Weggefährtin klagt katholischen Landarbeiter-Held des Missbrauchs an

US-Bürgerrechtsikone im Zwielicht

Nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs stürzt ein einstiger Held der US-Landarbeiter vom Sockel. Nicht nur die von US-Bürgerrechtler César Chávez mitgegründete Gewerkschaft ist über die Enthüllungen schockiert.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Portrait von César Chávez, Mitgründer der US-amerikanischen Landarbeitergewerkschaft United Farm Workers Chavez. / © CNS Archivbild/CNS photo (KNA)
Portrait von César Chávez, Mitgründer der US-amerikanischen Landarbeitergewerkschaft United Farm Workers Chavez. / © CNS Archivbild/CNS photo ( KNA )

Dolores Huerta (95) trug das düstere Geheimnis jahrzehntelang mit sich herum. 

Am Mittwoch ging die langjährige Weggefährtin César Chávez (1927-1993) an die Öffentlichkeit. Auch sie sei von dem US-Bürgerrechtler, Gewerkschafter und Katholiken sexuell missbraucht worden.

Bürgerrechts- und Frauenaktivistin Dolores Huerta erhält am 29. Mai 2012 im Weißen Haus die Presidential Medal of Freedom. / © Rena Schild (KNA)
Bürgerrechts- und Frauenaktivistin Dolores Huerta erhält am 29. Mai 2012 im Weißen Haus die Presidential Medal of Freedom. / © Rena Schild ( KNA )

Huerta beschrieb zwei sexuelle Übergriffe durch Chávez. Beim ersten Mal sei sie "manipuliert und unter Druck gesetzt" worden. Beim zweiten Mal 1966 sei es "gegen meinen Willen" geschehen. Beide Male wurde sie schwanger. Sie brachte die Kinder heimlich zur Welt und gab sie in die Obhut anderer. 

Huerta, selbst eine Ikone der Landarbeiterbewegung, ging an die Öffentlichkeit, nachdem die "New York Times" Recherchen zu den Vorwürfen anderer Frauen veröffentlicht hatte. Chavez starb 1993 im Alter von 66 Jahren in Kalifornien, einem Bundesstaat, der seinen Geburtstag am 31. März offiziell zum Feiertag erhoben hat.

Frauen als Eigentum betrachtet

Sie erzählte ihre Geschichte, weil ihr klar geworden sei, "dass ich nicht die Einzige war", so die 95-Jährige. Jetzt verstehe sie, dass sie "eine Überlebende von Gewalt, sexuellem Missbrauch, herrschsüchtigen Männern" sei. Diese hätten sie und andere Frauen als Eigentum betrachtet. 

Warum sie so lange schwieg? Sie habe das Geheimnis so lange bewahrt, weil sie von den anderen Frauen nichts gewusst habe. "Der Aufbau der Bewegung und die Sicherung der Rechte der Landarbeiter waren mein Lebenswerk." Sie habe es nicht zulassen wollen, dass irgendjemand dies beschädige.

Huerta setzte damit den Ton. Die United Farm Workers nannten die Vorwürfe gegen ihren Gründer "zutiefst schockierend" und sagten die jährlichen Feiern zum César-Chávez-Tag ab. Der demokratische Gouverneur Gavin Newsom erwog, den Feiertag umzubenennen: "Wir müssen darüber sprechen. Ich denke, das ist das Richtige."

Chávez war über Jahrzehnte die zentrale Figur im Kampf für die Rechte der Landarbeiter in den USA. Geboren 1927 in der Nähe von Yuma in Arizona, wuchs er in einer mexikanisch-amerikanischen Familie auf, die durch Kalifornien zog und Salat, Trauben, Baumwolle und andere Feldfrüchte erntete. 

1962 gründete er gemeinsam mit Huerta die National Farm Workers Association, aus der später die United Farm Workers of America hervorgingen. Sein 25-tägiger Hungerstreik 1968 gegen Gewalt und unmenschliche Arbeitsbedingungen machte ihn landesweit bekannt. Ein von ihm organisierter Traubenboykott zwang die Anbauer schließlich an den Verhandlungstisch.

Auch minderjährige Opfer

Die Recherchen der "New York Times" fügen seiner Lebensgeschichte nun ein dunkles Kapitel hinzu. Demnach verging sich Chávez in seiner Zeit als Aktivist nicht nur an erwachsenen Frauen, sondern auch an Minderjährigen wie Ana Murguia. Sie berichtete der Zeitung, Chávez habe sie erstmals sexuell belästigt, als sie 13 war. In den folgenden vier Jahren sei es zu "Dutzenden" sexuellen Begegnungen gekommen.

Eine weitere Betroffene, Debra Rojas, gab an, Chávez habe sie mit zwölf Jahren unsittlich berührt und mit 15 Jahren zum ersten Mal Sex mit ihr gehabt. Die Zeitung fand "umfangreiche Beweise" dafür, dass der Bürgerrechtler mehrere Mädchen systematisch an sich gebunden habe.

Vorstoß für Seligsprechung

Die Vorwürfe sind umso schockierender, weil er auch als gläubiger Katholik galt. Anhänger versuchten jahrelang, ein Seligsprechungsverfahren für ihn einzuleiten. In einer TV-Dokumentation von 2023 mit dem Titel "Wie der Katholizismus César Chávez' soziales Engagement prägte" beschrieb er seinen Glauben als tätige Liebe. 

"Ich gehe hinaus und tue Dinge. Das ist es, was ich für wahren Glauben halte, und das ist es, was Christus uns wirklich gelehrt hat: etwas zu tun."

Den prominentesten Vorstoß für eine Seligsprechung hatte 2015 Pfarrer Jon Pedigo aus Chávez' Heimatgemeinde unternommen. Mit Blick auf das erforderliche Wunder argumentierte er, der Held der Landarbeiter habe ein "Wunder des sozialen Wandels" vollbracht. 

Jetzt steht die Latino-Gemeinschaft Kaliforniens vor der schmerzhaften Erkenntnis, dass ihr Held in Wahrheit keiner ist. Die langjährige Weggefährtin Huerta machte unmissverständlich deutlich: Es gebe "keine Worte, die stark genug sind, um diese abscheulichen Taten zu verurteilen".

Die katholische Kirche in den USA

Die römisch-katholische Kirche ist die größte Glaubensgemeinschaft der USA, denn die Protestanten teilen sich in verschiedene Konfessionen. Ein knappes Viertel der US-Amerikaner ist katholisch, die meisten Katholiken leben im Nordosten und im Südwesten. Genaue Zahlen sind schwierig, weil in den USA der Wechsel einer Konfession sehr häufig vorkommt.

Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 (shutterstock)
Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 ( shutterstock )
Quelle:
KNA