Covid-Katastrophe in Indien hat Auswirkungen auf Afrika

Warum der Kontinent so langsam impft

Laut WHO verfügen reichere Staaten über zwei Intensivbetten je hundert Einwohner. In Afrika stünde eine entsprechende Anzahl nur in neun Ländern zur Verfügung. Trotzdem wird zögerlich gegen Corona geimpft.

Symbolbild: In Afrika wird zu wenig geimpft / © yurakrasil (shutterstock)
Symbolbild: In Afrika wird zu wenig geimpft / © yurakrasil ( shutterstock )

Keine Betten, fehlender Sauerstoff und Leichen vor den Kliniken: In vielen afrikanischen Ländern wächst derzeit die Sorge vor einem ähnlichen Corona-Szenario wie in Indien. Der Kontinent befinde sich in einem "gefährlichen Vakzin-Vakuum", schreibt am Montag die südafrikanische Online-Zeitung "Daily Maverick".

Mitverantwortlich ist die Krise in Indien

Tatsächlich sind in Afrika bisher so wenige Menschen geimpft wie in keiner anderen Weltregion. Das könnte verheerende Folgen haben. "Wir müssen alle verfügbaren Dosen in die Arme der Menschen bekommen", lautete der Appell der Afrika-Direktorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, Matshidiso Moeti, vergangene Woche.

Verzögerungen und Engpässe bei Impflieferungen sorgten zuletzt dafür, dass afrikanische Länder noch weiter hinter den Rest der Welt zurückfielen. Derzeit sei der Kontinent für gerade einmal ein Prozent der weltweit verabreichten Impfungen verantwortlich.

Mitverantwortlich ist die Krise in Indien. Das Serum Institute of India war Afrikas wichtigste Impfstoff-Quelle. Bereits im März strich der Pharma-Riese alle großen Lieferungen ins Ausland. Zudem fehle es laut WHO in vielen afrikanischen Ländern an Geld und der Logistik, die für eine große Impfkampagne nötig wären.

"Der Kontinent weiß von anderen Krankheiten genau, wie man impft. Die Frage ist, wie man das Ganze beschleunigt," so der Direktor der kontinentalen Gesundheitsbehörde Africa CDC, John Nkengasong. Selbst weit entwickelte Länder wie Südafrika stoßen derzeit an ihre Grenzen.

Südafrika steuert auf dritte Welle zu

Der Schwellenstaat, den die Corona-Krise am härtesten von allen afrikanischen Ländern traf, steuert auf eine dritte Corona-Welle zu.

Bisher wurden nur 380.000 Gesundheitsarbeiter geimpft. Ab kommender Woche sind Menschen über 60 Jahre an der Reihe. Wenig Hoffnung hat der deutsche Virologe Wolfgang Preiser an der Uni Stellenbosch: "Es geht zu langsam voran, wenn die dritte Welle in den nächsten Monaten zuschlägt."

"Vakzine sind unser Licht am Ende des Tunnels", sagte am Wochenende der aus Äthiopien stammende WHO-Direktor Tedros Ghebreyesus.

Unverständlich für die globale Gesundheitsagentur bleibt daher das Vorgehen von Malawi und dem Südsudan: Beide Staaten kündigten an, unverimpfte Dosen des Herstellers AstraZeneca zerstören zu wollen, nachdem diese ihr Haltbarkeitsdatum überschritten.

Die WHO empfahl eine Weiternutzung. Die 76.000 Dosen seien immer noch "sicher". Wie es anders geht, zeigte die Demokratische Republik Kongo. Weil dort die Behörden die Dosen nicht verimpfen konnten, gaben sie das Serum an andere Länder ab. Doch Malawis Präsident Lazarus Chakwera bleibt dabei: "Die Leute sollten nicht denken, dass wir eine Müllhalde sind."

Angst vor einer Impfung lähmt Entwicklung

Zu politischem Versagen kommt Angst hinzu. Gerüchte rund um die Sicherheit und Nebenwirkungen der Vakzine schüren Skepsis. In Südafrika sorgte voriges Jahr der Höchstrichter Mogoeng Mogoeng für Aufsehen, als er vor der "teuflischen Impfung" warnte. Weitaus mehr Angst sollte nach Ansicht von Experten aber vor einer Ausbreitung des Virus herrschen.

"Es ist gut möglich, dass wir in Afrika ein Szenario wie in Indien haben", warnt Africa CDC-Direktor Nkengasong. Anders als der Subkontinent habe Afrika einem größeren Ausbruch der Pandemie aber nur wenig entgegenzusetzen. "Unsere Gesundheitssysteme sind sehr fragil", so Nkengasong. Die Behörden setzen daher auf Prävention - und eine Eindämmung der sogenannten Indien-Variante, die bereits in mehreren Ländern Afrikas nachgewiesen wurde.

Hoffnung bringt unterdessen der Vorstoß Südafrikas und Indiens, Patentrechte auf Impfstoffe vorübergehend aufzuheben. So soll eine Massenproduktion anlaufen. Mehrere Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO bekundeten bereits ihre Unterstützung - zuletzt sogar die USA. Jedoch blockieren andere Industriestaaten. Am Montag sprach Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa von einem "Kampf, der die globale Solidarität auf die Probe stellt". Unterdessen drängen Gesundheitsaktivisten wie Ärzte ohne Grenzen zur Eile: "Wir können es uns nicht leisten abzuwarten, wie bereits bei der HIV/Aids-Krise, als es Jahre dauerte, ehe die Patente ausgesetzt wurden. Leben stehen auf dem Spiel."

Autor/in:
Markus Schönherr
Quelle:
KNA
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