungnahme zum Münchner Gutachten weiter von "erheblichem Vertrauensverlust".

Dieser Vertrauensverlust führt auch viele aus den inneren Kreisen der Kirchen an die Grenzen ihrer seelischen Belastbarkeit. "Geistlich ausgebrannt" fühlt sich etwa der Kapuziner Paulus Terwitte. Mit 19 Jahren ist er in den Orden eingetreten, seit fast 40 Jahren ist er Priester, hat in Frankfurt viel mit Obdachlosen gearbeitet, aber auch Missbrauchsbetroffene begleitet. Was er zuletzt in seiner Kirche erlebt hat – auch an verquaster Kommunikation mit Verantwortlichen – hat ihn stark zweifeln lassen: "Wenn ich sehe, welchen Schaden dieses System einzelnen Menschen zugefügt hat – darf ich dann Teil des Systems bleiben?" Oft habe er sich gefragt, so Bruder Paulus weiter, ob denn alles umsonst gewesen sei. "Ob ich vielleicht aufs falsche Pferd gesetzt habe." Mit Gedanken wie diesem im Kopf fiel es ihm durchaus schwer, am Altar zu stehen und Messe zu feiern. "Aber die Leute haben ja darauf gewartet, dass ich aus der Sakristei komme."

Fehlender Mut zum Bekenntnis

Bruder Paulus Terwitte vor dem Petersdom / © Romano Siciliani (KNA)
Bruder Paulus Terwitte vor dem Petersdom / © Romano Siciliani ( KNA )

Wie viele andere sieht auch Paulus Terwitte jetzt kirchliche Vorbilder von einst demontiert. Auch er habe früher begeistert Joseph Ratzingers "Einführung ins Christentum" gelesen und Johannes Paul II. regelrecht verehrt. "Und jetzt zeigen die Gutachten, dass diese Herren in den 1970er, -80er und -90er-Jahren, daran beteiligt waren, Dinge einfach unter den Tisch zu kehren."  Am schlimmsten aber findet der Ordensmann, dass selbst jetzt, wo die Fakten auf dem Tisch liegen, noch immer so getan werde, als sei "man nicht richtig dabei" gewesen: "Mir fehlt der Mut zum Bekenntnis!"    

Paulus Terwitte selbst hat sich geärgert, als ihm auf einen Brief an den Bischof von Fulda nach vier Wochen die dortige Missbrauchsbeauftragte antwortete, aber kein direktes Gespräch anbot. "Dabei hätte ich dem Bischof gerne persönlich gesagt, wie sehr mich sein Vorgänger vor ein paar Jahren angegangen hat, als ich mich wegen eines Betroffenen an ihn gewandt hatte."  Einen guten Hirten stelle er sich anders vor. "Ist das denn so schwer?"

Der Liebeskummer bleibt

Als seine Zweifel immer schwerer wogen, half dem Kapuzinerpater auch die alte mystische Vorstellung von der "Nacht des Glaubens" nicht weiter; denn nach dieser Vorstellung lassen Gläubige Zweifel zu und halten sie aus, weil am Ende "der vertrauensvolle Boden des Glaubens" trägt. Für Paulus Terwitte aber wankte jetzt der Boden selbst. Er zog sich ganz zurück, auf die grundlegendsten Dinge des Lebens, aufs Ein- und das Ausatmen, auf Auf- und Untergang der Sonne. Das tat ihm, das tat seiner Seele gut, der Liebeskummer aber blieb. Denn für den Ordensmann ist sein Leiden an der Kirche das eines Liebenden, den die Geliebte verlässt.

Aber selbst in der existenziellen Krise kommt Paulus immer wieder neu zur Überzeugung, dass Christsein für ihn ohne Kirche nicht geht. "Ich kann mich ja nicht neu erfinden. Ich habe das Evangelium gehört im Echoraum der Kirche, im Echoraum der Tradition."  Ihm helfe auch die Beschäftigung mit großen Figuren der Kirchengeschichte – etwa mit Franz von Assisi, "der es ja mit seiner Kirche weiß Gott nicht einfach hatte", oder der modernen Mystikerin Madeleine Delbrel. Für den Mönch sind Menschen wie sie "das wirkliche Fundament und die, die Stimme Christi in dieser Kirche gelebt haben. Trotz dieser Kirche."

"Trotzdem geschieht das Wunder"

Kruzifix und Salbölgefäß zur Krankensalbung / © Jörg Loeffke (KNA)
Kruzifix und Salbölgefäß zur Krankensalbung / © Jörg Loeffke ( KNA )

Dann erzählt der Kapuziner von der Krankensalbung, die er einer Frau aus Korea vor einer schweren Operation gespendet hat. "Ich sehe das zerbrechliche Leben, ich zerbreche das Brot der Eucharistie am Altar und denke: dem bin ich gar nicht gewachsen. So wie die Kirche oft dem nicht gewachsen ist, was sie tut. Und trotzdem geschieht das Wunder." Das Wunder nämlich, führt er aus, dass sich Gott in diese "schmutzige Kirche" begibt, "in diese Nazi-verseuchte deutsche Geschichte", in die Ungerechtigkeitsgeschichte der Welt, in Krieg und Hunger.  Dass Gott die Welt am Ende nicht zugrunde gehen, das bleibt in Paulus Terwittes Augen die Hoffnungsbotschaft, für die es sich zu kämpfen lohnt. "Daran habe ich mich langsam hochgearbeitet, zu erkennen, dass die Kirche eine Botschaft hat, die sie selbst so dringend braucht."

Dass die Kirche sich überhaupt wandeln kann, daran glaubt der Ordensmann weiter: "Wenn ich das nicht könnte, müsste ich wirklich gehen." Von den Kirchenoberen erwartet er, dass sie endlich Schuld bekennen, die Schuld auf sich nehmen, aus der Schuld heraus anders und besser entscheiden und handeln. Der Papst, schlägt er vor, sollte ein Welt-Konzil der Frauen einberufen und diesem Konzil ein handfestes Mitspracherecht einräumen. Den synodalen Weg hält Paulus Terwitte für "notwendiger denn je", wünscht sich aber eine noch diversere Besetzung der Teilnehmenden. Und er sagt auch: "Ich kann noch nicht entdecken, dass die Reformbewegungen in der Kirche zu einer größeren Innerlichkeit führen, zu einer größeren Mystik."  Es sei schließlich niemandem verboten, sich zu treffen, es brauche dafür weder Priester noch Bischof. Christus, betont Paulus Terwitte, ist doch in unserer Mitte! "Jeder kann sofort anfangen. Wenn ich dann sehe, wie in diesen ganzen kirchlichen Diskussionen ständig nach oben geschielt wird, bin ich auch mal als Priester von den Laien enttäuscht."

Autor/in:
Hilde Regeniter
Quelle:
DR