Warum eine Demenzerkrankung nicht das Ende sein muss

"Es bleibt ja der Mensch erhalten"

Ein Leben mit Demenz ist schwer nachzuvollziehen. Wie geht man als Angehöriger mit der Krankheit um? Besonders auch Elemente des kirchlichen Lebens geben Erkrankten gute Momente, erklärt eine Theologin und Psycho-Gerontologin.

In einer Demenz-WG in Köln / © Oliver Berg (dpa)
In einer Demenz-WG in Köln / © Oliver Berg ( dpa )

DOMRADIO.DE: Das Motto der Woche für das Leben ist ja "Mittendrin – Leben mit Demenz". Das Wort "Mittendrin", weil Menschen mit Demenz oftmals eben nicht mittendrin in unserer Gesellschaft sind?

Sabine Tschainer-Zangl (Diplom-Theologin und Diplom-Psycho-Gerontologin): Ja, leider ist es immer noch so, wobei ich erstmal sagen möchte, wir haben in den letzten 30 bis 35 Jahren schon sehr viel erreicht. Es gibt sehr viel Wissen darüber. Aber was ich auch erlebe, das sind nach wie vor sehr viele Ängste und vor allen Dingen große Unsicherheiten: Wie soll ich den Betroffenen begegnen? Und wenn wir da weiterhin so fleißig arbeiten, dass es weniger Unsicherheiten gibt, dann kann das "Mittendrin" immer besser verwirklicht werden.

DOMRADIO.DE: Eine Forsa-Umfrage hat im Auftrag der Krankenkasse DAK herausgefunden, dass jeder Zweite in Deutschland eine Demenzerkrankung fürchtet. Zu Recht?

Tschainer-Zangl: Jein. Wir wissen, dass Demenz nach wie vor eine Erkrankung im Alter ist und keine normale Alterserscheinung. Wir wissen bei den 85-Jährigen ist jeder Vierte, bei den 90-Jährigen jeder Zweite oder jeder Dritte betroffen – je nachdem, welcher Statistik wir glauben. Aber natürlich ist es beängstigend, mir vorstellen zu müssen, ich verliere meine Fähigkeiten, um den Alltag zu bewältigen. Und ich verliere auch die Erinnerung an mich selber. Das ist ein schweres Schicksal.

DOMRADIO.DE: Wie sollte man denn mit so einer Diagnose umgehen?

Tschainer-Zangl: Wenn ich Sorgen habe, ich könnte eine Demenz im Sinne der gefürchteten Alzheimer-Erkrankung haben, dann so früh als möglich den Facharzt aufsuchen. Wir empfehlen dringend, dass man in die Gedächtnissprechstunde geht, das sind die Spezialisten, die es sich sehr genau angucken können. Dann gibt es immer noch die Chance, dass das Gehirn schlecht arbeitet, weil irgendetwas anderes im Körper nicht funktioniert.

Sabine Tschainer-Zangl

"Wir sollten die Bedienungsanleitung für unser Gehirn kennen. Und das heißt, je älter wir werden, desto langsamer arbeitet das Gehirn. Wenn es dann noch Stress bekommt, dann wird es immer schlechter."

Also es muss nicht immer die gefürchtete Alzheimer-Erkrankung sein. Es können schwere Depressionen oder Probleme mit der Schilddrüse sein. Vielleicht nehme ich zu viele Medikamente. Das heißt, es gibt Ursachen, dass das Gehirn schlecht arbeitet, die wir gut behandeln können. Und deswegen: Je früher die Differentialdiagnose in der Gedächtnissprechstunde, umso besser.

"Woche für das Leben" der beiden Kirchen zum Thema Demenz

Menschen mit Demenz stehen im Mittelpunkt der bundesweiten "Woche für das Leben" der beiden großen Kirchen. Sie findet unter dem Leitwort "Mittendrin. Leben mit Demenz" vom 30. April bis 7. Mai statt, wie die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mitteilten.

Symbolbild Demenz / © AimPix (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Wir werden ja als Gesellschaft insgesamt auch immer älter. Müssen wir dann Demenz quasi auch so ein bisschen als Symptom von Alter in unserer Gesellschaft akzeptieren?

Tschainer-Zangl: Ja, richtig. Das Risiko steigt natürlich, je älter wir werden, desto höher wird das Risiko, dass ich eben diese gefürchtete Alzheimer-Erkrankung bekomme. Warum das so ist, wissen wir noch nicht. Die Forschung arbeitet auf Hochtouren. Was ich beobachte, ist, dass wir manchmal unser Gehirn falsch bedienen.

Wir sollten die Bedienungsanleitung für unser Gehirn kennen. Und das heißt, je älter wir werden, desto langsamer arbeitet das Gehirn. Wenn es dann noch Stress bekommt, dann wird es immer schlechter. Also ehe ich an Alzheimer denke, muss ich erst mal gucken, ob ich sorgsam und richtig mit meinem Gehirn umgehe.

DOMRADIO.DE: Welche falschen Annahmen gibt es über Demenz? Welche Vorurteile?

Tschainer-Zangl: Ein schlimmes Vorurteil ist so die Idee, wenn jemand Demenz hat, dann kann er gar nichts mehr. Das ist einfach absolut falsch. Jede Demenz verläuft individuell. Je nach Krankheitsstadium sind ganz unterschiedliche Fähigkeiten noch vorhanden. Auch wenn die geistige Leistungsfähigkeit nicht mehr so gut ist, es bleibt ja der Mensch erhalten. Es gibt ein Buch, das heißt: "Das Herz wird nicht dement". Und das heißt, ich kann mit dem Menschen nach wie vor in seinem Gefühlsleben und im seelischen Kontakt sehr gut unterwegs sein.

Man muss lernen zu akzeptieren, – was schwer ist, gerade für Angehörige – dass es ein Versagensverhalten bei den Betroffenen gibt, das meint, dass sie ihre Ausfälle versuchen zu kaschieren. Wenn wir das akzeptieren und auf der gefühlsmäßigen Ebene mit ihnen in Kontakt gehen, mit ihnen das machen, was sie noch gut können, dann gibt es durchaus sehr glückliche Lebensmomente für die Demenzkranken – und für uns, die wir mit ihnen zu tun haben.

Sabine Tschainer-Zangl

"Wir sollten wir uns immer wieder vergegenwärtigen, was Evangelium eigentlich will. Es möchte ja, dass wir uns als Menschen begegnen, dass ich mein Gegenüber wahrnehme als Person und nicht nur als jemand, der irgendetwas kann."

DOMRADIO.DE: Sie sind ja auch Theologin. Wie kann vielleicht auch der Glaube helfen, mit Demenz besser klar zu kommen – als Betroffener, aber auch als Angehörige?

Tschainer-Zangl: Das eine ist: Es bleiben ja alteingesessene Erinnerungen, wichtige Dinge, sehr lange erhalten bei der Demenz. Unsere alte Generation ist im Glauben tief verwurzelt, zum großen Teil. Wenn wir da mit Kirchenliedern, mit Elementen des Rosenkranzes, mit dem Vaterunser oder Psalm 23 versuchen, mit den Erkrankten in Kontakt zu gehen, mit ihnen gemeinsam einen Psalm zu sprechen, werden wir erleben, dass sie manchmal sehr, sehr viel textsicherer sind als wir. Also man kann ihnen dann Anstöße geben aus den Bereichen des kirchlichen Lebens. Das macht gute Momente.

Auf der anderen Seite sollten wir uns immer wieder vergegenwärtigen, was das Evangelium eigentlich will. Und es möchte ja, dass wir uns als Menschen begegnen, dass ich mein Gegenüber wahrnehme als Person und nicht nur als jemand, der irgendetwas kann. Wenn wir uns zu dem anderen zuwenden und ihn als Menschen erkennen, desto leichter und beglückender wird es für alle.

Das Interview führte Florian Helbig.

Quelle:
DR