DOMRADIO.DE: Über 370.000 Menschen haben sich im Vorfeld schon in Assisi angemeldet. Sie wollen sich nicht nur die Gebeine, sondern auch die Ausstellung rund um das Grab des heiligen Franz von Assisi ansehen. Was erfährt man denn ab Sonntag in Ihrer Ausstellung?
Pater Thomas Freidel OFM Conv. (Pilgerseelsorger in Assisi): Die Ausstellung im Kreuzgang dokumentiert die ganze Geschichte des Grabes: Nach dem Tod des Franziskus bei der Portiuncula-Kapelle wird sein Leichnam vier Jahre lang in einer anderen Kirche hier in der Stadt beigesetzt. Dann beginnt man mit dem Bau der Grabeskirche. Anschließend kommt die Überführung im Jahr 1230, bei der der Leichnam hierher gebracht und hier beigesetzt wird.
Das waren schon turbulente Umstände. Man hat die Basilika verschlossen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Leichnam beigesetzt. Dann war das Grab vielleicht in den ersten 200 Jahren noch von innen zugänglich, aber darüber gibt es keine genauen Informationen. Ab dem 15. Jahrhundert sollte es dann definitiv verschlossen gewesen sein. Dazu haben wir ein Dokument von Papst Eugen IV.
DOMRADIO.DE: Was ist in der Ausstellung konkret an Bildern und Objekten zu sehen?
Freidel: Das sind Stellwände mit Bildern, die die Geschichte illustrieren, und die entsprechenden Dokumente zeigen, die wir haben. Vor allem interessant wird es ab etwa 1700. Da hat man erste Versuche unternommen, das Grab freizulegen. Darüber gibt es Dokumente zu sehen.
Zum Glück, muss man sagen, hat Papst Pius VII. erst nach dem Abzug der napoleonischen Besatzung die Erlaubnis gegeben, das Grab auszugraben. Dazu gibt es in der Ausstellung das Bild von der entsprechenden Urkunde von ihm zu sehen und dann das Schema, wie man das gemacht hat.
Man hat in über 50 Nachtgrabungen, wenn die Kirche geschlossen war, das Grab freigelegt. Es war unter schweren Steinplatten verschlossen, das sieht man auch auf der Skizze. Es konnte aber dann geöffnet werden. Das war der besondere Moment. Dazu gibt es dann auch diese eigene Bulle des Papstes, in der er der Weltöffentlichkeit mitgeteilt hat, dass das Grab des Franziskus wiedergefunden wurde.
Man wusste ja immer, dass es dort ist, aber es ist jetzt eben wieder zugänglich. Und dann kam es zum Bau einer neuen Krypta, sodass heute manche Leute von einer dreistöckigen Kirche sprechen: Unterkirche, Oberkirche und diese neue Krypta. Das stimmt nicht so ganz. Diese ganz neue Krypta wurde 1818 angelegt, damit man hinuntergehen kann und dort den Stein-Sarkophag sehen kann. Mehr sieht man da normalerweise nicht.
DOMRADIO.DE: Bleibt das jetzt auch so bei der Ausstellung oder wie werden die Gebeine des heiligen Franziskus präsentiert?
Freidel: Die Gebeine werden am Samstagnachmittag herausgenommen. Normalerweise sieht man den Stein-Sarkophag. Darin ist ein Metallsarg aus dem Jahr 1818 und in diesem Metallsarg ist ein Plexiglas-Gehäuse aus dem Jahr 1978. Zu dem Zeitpunkt war die große Rekognoszierung, also die Untersuchung der Gebeine. Darin befinden sich die sterblichen Überreste von Franziskus.
Dieses Plexiglas-Gehäuse wird in die Unterkirche gebracht, dort aufgebahrt und ist dort vier Wochen lang zur Verehrung zu sehen. Das ist ein eindrucksvolles Bild, denn es kommt da zu einer ganz interessanten Sache: Wir sehen einerseits den Leichnam des Franziskus, das sind ganz armselige, sterbliche Überreste, ziemlich stark pulverisiert. Es sieht wirklich arm und schwach aus, also es ist das, was von jedem Menschen, von jedem von uns, am Ende mal übrig bleiben wird.
Andererseits ist über dem Altar ein Gemälde von Giotto über den verherrlichten Franziskus. Das ist eine absolut übertriebene Darstellung: Man sieht ihn im goldenen Gewand auf dem Thron in den Himmel hinaufgehoben. Genau dieser Kontrast ist spannend: Diese einfachen, sterblichen Überreste von ihm und dann dieses Bild, das ja sagen will: Franziskus ist in der Vollendung bei Gott. Wenn Gold in der Kunst zu sehen ist, ist das immer ein Hinweis auf Ewigkeit, auf Vollendung bei Gott.
Das ist genau die Botschaft, die an diesen nächsten Tagen so deutlich herüberkommt. Was am Ende des Lebens übrig bleibt, ist schwach, aber der Tod ist der Hinübergang in neues und ewiges Leben. Gerade Franziskus selbst hat ja in seinem Sonnengesang diesen positiven Blick auf den Tod ausgedrückt: Sei willkommen, "sorella morte" - Bruder Tod, sagen wir auf Deutsch, der mir die Tür zum neuen und ewigen Leben öffnet. So ist es ein Hoffnungsbild für jeden, der hierherkommt. Ohnehin schon immer und gerade jetzt, wo auch die sterblichen Überreste eine Zeit lang sichtbar sind.
DOMRADIO.DE: Wenn sich jemand, der so etwas nicht so kennt, vielleicht wundert und fragt, wie die Ausstellung der sterblichen Überreste mit der Wahrung der Totenruhe zusammenpasst, was würden Sie dem entgegnen?
Freidel: Natürlich ist das eine Ausnahme. In der Kirche haben wir in der Heiligenverehrung den Gedanken, dass ein Heiliger keine Privatperson in dem Sinn mehr ist, sondern er spricht auch über den Tod hinaus; sein Beispiel wirkt auf die Menschen. Man muss bedenken: Der Leib des Menschen ist ein Ereignisort des Glaubens. Vom Wasser, das wir bei der Taufe übergegossen bekommen, bis hin zu dem kleinen Stück Brot, das wir essen, in dem wir Christus in uns aufnehmen, bis hin zur Salbung am Ende des Lebens oder in Tagen der Krankheit.
Der Leib des Menschen ist wichtig und wir wollten das zu diesem besonderen Anlass, dem 800. Todestag, auch einmal so deutlich sichtbar machen. Das ist Franziskus, wie er eben uns hier erhalten ist. Aber er lebt. Es geht nicht um die sterblichen Überreste. Das Ziel ist Gott selbst. Franziskus ist ein Wegbegleiter hin zu diesem Ziel.
Das Interview führte Heike Sicconi.