Was zwei deutsche Zahnärzte im Südsudan erleben

Zähne ziehen, Infektionen vorbeugen

Auf Bitten der südsudanesischen Bischofskonferenz reisen zwei deutsche Zahnärzte regelmäßig in den Südsudan, um die zahnmedizinische Infrastruktur zu unterstützen. Im Land gibt es so gut wie keine staatliche Gesundheitsversorgung.

Autor/in:
Paul-Philipp Braun
Der deutsche Zahnarzt Alexander Schafigh (re.) während einer Behandlung im St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun (epd)
Der deutsche Zahnarzt Alexander Schafigh (re.) während einer Behandlung im St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun ( epd )

An diesem Sonntagmorgen ist es voll im St. Theresa-Hospital in Nzara im südsudanesischen Bundesstaat Western Equatoria. Die Regenzeit beginnt und die Straßen zum Klinikum sind verschlammt. Trotzdem haben sich mehr als 100 Menschen aufgemacht, um sich in St. Theresa behandeln zu lassen. Schon Tage zuvor haben örtliche Radiosender von der Ankunft eines deutschen Zahnarztteams berichtet, auch im sonntäglichen Gottesdienst wurden die Mediziner angekündigt.

Während sich die Patientinnen und Patienten vor der Tür der kleinen Zahnklinik auf lange Wartezeiten einrichten, baut drinnen Zahnarzt Armin Reinartz aus dem rheinischen Stolberg mit einem Schreibtischstuhl und einer Stirnleuchte seine improvisierte Untersuchungspraxis auf. Hier sollen zunächst die Schmerzpatienten von den weniger dringlichen Fällen getrennt werden. "Wir machen hier erst einmal eine Triage", sagt Reinartz und bittet seinen Kollegen Andrew Ngbamboligbe um Unterstützung bei der Erstbegutachtung.

Nächste Zahnklinik ist zwölf Stunden Autofahrt entfernt

Ngbamboligbe kam vor einigen Jahren als Flüchtling aus dem Kongo in den Südsudan. Er lebte im Flüchtlingslager Makpandu, bot dort seine Dienste als Zahnarzt an und ist inzwischen Leiter der Dentalabteilung in Nzara. Eine neue Patientin hält sich die Wange vor Schmerz. "Abszess", sagt Armin Reinartz auf Englisch und sein Kollege stimmt ihm nickend zu. Ein Notfall, der sofort behandelt werden muss.

Zahnarzt Andrew Ngbamboligbe bei der Aufnahme der Patienten im St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun (epd)
Zahnarzt Andrew Ngbamboligbe bei der Aufnahme der Patienten im St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun ( epd )

Reinartz ist zum zweiten Mal für etwas mehr als eine Woche im Südsudan. Seine Tochter führt die gemeinsame Praxis in der Zeit allein. 2025 war er über die Vermittlung eines befreundeten Entwicklungshelfers und auf Bitten der nationalen Bischofskonferenz zum ersten Mal in das Krankenhaus gekommen, um die beiden Kollegen vor Ort zu unterstützen. "Das ist hier die einzige Zahnklinik weit und breit", sagt er. "Die nächste Möglichkeit ist in der Hauptstadt Juba. Das sind von hier aus rund zwölf Stunden mit dem Auto oder mehr als eine Stunde mit dem teuren Flugzeug. Für die hiesigen Patienten mehr als eine Zumutung - oft auch finanziell."

Südsudan, das 2011 seine Unabhängigkeit vom Sudan erlangte, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Gewalttätige ethnische und politische Konflikte, Dürren und Überschwemmungen haben viele Menschen zu Vertriebenen werden lassen. Rund 70 Prozent der gut zwölf Millionen Einwohner sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, gerade einmal 1,3 Prozent des Staatshaushalts werden in die Gesundheitsversorgung investiert.

Hilfe zur Selbsthilfe

Unzählige Male war Reinartz bereits zur zahnmedizinischen Unterstützung in afrikanischen Ländern unterwegs. Vier Monate lang lebte und arbeitete er zusammen mit seiner Frau in einem Dorf in Kamerun. "Es geht uns eigentlich darum, dass wir hier nicht zum Behandeln kommen, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wir besorgen zahnmedizinisches Equipment aus Europa und bilden die Leute vor Ort weiter", erklärt Reinartz den Ansatz der Organisation, für die er seit Jahren unterwegs ist.

Der deutsche Zahnarzt Alexander Schafigh (re.) ist mit der Organisation "Secours Dentaire International" im Südsudan. / © Paul-Philipp Braun (epd)
Der deutsche Zahnarzt Alexander Schafigh (re.) ist mit der Organisation "Secours Dentaire International" im Südsudan. / © Paul-Philipp Braun ( epd )

"Secours Dentaire International" wurde 1986 von Schweizer Zahnärzten gegründet. Sie haben zunächst in West- und Ostafrika Dentaltherapeuten ausgebildet. Inzwischen gehören rund 50 Schweizer Zahnärzte und drei Kollegen aus Deutschland dazu. Viele von ihnen reisen immer wieder auf den afrikanischen Kontinent, geben dort ihr Wissen weiter und sammeln in Deutschland und der Schweiz Geld- und Sachspenden.

Geräte und Material aus Deutschland

An diesem Sonntag im Nzara mitten im Äquatorregenwald-Gebiet müssen sich Armin Reinartz und sein deutscher Kollege Alexander Schafigh aufteilen: Reinartz und Ngbamboligbe übernehmen die Triage, Schafigh und der kongolesische Zahnarzt Joseph Kindosa behandeln die ersten Akutfälle. Vornehmlich gehe es darum, Zähne zu ziehen und Infektionen vorzubeugen, weist Kindosa seinen deutschen Kollegen ein. Auf rund zehn Quadratmetern haben sie ihren Behandlungsraum eingerichtet. Immer zwei Patienten können parallel versorgt werden, örtliche Helfer unterstützen.

Patienten vor dem St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun (epd)
Patienten vor dem St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun ( epd )

In der Ecke steht ein kleiner Instrumenten-Sterilisator, welcher in diesen Tagen im Dauereinsatz ist und vor sich hin brummt. Ein deutscher Augenarzt hatte ihn einige Jahre zuvor für die örtliche Augenklinik besorgt. Armin Reinartz hatte schon im vergangenen Jahr einige zahnärztliche Geräte nach Nzara transportiert, wie einen Poliermotor für Zahnprothesen. Dieses Jahr brachten die deutschen Ärzte zusätzliche Instrumente und Materialien für Zahnfüllungen mit.

Häusliche Gewalt

Mehr als 100 Zähne müssen Reinartz und seine Kollegen jeden Tag ziehen. Oftmals sei nur noch die Wurzel im Kiefer, berichtet Reinartz. Hinzu kommen Abszesse und andere Entzündungen. Viele Patientinnen wiesen zudem Anzeichen von häuslicher Gewalt auf: Es sei keine Seltenheit, sagt Armin Reinartz, dass Frauen beschädigte Zähne hätten.

Patienten vor dem St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun (epd)
Patienten vor dem St. Theresa-Hospital in Nzara. / © Paul-Philipp Braun ( epd )

Am Ende des Tages haben Reinartz und Schafigh unzählige Spritzen mit Betäubungsmitteln aufgezogen, der kleine Sterilisator in der Ecke hat durchgehalten. Nur der Akku der Stirnleuchte schwächelt. Am Tag darauf werden die beiden Zahnärzte wieder in das Krankenhaus kommen, wieder Zähne ziehen und ihren afrikanischen Kollegen zeigen, wie sie mit dem mitgebrachten Material aus Deutschland Zahnfüllungen herstellen können. Damit die Patientinnen und Patienten auch versorgt werden können, wenn Reinartz und Schafigh wieder abgereist sind.

Quelle:
epd