Warum das Vokalensemble am Palmsonntag im Dom protestierte

"Chormitglieder sind sehr enttäuscht"

Mit einem Teilboykott hat das Vokalensemble Kölner Dom am Palmsonntag gegen Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki protestiert. Nur acht der bis zu 50 Chorsängerinnen und Sänger waren in der Kathedrale. Ein Chormitglied berichtet.

Das Vokalensemble Kölner Dom (Archiv) / © Beatrice Tomasetti (DR)
Das Vokalensemble Kölner Dom (Archiv) / © Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Wie kamen Sie zur Idee eines solchen Teilboykotts am Palmsonntag?

Edith Timpe (Mitglied des Vokalensemble Kölner Dom): Die Idee hat sich nach und nach entwickelt. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass der Kardinal wieder zurückkommt und dass wir als Chor erstmalig an Palmsonntag ein Hochamt im Dom mit dem Kardinal singen würden. Im Chor kam dann eine gewisse Unruhe auf. Einige Mitglieder wollten dem Kardinal signalisieren, dass wir nicht uneingeschränkt hinter ihm und seiner Führung des Erzbistums stehen.

Vokalensemble Kölner Dom / © Beatrice Tomasetti (Kölner Dommusik)

Daraufhin haben wir dem Kardinal vor ungefähr drei Wochen einen Brief geschrieben. In dem Brief haben wir unsere Gesprächsbereitschaft zum Ausdruck gebracht und allein deswegen mit einer Reaktion gerechnet. Auch wenn es aus Zeitgründen nicht sofort geht. Dann halt später. Aber es kam nichts. Das hat viele im Chor erstaunt und erschrocken. Vor diesem Hintergrund wollten wir nicht am Palmsonntag singen, als wäre nichts gewesen.

Wir haben überlegt, wie wir die Aufmerksamkeit des Kardinals auf uns ziehen können. Bei unserer letzten Probe vor dem Hochamt wurde dann viel diskutiert, was wir machen könnten, denn wir wollten auf der einen Seite so nicht singen. Aber auf der anderen Seite wollten wir auch die Liturgie im Dom nicht boykottieren und die Besucher verprellen. So wurde klar, dass es keine Option ist, nicht zu singen. Die Alternative war die Idee, in kleiner Formation im Dom zu singen.

DOMRADIO.DE: So kam es also zum Teilboykott. Welche Chormitglieder haben denn letztendlich im Kölner Dom gesungen?

Timpe: Um das zu entscheiden, haben wir wieder lange überlegt und es kam aus den Reihen der Chormitglieder die Idee, dass nur unsere evangelischen und unsere queeren Chormitglieder im Dom singen, damit der Protest wirksam ist und die Aktion Aufmerksamkeit bekommt. Gerade weil die Kirche mit queeren Personen ein Problem hat, wäre das ein starkes Zeichen.

DOMRADIO.DE: Die übrigen Chormitglieder haben anstatt im Dom in ihren Heimatgemeinden gesungen. Wie war das?

Timpe: Das war eine sehr schöne Erfahrung. Viele Gemeindemitglieder haben mir gesagt, dass man das öfter machen könnte. Der Pfarrer meiner Gemeinde in Buchheim hat uns als Botschafter des Doms bezeichnet. Das ist ein schönes Zeichen gewesen. Wir haben gute Sängerinnen und Sänger und für die Gemeinden war es etwas Besonderes.

DOMRADIO.DE: Gab es denn im Kölner Dom nach der Messe Reaktionen von den Besuchern oder gar vom Kardinal?

Timpe: Um es kurz zu machen, nein. Ich habe noch nicht mit allen gesprochen, aber es lief alles wie immer ab und es kam keine Reaktion.

Palmsonntag 2022

Der Palmsonntag ist der erste Tag der Karwoche und erinnert an den Einzug Jesu in Jerusalem. Der Evangelist Matthäus schreibt über den Ritt Jesu auf einem Esel vom Ölberg hinunter in die

Stadt: "Viele Menschen breiteten auf dem Weg ihre Kleider aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf die Straße."

Das Vortragekreuz am Palmsonntag, mit Buchs und roten Blüten geschmückt. / © Beatrice Tomasetti (DR)

DOMRADIO.DE: In den sozialen Medien dafür schon. Ein Nutzer schrieb dazu, dass eine Messe weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt für einen Protest sei. Was sagen Sie dazu?

Timpe: Es war für uns leider die einzige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Kardinals zu bekommen. Wir sind nicht zum Kardinal durchgedrungen. Den ursprünglichen Brief wollten wir dem Kardinal persönlich übergeben, aber das ginge nicht, hieß es vom Vorzimmer. Daher haben wir unsere Bitte um ein Gespräch in den Brief geschrieben.

Wenn der Kardinal allerdings nicht mit uns spricht, ist das für uns die einzige Möglichkeit, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Deswegen mussten wir auch die Presse einschalten. Wir mussten ja erklären, warum nur acht Leute singen. Dafür kann in Corona-Zeiten ja auch ein Ausbruch der Grund sein und dann hätte niemand den Protest bemerkt.

DOMRADIO.DE: Wie enttäuscht sind Sie denn, dass es bisher keinerlei Reaktionen gegeben hat?

Timpe: Das Schlimme ist eigentlich, dass ich persönlich gar keine Reaktionen erwartet habe, aber andere Chormitglieder sind sehr enttäuscht.

DOMRADIO.DE: Wie geht es denn weiter? Wird es weitere Aktionen geben, wenn ihr Sangesboykott unerhört verhallen sollte?

Timpe: Das weiß ich nicht. Ich bin nur ein Teil des Chores und wir beschließen alles gemeinsam. Wir werden sicher darüber sprechen, was wir als Nächstes machen.

DOMRADIO.DE: Haben Sie als Vokalensemble oder als einzelne Mitglieder Konsequenzen zu befürchten, weil Sie öffentlich gegen den Kardinal opponiert haben?

Timpe: Wir sind ein ehrenamtlicher Chor. So gesehen kann uns nichts passieren. Höchstens für diejenigen, die bei der Kirche arbeiten. Ich bin zum Beispiel Religionslehrerin. Aber ich sehe nicht, dass wir etwas eklatant falsch gemacht haben. Wir wollen die Kirche nicht verlassen, sondern möchten unsere positive Vision von Kirche zeigen.

Von Chorseiten ist nur unser Chorleiter angestellt. Herrn Metternich habe ich aber immer als loyal dem Dom gegenüber erlebt. Er ist der Einzige, der etwas zu befürchten hätte. Aber die Aktion ist nicht von ihm ausgegangen und er kann auch nichts machen, wenn wir als Chor sagen, wir wollen da nicht mehr singen. Darauf muss er selbst reagieren.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR