Schon früh am Morgen hängt ein leichter Nieselregen über dem Boulevard Edgar Quinet in Paris, die Lichter der Bistros spiegeln sich auf dem Asphalt, als im Erdgeschoss eines unscheinbaren Bürohauses die ersten Redakteurinnen und Redakteure in den Newsroom von RCF Notre Dame strömen.
In einem der Studios geht die rote Lampe an, ein Jingle, dann eine ruhige Stimme, die die Hörer in den Tag begleitet - Radio im klassischen Sinn, aber dahinter ein hochmodernes, dicht geknüpftes katholisches Radionetzwerk. Es ist ein Senderverbund, der dem Leben einen Sinn geben will und sich mit seinem Programm in einem laizistisch geprägten Umfeld behauptet.
Zwei Wurzeln, eine Geschichte
Im Glaskubus nebenan nimmt sich der 42-jährige Chefredakteur Étienne Pépin, Leiter der vereinten Redaktion von RCF und Radio Notre Dame, Zeit für ein Gespräch. "Ich bin ursprünglich Journalist bei RCF", sagt er und lehnt sich zurück. Er erzählt die Geschichte zweier Sender, die in den frühen Achtzigern aus der gleichen historischen Zäsur entstanden sind: "RCF und Radio Notre Dame sind zwei Sender, die im selben Moment entstanden sind, als François Mitterrand 1981 die freien Radios in Frankreich legalisiert hat."
In Lyon hieß das Projekt damals Radio Fourvière, in Paris Radio Notre-Dame - zwei Experimente kirchlicher Akteure mit der frisch gewonnenen Freiheit auf den Wellen. In der Hauptstadt war der damalige Erzbischof, Kardinal Jean-Marie Lustiger, die treibende Kraft hinter dem Projekt.
Vierzig Jahre später ist aus den "radios libres" ein professioneller Verbund geworden, der weite Teile des französischsprachigen Raums abdeckt. "Das RCF Netzwerk vereint heute 64 Radiosender in Frankreich und Belgien", sagt der Chefredakteur. Regionalstudios beispielsweise in Lille, in der Bretagne, in Straßburg oder Marseille liefern täglich Programmteile, die so vielfältig sind wie die Landschaften, in denen sie entstehen. "Diese 64 Sender bestehen in den Regionen weiter - mit RCF Notre Dame als Zentrale des Netzwerks", erklärt er. Aus dem einst losen Verbund ist eine verbundene Familie geworden, mit einer nationalen Schaltstelle in Paris und starken lokalen Stimmen in den Diözesen.
Die Fusion als Aufbruch
Den entscheidenden Schritt in die Gegenwart hat das Netzwerk vor zwei Jahren gemacht. "RCF und Radio Notre Dame haben fusioniert und bilden nun einen einzigen Sender", sagt der Journalist. Er selbst war zuvor Redaktionsleiter der nationalen RCF Redaktion in Lyon, heute verantwortet er das gemeinsame Angebot: "Ich bin der Direktor der gemeinsamen Redaktion von RCF und Radio Notre Dame", sagt Pépin. Die Marke der neuen Einheit - RCF Notre Dame - steht seither über einem Programm, das täglich rund 20 Stunden aus Paris produziert, ergänzt durch vier Stunden aus der Fläche.
Im Redaktionsflur wird es lauter, Producer tauschen letzte Notizen aus, Moderatorinnen gehen mit Kopfhörer und Kaffeebecher Richtung Studio. "Wir sind hier in Paris etwa 25 Journalistinnen und Journalisten", sagt der Direktor, "dazu kommen in den Regionen gut noch einmal über hundert." Manche Lokalstationen leisten sich fünf Redakteurinnen und Redakteure, andere kommen mit einer kleinen Kernmannschaft aus - je nach Region, Spendenaufkommen und diözesaner Unterstützung.
Wer hört zu?
Gleichzeitig wächst das Publikum. "Man kann sagen: Wir haben etwa 300.000 Hörerinnen und Hörer pro Tag, rund 1,5 Millionen pro Woche und 3,5 Millionen im Monat", rechnet er vor. "Der typische Hörer ist um die 55 Jahre alt", sagt er - eine Generation, "die mit dem Radio groß geworden ist und ihr Leben mit dem Radio weitergeführt hat". Doch die Zielgruppe verjüngt sich allmählich: Die jüngeren Milieus kommen über Streaming und soziale Netzwerke dazu.
Die Pandemie war dafür ein Beschleuniger. "Wir haben im Leben der Menschen eine wichtige Rolle gespielt und sind bei den Einschaltquoten wirklich nach vorn gesprungen", erzählt der Direktor mit hörbarem Stolz. Menschen in spirituellen Krisen, zu Hause isoliert, entdeckten die Programme von RCF neu - Gottesdienste, Gesprächsformate, Nachrichten mit einem klaren Wertekompass. Nach einem Rückgang in der unmittelbaren Nach-Covid-Zeit gehe die Kurve heute wieder nach oben: "Unsere Reichweite wächst im Moment eher langsam, aber sie wächst."
Gerade in Momenten wie Corona, Krieg oder der Debatte über assistierten Suizid will der Sender Stimmen in die Öffentlichkeit bringen, die in Deutschland nach Wahrnehmung vieler Beobachter in großen Talkshows oft fehlen: eine explizit christliche Deutung, die weder platt moralisiert noch vor den Konflikten der Gegenwart ausweicht.
Inhaltlich folgt die Redaktion einer präzise formulierten Dreigliederung. "Wir arbeiten mit einer redaktionellen Linie, die auf drei Säulen beruht", sagt der Chefredakteur und zählt auf. Erstens: Nähe. "Wir müssen nah an den Menschen sein - an ihren Sorgen, an dem, was sie bewegt."
Zweitens: gesellschaftliche Aktualität, gesehen mit einem christlichen Blick. "Wir greifen alle aktuellen Themen auf, aber wir betrachten sie immer mit einem christlichen Blick", erklärt er. Das Spektrum reicht von Bioethik über Rentenreformen bis zur Debatte um assistierten Suizid. "Die Hilfe zum Sterben ist ein zentrales Thema, und unsere Aufgabe ist es, diese Aktualität mit der Lehre der Kirche zu beleuchten", sagt er - und zugleich "die Feinheiten der unterschiedlichen Anliegen ernst zu nehmen".
Der dritte Pfeiler ist die Spiritualität: Zeit für Gebet, Rosenkranz, die Auslegung des Evangeliums, biblische Texte und religiöse Vertiefung. Im Interview spricht der Direktor davon, "das Wort Gottes verständlich zu machen". Für ihn liegt die Besonderheit des Senders darin, beides auszuhalten: das missionarische Moment einer christlichen Verkündigung und die nüchterne Analyse politischer und sozialer Konflikte. Deshalb lädt RCF Notre Dame regelmäßig Fachleute ins Studio ein, Theologen, Philosophinnen, Politiker. "Spannend ist, dass wir Menschen zu Wort kommen lassen, die uns erklären, was ein gerechter Krieg ist", sagt er mit Blick auf Konflikte wie im Nahen Osten.
Radio auf allen Kanälen
Auch digital versteht sich RCF als dezidiert radiophones Medium - kein Newsportal mit angeschlossenem Audioplayer, sondern Radio, das auf allen Kanälen stattfindet. "Alle unsere Sendungen werden auch auf YouTube und in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram und LinkedIn verbreitet", beschreibt der Chefredakteur die Strategie.
"Wir machen Radio, das man klassisch über den Empfänger hören kann - aber man kann uns auch in den sozialen Netzwerken sehen." Alle Sendungen landen zudem als Podcast auf der Website und auf Plattformen wie Spotify oder Deezer: "Alles, was wir auf Sendung haben, gibt es auch als Podcast - wir sind überall verfügbar."
Theologie und Professionalität
Trotz dieser Öffnung bleibt der Kern klassisches Radiohandwerk - und eine Redaktion, die ihr kirchliches Profil reflektiert. Der Direktor selbst hat neben der Journalistenschule ein Theologiestudium absolviert. "In einem Medium wie unserem ist es mir wichtig, ein guter Radioprofi zu sein und zugleich solide theologische Kenntnisse zu haben", sagt er. Nicht alle Kolleginnen und Kollegen bringen diese Doppelqualifikation mit, aber er legt Wert darauf, "dass unsere Journalistinnen und Journalisten zumindest mit der Lehre der Kirche vertraut sind".
Dabei ist es gesetzlich unmöglich, nur überzeugte Katholiken zu beschäftigen. "In Frankreich ist es verboten, jemanden danach einzustellen, ob er einer bestimmten Religion angehört oder nicht", betont er. Was er erwarte, sei etwas anderes: "Wir stellen die Lehre der Kirche nicht in Frage, aber wir erlauben uns, Fragen zu stellen", sagt er. Es gehe um eine "konstruktive Kritik, die tiefer gräbt, um zu verstehen und einzuordnen".
Hinzu kommt ein Standortvorteil: In Paris ist die Nähe zu Wissenschaft und Theologie besonders gut gegeben. Das erleichtert es der Redaktion, Gesprächspartner zu finden, die kirchliche Lehre, ethische Konflikte und gesellschaftliche Großthemen kompetent einordnen können.
Paradox der säkularen Gesellschaft
Am Ende des Gesprächs kommt der Direktor auf die Rolle der Kirche in einer zunehmend säkularen Gesellschaft zu sprechen. "Da steckt ein Paradox: Auf der einen Seite eine Gesellschaft, die Religion aus dem öffentlichen Bild verdrängen will, auf der anderen Seite 21.000 Taufen zu Ostern", sagt er.
Für RCF Notre Dame sei das Auftrag und Chance zugleich: "Wir müssen unseren Hörerinnen und Hörern helfen zu unterscheiden, nachzudenken und ihren Glauben zu nähren." Zwischen missionarischer Verkündigung und kritischem Diskurs entsteht so ein Programm, das versucht, dem Leben einen Sinn zu geben - mitten im Lärm des Pariser Boulevards und weit darüber hinaus.