Was passiert mit den WM-Stadien?

"Tempel" zwischen Abriss und Umnutzung

Für die Fußball-WM in Katar wurden gigantische Stadien errichtet, unter hohem Material- und Menschenaufwand. Doch was passiert mit diesen Fußballtempeln nach der WM? Eine Frage der Nachhaltigkeit.

Blick auf das Chalifa International Stadion in Katar / © Adam Davy (dpa)
Blick auf das Chalifa International Stadion in Katar / © Adam Davy ( dpa )

In den Hallen nur Stille - immer mehr Kirchen in Deutschland stehen leer, werden nicht mehr gebraucht. Wie mit ungenutzten Sakralbauten verfahren wird, ist oft eine emotionale Entscheidung; viele Erinnerungen, manchmal auch viel Historie hängt an dem Gemäuer. Sie müssen zunächst entweiht werden. Danach bestehen praktisch zwei Möglichkeiten: Abriss oder Umnutzung.

Im Folgenden soll es nicht um Kirchen gehen; doch lässt sich die Geschichte von Glanz, Verfall und "Entweihung" auch auf Bauwerke anwenden, die manch einem ebenfalls als "heilige Stätten" gelten: Fußballstadien, im Volksmund auch "Fußballtempel" genannt. Mit Blick auf die anstehende WM in Katar fragt sich, was mit den eigens errichteten Stadien in dem Wüstenstaat geschieht; nach dem Turnier, wenn die Euphorie verflogen ist und der Fußballzirkus weiterzieht.

Blick in das Ahmad Bin Ali Stadion in Doha / © Christian Charisius (dpa)
Blick in das Ahmad Bin Ali Stadion in Doha / © Christian Charisius ( dpa )

Gigantismus von Stadionbauten

Mahnendes Beispiel ist Brasilien: Die für die WM 2014 neugebaute Amazonia-Arena in Manaus fasst rund 42.000 Zuschauer und zählt zu den schönsten Stadien des Landes. Vier Vorrundenspiele wurden dort ausgetragen. Seitdem steht das Stadion praktisch leer; weder Sportvereine noch Konzertveranstalter können den Giganten mitten im Urwald brauchen. Der 68.000-Zuschauer-Koloss Estadio Nacional in der Hauptstadt Brasilia hat zumindest noch eine Bestimmung: Es dient als einer der architektonisch schönsten - und teuersten - Busparkplätze der Welt.

Brasilien wird gern zitiert, wenn über zweifelhaften Gigantismus von Stadionbauten gesprochen wird. Zumindest ist das Heimatland des Rekordweltmeisters noch durch und durch Fußballnation. Und Katar? Eine Fußballliga gibt es im Emirat, die "Katar Stars League". Das Jassim-Bin-Hamad-Stadion in der Hauptstadt Doha, in dem sowohl Rekordmeister al-Sadd als auch die Nationalmannschaft für gewöhnlich ihre Heimspiele austragen, fasst 15.000 Zuschauer, ist aber kein Austragungsort für das anstehende Turnier: zu mickrig.

Stattdessen wurden in den vergangenen Jahren acht Neubauten errichtet bzw. ein Stadion grundsaniert und ausgebaut, um den Ansprüchen der FIFA nachzukommen. Bis auf eine befinden sich alle neuen Arenen im Großraum der Doppelmetropole von Doha/ar-Rayyan - eine nie dagewesene geografische Ballung von WM-Tempeln.

Umrüstung zur Kleinstadt 

Arbeiter in einem WM-Stadion in Katar / © Hassan Ammar/AP (dpa)
Arbeiter in einem WM-Stadion in Katar / © Hassan Ammar/AP ( dpa )

Für insgesamt 64 WM-Spiele wurden die Stadien errichtet. Und was kommt danach - Abriss, Umwidmung? Zumindest beim Ras-Abu-Aboud-Stadion ist das schon klar: Es wird wieder abgebaut. Tatsächlich besteht die Arena am Hafen hauptsächlich aus fast 1.000 Frachtcontainern, die nach dem Turnier wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt werden. Die restlichen Einzelteile sollen für andere Veranstaltungen wiederverwendet werden.

Bei den anderen Stadien ist die Sache weniger klar. Einige Experten fürchten auch für Katar erneut millionenschwere Investitionsgräber wie in Brasilien oder auch Südafrika, wo die WM 2010 gastierte. Die Verantwortlichen aus Katar wollen aus diesen Fiaskos gelernt haben. Alle Stadien seien etwa so geplant, dass sie ohne viel Aufwand zurückgebaut werden könnten. Für den größten Neubau, das 80.000 Zuschauer fassende Lusail Iconic Stadium, wo am 18. Dezember auch das Finale stattfinden soll, steht eine Umrüstung als separate "Kleinstadt" im Raum, mit Cafes, Schulen und sogar einer Klinik.

Auch die anderen Stadien sollen nach dem Turnier auf die ein oder andere Weise genutzt werden, ohne dass es dazu schon endgültig konkrete Pläne gäbe. Für Katar ist das eine wichtige Imagefrage; verkündete doch der nationale Cheforganisator des Turniers, Hassan Al Thawadi, eine nachhaltige und ressourcenschonende WM.

6000 Gastarbeiter starben beim Bau

Über all dem liegt freilich schon lange vor dem offiziellen Anstoß am 20. November ein dunkler Schatten. Schätzungen zufolge starben mehr als 6.000 Gastarbeiter in Zusammenhang mit den Stadionbauten. "Entweiht" sind die Tempel damit in gewisser Weise ohnehin schon - egal, ob mit nachhaltiger Nutzung oder ohne.

Hilfswerk missio Aachen zeigt Ausbeutung in Katar die rote Karte

Das katholische Hilfswerk missio Aachen will vor Beginn der Fußball-WM auf die Ausbeutung von Migrantinnen im Gastgeberland Katar aufmerksam machen. In einer Online-Petition fordert missio Außenministerin Annalena Baerbock auf, sich beim Emir von Katar für die Belange von Frauen in dem Golfstaat einzusetzen. Die Stimmen aller Unterzeichnerinnen und Unterzeichner will das Hilfswerk im November kommenden Jahres der Grünen-Politikerinnen übergeben. "Denn wir verfolgen das Thema weiter, auch wenn die WM beendet ist und die Fernsehteams weitergezogen sind", so missio.

Vor der Fußball-WM 2022 in Katar / © Christian Charisius (dpa)
Vor der Fußball-WM 2022 in Katar / © Christian Charisius ( dpa )
Autor/in:
Johannes Senk
Quelle:
KNA