Was Aussteiger der Zeugen Jehovas berichten

"Große Sehnsucht nach einem freien Leben"

In Hamburg sind bei einem Amoklauf eines Ex-Zeuges Jehovas acht Menschen ums Leben gekommen. Pfarrer Jörg Pegelow betreut Aussteiger der Gemeinschaft. Im Interview erzählt er, was sie zum Ausstieg treibt und was daran so schwer ist.

Auslagevitrine der Zeugen Jehovas / © Christopher Clem Franken (epd)
Auslagevitrine der Zeugen Jehovas / © Christopher Clem Franken ( epd )

DOMRADIO.DE: Sie sind zuständig für Sekten- und Weltanschauungsfragen. Kennen Sie die Gemeinde, in der das passiert ist? 

Pfarrer Jörg Pegelow (Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche in Hamburg): Nein, die Gemeinde kenne ich nicht. Ich bin da ab und an mal dran vorbeigefahren. Aber ich kenne einige andere Gemeinden oder Häuser, in denen die Zeugen Jehovas sich in Hamburg versammeln. 

Hamburg: Polizisten stehen vor einem Gebäude der Zeugen Jehovas / © Jonas Walzberg (dpa)
Hamburg: Polizisten stehen vor einem Gebäude der Zeugen Jehovas / © Jonas Walzberg ( dpa )

DOMRADIO.DE: Das heißt also, das Verhältnis zu den Zeugen Jehovas ist nicht eng. Gibt es gar keine Zusammenarbeit? 

Pegelow: "Nicht eng" ist eine sehr freundliche Formulierung. Es gibt eigentlich so gut wie keine offiziellen Kontakte, es sei denn von unserer Seite aus wird der Wunsch geäußert, dass wir bei den Zeugen Jehovas mal ein Gespräch führen möchten. Die Zeugen Jehovas halten sich komplett abseits der christlichen Kirchen, seien es die großen Landeskirchen, die katholische Kirche oder auch die Freikirchen und sie führen, ja man muss es sagen, eigentlich ein religiöses Eigenleben. 

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn Ahnung, wie viele Zeugen Jehovas es in Hamburg gibt? 

Pegelow: Das kann ich nicht sagen. In Deutschland sind es insgesamt etwas über 160.000. Ich weiß, dass es hier einige größere Versammlungshäuser gibt, und es dürften einige Tausend sein, die in Hamburg leben und die sich an unterschiedlichen Orten in Hamburg dann auch treffen. 

DOMRADIO.DE: Wenn Sie das so schildern, stellt sich natürlich die Frage: Würden Sie die Zeugen Jehovas als Sekte bezeichnen? 

Pfarrer Jörg Pegelow (Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche in Hamburg)

"Wir sprechen heutzutage immer von einer christlichen Sondergemeinschaft, die sich sehr exklusiv und abseits von anderen religiösen Gemeinschaften und eben auch von den Kirchen hält." 

Pegelow: Das ist ein Begriff, den wir in der Weltanschauungsarbeit in der Regel versuchen zu vermeiden, weil sich damit immer ganz viele negative Untertöne reinmischen. Wir sprechen heutzutage – das kann ich für die katholischen und evangelischen Kollegen sagen – immer von einer christlichen Sondergemeinschaft, die sich sehr exklusiv und abseits von anderen religiösen Gemeinschaften und eben auch von den Kirchen hält. 

DOMRADIO.DE: Jetzt kann ich mir vorstellen, wenn Sie, ich nenne es mal weiterhin Sektenberatung, in diesem Bereich tätig sind. Haben Sie denn schon Erfahrung mit Aussteigern von den Zeugen Jehovas gemacht? 

Mitglieder der Zeugen Jehovas werben am Straßenrand für ihre Zeitschrift Wachturm / © Robert Hoetink (shutterstock)
Mitglieder der Zeugen Jehovas werben am Straßenrand für ihre Zeitschrift Wachturm / © Robert Hoetink ( shutterstock )

Pegelow: Es sind immer mal wieder Menschen auch zu mir gekommen, die bei den Zeugen Jehovas gewesen sind und die Gemeinschaft dann verlassen haben. Zum Teil sind das einmalige oder zweimalige Gespräche mit den jeweiligen Aussteigerinnen oder Aussteigern. Aber es hat auch schon längere Beratungsphasen gegeben, bei denen ich dann mit Menschen, die aus der Gemeinschaft ausgetreten sind, über ein halbes oder Dreivierteljahr einfach im regelmäßigen Kontakt gewesen bin. 

DOMRADIO.DE: Was hören Sie von denen, wenn Sie uns das als Seelsorger verraten dürfen? 

Pegelow: Mir wird einerseits von denjenigen, die ausgetreten sind, immer wieder berichtet, dass man innerhalb der Gemeinschaft einen sehr engen Zusammenhalt hat, dass aber auf der anderen Seite die Lehren, die bei bei den Zeugen Jehovas vertreten werden, mit den Erwartungen eines nahen Weltuntergangs, mit der Abkapselung gegenüber anderen religiösen Gemeinschaften und auch mit der großen Distanz zur übrigen Gesellschaft sich doch auf Dauer sehr schwer getan haben.

Sie haben es vermisst, an einem ganz normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und sich damit sehr schwer getan, im Prinzip die ganze Woche unter die Überschrift zu stellen: Ich bin bei den Versammlungen, ich studiere die Bibel, ich lese die Broschüren, die ja auch an vielen Stellen in den Städten, an den Bahnhöfen oder in den Fußgängerzonen verteilt werden. Also so auch eine große Sehnsucht danach, ein anderes, ein freies Leben haben zu können. Und das begegnet mir in diesen Beratungen, in diesen Gesprächen auch immer wieder. 

DOMRADIO.DE: Von offizieller Seite heißt es, dass der Täter ebenfalls Mitglied war, dort ausgetreten ist und sich nicht im Guten getrennt hat. Ist das so ein Markenzeichen dafür, dass wenn jemand aussteigen möchte, man nicht sagt wie etwa in der evangelischen Kirche: Ja, wir sind nicht erfreut davon, aber selbstverständlich kannst du das tun? 

Pfarrer Jörg Pegelow (Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Kirche in Hamburg)

"Für viele Menschen, die bei den Zeugen Jehovas austreten, ist auch ein Verlust des sozialen Umfeldes und der Menschen, mit denen man bis jetzt das Leben geteilt hat, verbunden."

Pegelow: Also es ist so, dass meines Wissens jemand, der bei den Zeugen Jehovas die Gemeinschaft verlässt und sagt "Ich trete aus" für diese Person auch der Gemeinschaftsentzug seitens der Zeugen Jehovas verkündet wird. Das heißt, alle anderen, die dann der Gemeinschaft weiter angehören, sind aufgefordert, den Kontakt zu dieser Person weitestgehend auch einzustellen oder soweit es geht zu reduzieren. Für viele Menschen, die bei den Zeugen Jehovas austreten, ist auch ein Verlust des sozialen Umfeldes und der Menschen, mit denen man bis jetzt das Leben geteilt hat, verbunden. Das ist für viele Aussteiger auch eine ganz große Herausforderung. 

DOMRADIO.DE: Welche Möglichkeiten haben Sie, Hilfe anzubieten?

Pegelow: Na ja, ich versuche natürlich, mit denen, die zu mir kommen, zu überlegen, was können jetzt gute Schritte sein, um sich das Leben auf andere Weise zu erobern. Auf eine andere Weise ins Leben auch reinzukommen. Wie kann man in neue Kontakte, in neue Freundschaften, in neue Kreise hineinkommen? Und was ich auch immer vorschlagen kann, ist, wenn es das Interesse gibt, sich einer religiösen christlichen Kirche in einer Gemeinschaft anzuschließen. Dann kann ich auch immer vorschlagen, schau' dir doch mal diese oder jene evangelische Kirche an, geh' vielleicht mal zu einer Freikirche. Schau' mal, ob vielleicht die katholische Kirche etwas für dich ist.

Viele Zeugen Jehovas, die aussteigen möchten aber erst mal eine große Distanz zu allen religiösen Themen kriegen, müssen für sich selbst erst mal klar kriegen, was eigentlich mit ihnen und ihrem Leben gewesen ist und mit dem, was sie innerhalb dieser Gemeinschaft auch an Enge erlebt haben. 

Das Interview führte Bernd Hamer. 

Quelle:
DR