Psychosoziale Betreuung der Hochwasser-Opfer

Wenn Regentropfen Angst auslösen

Nach der Unwetterkatastrophe hat die psychosoziale Notfallversorgung im Einsatzgebiet viel zu tun. Betroffene müssen das Geschehene nun verarbeiten. Frank Waldschmidt von den Maltesern erklärt, worauf es in dieser Zeit ankommt.

Malteser im Flutgebiet / © Harald Oppitz (KNA)
Malteser im Flutgebiet / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie bieten psychosoziale Notfallversorgung an. Was liegt denn da gerade bei Ihnen an?

Frank C. Waldschmidt (Theologe, Malteser, Fachberater für Psychosoziale Notfallversorgung für Bevölkerung und Einsatzkräfte, Leiter der Beratungs- und Koordinierungsstelle Schleidener Tal): Nach fast drei Wochen der Akutversorgung, die vor allen Dingen darin bestand, sich an Punkten wie den Essensausgaben mit ansprechbarem Fachpersonal zu tummeln, was jetzt gerade auch noch die Notfallseelsorge macht, heißt es nun, einfach gesehen zu werden. Das ist ein Angebot, niederschwellig mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

Da haben sich bereits Dinge ergeben. In Teilen wurde eine aufsuchende Tätigkeit gemacht, die wir sonst eigentlich nicht machen. Mit den Einsatzkräften, die erst langsam zur Ruhe kommen, haben wir im Prinzip Einsatzabschlüsse gemacht und geguckt, in welchen Situationen sie gewesen sind, um dann gezielte weiterführende Interventionen für die kommenden Wochen zu planen. Das ist bei Einsatzkräften wichtig, dass die erst mal im Alltag ankommen, körperlich sich alles wieder beruhigt und die Seele und der Körper aus dem Einsatz kommt. Das braucht eben ein paar Tage mehr.

Bei der Bevölkerung merken wir jetzt auch, dass die meisten Keller oder viele Keller leer sind und man bei den Freunden geholfen hat. Jetzt kommt das erste Nachdenken und Realisieren und man merkt auch an unseren Hotlines, dass sich jetzt Menschen melden, die sagen: Irgendwas ist anders bei mir. Ich schlafe schlecht, ich esse nicht richtig. Das sind genau die Dinge, die wir auch eben hören wollen, um den Menschen dann weiterführende Hilfen anzubieten.

DOMRADIO.DE: Wir haben vor ein paar Tagen mit einer Betroffenen gesprochen, die gesagt hat, es wird nicht besser, sondern immer schlimmer, jeden Tag merke man mehr, dass alles weg ist. Ist das ein logischer Prozess?

Waldschmidt: Genau. Jetzt kommen die Dinge hoch, die unbewusst gelaufen sind, und der Körper, das Gehirn muss das auf die Kette bekommen. Das war bisher im Alarmzustand und jetzt muss man sich vorstellen, dass da ganz viele Puzzleteile sind, die nun zusammenkommen. Diese Puzzleteile zeigen sich häufig in Form von Bildern oder Geräuschen. Menschen sagen zum Beispiel: Früher bin ich mit dem Geräusch der Erft gut eingeschlafen, jetzt macht mich das nur noch wahnsinnig.

Das heißt, die Leute merken jetzt eigentlich das, was sie erlebt haben. Man muss sich das vorstellen wie ein inneres Kino, wo jetzt plötzlich dieser schlimme Film läuft, den die Leute erlebt haben. Da wollen wir ihnen Unterstützung geben, damit zurechtzukommen. Solche Naturkatastrophen, die verarbeiten sich etwas anders als zum Beispiel Unfälle. Das hat damit zu tun, dass viele betroffen sind. Aber solch eine Katastrophe ist zu bewältigen, auch in der gesellschaftlichen Masse, die man jetzt gerade erlebt. Und da sind so stabilisierende Effekte wie die Solidarität der anderen Menschen unglaublich positive Ressourcen für die Leute, die jetzt so existenziell getroffen sind.

DOMRADIO.DE: Entwickeln sich daraus auch vielleicht posttraumatische Belastungsstörungen, die wir jetzt noch gar nicht so genau sehen?

Waldschmidt: Das weiß man nicht, das kann sein. Es gibt viele Voraussetzungen, die dabei eine Rolle spielen. Positive Dinge, die dem entgegenwirken, sind zum Beispiel so lange wie möglich im Tun bleiben. Also tatsächlich auch das Kellerschippen und bei Freunden helfen. In Aktion bleiben ist etwas Gutes. Genauso wie die Einsatzkraft, die im Einsatz bleibt. Es ist alles gut, bis sie dann in die Hilflosigkeit gerät. Das ist bei manchen Einsatzkräften in diesen Nächten gewesen, dass sie wirklich eine Form von Hilflosigkeit und Sorge erlebt haben, die sie bis dahin noch nicht kannten, die mit solchen Ereignissen zusammenhängt.

Mit den Angeboten, die wir jetzt mittelfristig und kurzfristig schaffen, soll eben eine potenzielle Traumatisierung vermieden werden. Dazu haben wir viele Dinge geplant in den nächsten Wochen. Dazu gehören auch zum Beispiel spezielle Katastrophen-Nachsorgegruppen. Die kennen wir von solchen Ereignissen wie Eschede, Germanwings oder Ramstein, wo man viel Erfahrung mitgebracht hat, dass Menschen, die so etwas erlebt haben, quasi in organisierte Gruppen kommen, für die das Thema eben noch lange ein Thema sein wird. Wir rechnen jetzt ungefähr mit einer Zeit, die analog zu den psychologischen Belastungen einhergeht, von etwa sechs Monaten.

Es wird eine Zeit kommen, in der mehr Regen fällt, es dunkler wird und die Menschen noch nicht in die Sicherheit zurückkehren konnten. Das Haus ist die Sicherheit. Die Sicherheit ist nicht mehr da. Für manche Menschen ist die Sicherheit auch nicht mehr im Ort. Ich kenne eine Menge Menschen von der Ahr und auch hier aus dem Schleidener Tal, die sagen: "Ich bin mir gar nicht mal mehr so sicher, ob ich an diesen Ort zurückkehren will." Sie müssen also einen neuen Ort der Sicherheit finden.

Von der "Maslowschen Bedürfnispyramide" kennen Sie das – diese grundsätzlichen Dinge: einen sicheren Ort haben, eine Wohnung, Familie – mal ganz unabhängig von den Basisbedürfnissen. Das wird eine große Herausforderung sein für die Zukunft, dass diese Menschen sichere Orte wieder finden.

DOMRADIO.DE: Haben Sie noch etwas, was Sie den Menschen als grobe Grundhilfe an die Hand geben könnten?

Waldschmidt: Auf jeden Fall. Dazu bieten wir auch Gruppen an, in denen Fachpsychologen ihnen helfen, mit solchen Reaktionen umgehen zu können. Sie werden im Prinzip auf das vorbereitet, was passiert. Ich kenne das von den Einsätzen in Sachsen, damals bei der Elbe-Flut, dass uns Menschen gesagt haben, "Herr Waldschmidt, wir wissen ganz genau, wie sich der gefährliche Regen anhört."

Durch eine sogenannte Erziehung, Psychoedukation nennen wir das, bekommen die Menschen erklärt, dass das, was ihnen jetzt körperlich passiert, erst einmal eine völlig normale und angemessene Reaktion ist. Das ist wieder die Alarmreaktion des Gehirns, die sich Sorge um den Körper und um den Menschen macht. Und sie bekommen dann in Kurzanleitung die Hilfen, wie sie damit umgehen können.

Da haben wir Psychologen eben Dinge, die wir den Leuten ganz aktiv an die Hand geben können. Das ist einmal Aufklärung, Verstehen – und andererseits auch Tools wie Klopftechniken oder Ähnliches, Entspannungstechniken, wie sie dann diesen Dingen entgegenwirken können. Das ist wieder etwas, dass wir sie nicht in der Ohnmacht und Hilflosigkeit lassen, sondern sie wieder ins Tun bringen können. Also ich bleibe nicht ohnmächtig, sondern ich verstehe, was passiert und ich kann etwas tun gegen die Angst, die mir jetzt in mir aufgekommen ist, weil die Regentropfen wieder fallen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR