Wehrpflichtsdiskussion: Wie ein Seelsorger Kriegsdienstverweigerer begleitete

"Jugendliche wollten friedliche Zukunft"

Deutschland diskutiert über die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Seit 2011 ist das Geschichte. Jugend-Seelsorger Winfried Motter ist den Weg der Kriegsdienstverweigerer oft mitgegangen und hat den Jugendlichen geholfen.

Bundeswehr steht in den Schlagzeilen / © Karl-Josef Hildenbrand (dpa)
Bundeswehr steht in den Schlagzeilen / © Karl-Josef Hildenbrand ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie haben über zehn Jahre lang Beratung angeboten, auch als Stadt-Jugendseelsorger für die jungen Männer, die nicht zum Bund, sondern den Zivildienst machen wollten. Das ging ja nicht einfach so mit "Hiermit beantrage ich Zivildienst, sondern das waren irgendwie speziellere Verfahren. Wie lief so etwas ab?

Winfried Motter (Pfarrer und Ehren-Präses des Kolpingwerks): Sie mussten ein eine schriftliche Begründung abliefern, dass sie aus Gewissensgründen verweigern. Und sie mussten zu einem Verfahren – ähnlich wie einem Gerichtstermin. Da gab es einen Vorsitzenden und einen Beisitzer. Ich bin als Beistand oder Rechtsbeistand, beziehungsweise als Seelsorge-Beistand mitgegangen.

DOMRADIO.DE: Sie waren damals vom Generalvikar mit einer Urkunde befugt worden, diese Begleitungen der Kriegsdienstverweigerer zu machen. Was hat Sie dazu qualifiziert, warum konnten Sie das machen?

Pfarrer Motter: Als Seelsorger ist mir natürlich der Bereich des Gewissens ganz nahe und nicht fremd. Allerdings habe ich festgestellt, dass die Wehrdienstverweigerer bisher noch nie oder ganz selten über ihr Gewissen gesprochen hatten. Das musste ich mit ihnen auffrischen und einüben. Ich habe sie gebeten von ihrer Begründung zu erzählen und auch von ihrem Lebensweg. Das haben sie dann sehr ausführlich gemacht. Wenn das eine halbe Stunde ging, dann habe ich sie unterbrochen und gesagt: "Ihr habt jetzt ganz viel erzählt, aber noch nicht einmal mit einem Wort das Thema Gewissen erwähnt."

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie den jungen Menschen das dann erklärt, was das Gewissen ist?

Pfarrer Motter: Ich habe ihnen dann versucht zu helfen, indem ich zwei Beispiele eingebracht habe: Das Gewissen, das kann ich ja nicht auf den Tisch legen wie ein Schulheft. Das Gewissen ist für mich am besten mit einer Befehlszentrale zu erklären. Diese Befehlszentrale verpflichtet denjenigen, der auf sein Gewissen hört, nur nach seinem Gewissen zu handeln.

Und das zweite Beispiel: Das Gewissen ist wie ein Richter nach einer Handlung. Nach einer Entscheidung haben sie die Möglichkeit auf ihr Gewissen zu hören und das meldet sich und sagt eventuell auch "Da hast du etwas falsch gemacht".

DOMRADIO.DE: Es hat ja nicht geholfen, zu sagen: "Ich bin guter Christ und Jesus hat auch gewaltfrei gelebt. Deshalb sagt mir meine Religion, ich soll keine Waffe in die Hand nehmen"?

Pfarrer Motter: Nein! Es galt auf keinen Fall. Also politische Begründungen, religiöse Begründungen oder persönliche Erfahrungen aus den Familien galten nicht als Anerkenntnis der Gewissensentscheidung.

Es war für mich wirklich eine Bereicherung diese jungen Menschen in der Jugendseelsorge zu erleben. Und zu sehen, wie sehr die Jugendlichen darauf bedacht waren, eine friedliche Zukunft zu schaffen. Das war in den Jugendverbänden, das war in der Jugendseelsorge gang und gäbe. Und sie hatten ein hohes Ansehen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Quelle:
DR
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