Was die Gelsenkirchener Jugendkirche GleisX besonders macht

"Lebenswelt-Orientierung steht ganz vorne dran"

Die Kirchen in Deutschland erreichen junge Leute laut einer aktuellen Studie kaum noch. Woran das liegt und was man besser machen kann, das weiß Jakob Kamin. Er ist Jugendseelsorger der Gelsenkirchener Jugendkirche GleisX.

Junge Leute fassen sich an den Händen / © loreanto (shutterstock)
Junge Leute fassen sich an den Händen / © loreanto ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Sie sind ganz nah an Jugendlichen und jungen Erwachsenen dran. Was ist Ihre Erfahrung? Was vermissen die jungen Leute am meisten in den Kirchen? 

Jugendseelsorger Jakob Kamin / © privat
Jugendseelsorger Jakob Kamin / © privat

Jakob Kamin (Jugendseelsorger der Gelsenkirchener Jugendkirche GleisX): Ich glaube, das GleisX in Gelsenkirchen ist ein Ort, der erstmal ganz anders ist als die klassische Gemeinde, die die Jugendlichen kennen. Bei uns wird viel Wert auf Ästhetik in den Gottesdiensten gelegt. Die Lebenswelt-Orientierung steht ganz vorne dran, auch bei der Gestaltung der Gottesdienste, bei der Auslegung unserer Themen.

Ganz wichtig ist auch, dass es bei uns viel um Freiwilligkeit geht. Du musst nichts leisten, du darfst erst mal einfach sein, ankommen, wieder auftanken und mit einigen Sinn- und Lebensfragen wieder in den Alltag zurückgehen. 

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielen da Fragen wie Hierarchie und mangelnde Gleichberechtigung? Was meinen Sie? 

Kamin: Das wird immer wieder in Gesprächen geäußert. Es gibt viele junge Leute, die sich Fragen stellen, zum Beispiel junge Frauen, ob sie sich in so einer Kirche firmen lassen möchte.

Da ist es wichtig, ins Gespräch zu gehen. Da ist es wichtig, auch die eigenen Positionen und Haltungen zu äußern, aber vor allem auch die jungen Menschen ernst zu nehmen und darin zu bestärken, diese Fragen auch kritisch zu stellen. Denn ich glaube, nur wenn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich äußern und auch laut sind, kann sich in dieser Kirche etwas ändern. 

Jakob Kamin, Jugendseelsorger der Gelsenkirchener Jugendseelsorge GleisX

"Du musst nichts leisten, du darfst erst mal einfach sein, ankommen und auch wieder auftanken."

DOMRADIO.DE: Sie haben schon ein bisschen beschrieben, wie die Jugendkirche Gleis X im Unterschied zu herkömmlichen Kirchen aussieht. Was hat den das Bild Gleis X - dieses Bahnhofsbild - zu bedeuten? 

Kamin: Die Orientierung am Bahnhof ist erstmal ganz klar: Du kommst in eine große Bahnhofshalle, du darfst dich aufhalten, du darfst die Angebote wahrnehmen, die es dort gibt, ganz unterschiedlich nach den Bedürfnissen ausgelegt. Du darfst verweilen, du darfst aber auch wieder gehen, wenn es irgendwann genug ist.

Das Wichtige ist, glaube ich, dieses Bild des Streckennetzes des Lebens. Man kann, ausgestattet mit Sinnfragen und in Begleitung von Seelsorger:innen auch schauen, wo es vielleicht wichtig ist, mal das Gleis zu wechseln, in einen neuen Zug einzusteigen und auch meinem Leben eine neue Richtung zu geben. 

Jakob Kamin, Jugendseelsorger der Gelsenkirchener Jugendseelsorge GleisX

"Damit die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gefühl haben, da ist kein Experte, kein Meister des Glaubens, sondern da ist jemand, der mit mir auf dem Weg ist."

DOMRADIO.DE: Was ist Ihre Erfahrung aus der praktischen Arbeit heraus: Was funktioniert besonders gut? Was spricht junge Frauen und Männer heute besonders an?

Kamin: Ich glaube, junge Menschen spricht vor allem an, wenn sie ein Gegenüber haben, was sie ernst nimmt. Ich glaube, es geht auch ganz viel um Haltung: Wie trete ich im Gottesdienst oder auch in Gesprächen auf?

Ich habe neulich was sehr Schönes gelesen. Da hieß es: Wir brauchen mehr Ahnen als Amen. Das heißt, man muss sich selber auch zeigen, offenbaren und auch offen in der Kommunikation sein. Damit die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gefühl haben, da ist kein Experte, kein Meister des Glaubens, sondern da ist jemand, der mit mir auf dem Weg ist.

Dann geht es natürlich um Ästhetik, das haben wir schon gesagt, aber auch um die verschiedensten Angebote.

Wir haben zum Beispiel ab Sommer das Thema Heimat. Da werden wir im Ruhrgebiet der Frage nachgehen: Was ist Heimat für dich, wo kannst du ankommen und was brauchst du, um dein Leben zu gestalten? Bei den Themen ist es wichtig zu schauen, was gerade angesagt ist und im Gespräch zu hören, was die jungen Menschen brauchen? 

DOMRADIO.DE: Ist denn Sinnsuche überhaupt angesagt? Spüren Sie einen Hunger nach dem, was mein Leben reich macht? 

Kamin: Ganz bestimmt. Das habe ich immer gespürt, auch biografisch. Ich habe eine lange Zeit als Freiwilliger in Taize gelebt, habe dort viele junge Menschen kennengelernt, die ganz stark auf der Suche nach Sinn sind.

Ich erlebe das auch bei uns im GleisX auf die unterschiedlichste Art und Weise. Es gibt Leute, die suchen Gemeinschaft, die sind bei uns im Chor. Es gibt Leute, die suchen ausschließlich den Gottesdienst auf. Und es gibt auch Angebote - die sogenannte Direktverbindung bei uns - wo man sich einfach melden kann, wenn es mal schwierig wird im Leben, wo jemand da ist, der ein offenes Ohr hat.

Ich glaube, darauf kommt es auch an, dass man da ist, wo Brüche im Leben sind und dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen merken, da sind verlässliche Begleiter, die mich ernst nehmen und die mich ein Stück auf dem Weg mitnehmen. 

Jakob Kamin, Jugendseelsorger der Jugendkirche GleisX in Gelsenkirchen

"Ich glaube, dass vor allem auch die Bischöfe zu den Menschen hingehen sollten, dass sie mit ihnen im Gespräch sein sollten."

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich von den Kirchenoberen, von denen, die die Entscheidungen treffen? Was sollten die ganz dringend anders machen? 

Kamin: Ich glaube, einmal geht es darum, denen, die pastoral arbeiten, auch die Zeit dafür freizuräumen, sie nicht immer mehr mit Verwaltung und irgendwelchen übergeordneten Aufgaben zuzuschütten. Denn personales Angebot geht nur mit Zeit und Nähe.

Ich glaube, dass vor allem die Bischöfe zu den Menschen hingehen sollten, dass sie mit ihnen im Gespräch sein sollten und dass man sie nicht nur in einem Bogen gefühlte 20 Meter weit weg erlebt. Vielmehr sollten sie sich von den jungen Menschen sagen lassen, was gerade notwendig ist.

Ich kann da ein ganz gutes Beispiel geben: Unser Bischof kommt im Sommer zu einer Kinderaktion. Da geht es darum, unter dem Titel "Grill den Bischof" auch mal schwierige Fragen zu stellen. Ich glaube, da, wo Menschen erleben, dass Kirchenverantwortliche sich stellen und sich auch selber als Person mit einbringen, kann auch wieder Nähe entstehen und Zukunft möglich werden. 

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR