Das Leben von Timothy Cho änderte sich schlagartig, als er im Alter von neun Jahren nach Hause kam und seine Eltern verschwunden waren. Sie waren aus Nordkorea geflohen und hatten ihn allein zurückgelassen. Das war Mitte der 1990er Jahre. In der sozialistischen Diktatur herrschte eine schwere Hungersnot, die als "Mühsamer Marsch" in die Geschichte einging und mehrere Millionen Todesopfer forderte.
Timothys Eltern waren Lehrer und hatten sich geweigert, die politische Ideologie Kims zu verbreiten. "In unserem Dorf galt ich als Sohn von Verrätern", erinnert er sich. In die Schule gehen konnte er nach ihrer Flucht nicht mehr. Sein Onkel weigerte sich, ihn aufzunehmen. Zu groß war die Not, einen weiteren Esser konnte man da nicht gebrauchen. Drei Jahre lebte Timothy auf der Straße, bis ihn seine Großmutter schließlich aufnahm.
Die erste Flucht scheiterte
Im Alter von 17 Jahren beschloss auch Timothy Cho, zu fliehen: Über China in die Mongolei, doch bereits in China griffen ihn Militärs auf und schickten ihn zurück: "Wir zitterten vor Todesangst, als wir die Grenze wieder überquerten." Nordkoreas Gefängnisse und Lager sind berüchtigt. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) berichtet von unmenschlichen Bedingungen und Folter bis zum Tod. Dabei werde auch vor Kindern kein Halt gemacht, denn auch Angehörige von vermeintlichen Regimekritikern würden im Sinne einer Kollektivbestrafung willkürlich inhaftiert, heißt es in einem aktuellen Bericht.
Auch Timothy wurde in der Haft gefoltert: "Du hast dort keinen Namen mehr, sondern bist nur noch eine Nummer. Sie entmenschlichen dich", erzählt er. Bis heute trägt er davon Narben: "Als ich in Großbritannien ankam und sie der Einwanderungsbehörde zeigte, gab es keine Fragen mehr. Ich lebe mit Narben auf dem Körper und der Seele. Im vergangenen Jahr konnte ich das Vernichtungslager Auschwitz besuchen. Das hat mich an die Gefängnisse in Nordkorea erinnert."
Erster Kontakt mit einem Gläubigen
Nach seiner Freilassung versuchte Timothy mit 17 erneut die Flucht und wieder wurde er in China festgenommen. In einem Gefängnis in Shanghai begegnete er einem südkoreanischen Mithäftling, der ihn mit dem Glauben in Kontakt brachte: "Es war das erste Mal, dass ich jemanden sah, der betete, die Bibel las und das Kreuz hielt. Ich zitterte am ganzen Körper und glaubte, wenn ich nur das Kreuz berührte, wäre ich verflucht!" – Kinder werden in Nordkorea bereits früh kommunistisch indoktriniert und dabei auch einer antichristlichen Propaganda ausgesetzt, weiß der Menschenrechtler aus eigener Erfahrung.
In dem Land gilt die "Chuch'e-Ideologie", die zu Loyalität und Gehorsam gegenüber der Kim-Dynastie verpflichtet und Staatsführer Kim Jong-un als gottähnliche Figur verehrt. Andere Religionen sind verboten, Mission und das Verteilen von Bibeln werden mit Deportationen, Inhaftierungen bis hin zu öffentlichen Hinrichtungen bestraft. "Es gibt nur eine erlaubte Gottheit in Nordkorea und das ist die Kim-Familie", erinnert sich Timothy.
Christen in Lebensgefahr
Im Alter von elf Jahren erlebte er die öffentliche Hinrichtung eines angeblich "christlichen Spions". Die Kinder wurden zum Zweck der Abschreckung in die erste Reihe vor der stehenden Menschenmenge platziert, um die Tötung eines Mannes anzusehen, der drei Nordkoreanerinnen ermöglicht haben soll, Messen in China zu besuchen.
Schwer konnte Timothy seine Ängste überwinden, doch sein Mithäftling in Shanghai sagte ihm: "Timothy, vielleicht könntest du zu Gott für dein Überleben beten?" Es gab in der Zelle nichts anderes zu tun, erinnert sich dieser: "Und so traf ich mit 17 Jahren die erste eigene Entscheidung meines Lebens. Ich betete für mein Überleben und meine Freilassung. Alle diese verzweifelten Worte kamen aus meinem Herzen. Und während ich zu beten begann, konnte ich endlich aufhören zu weinen. Ich fand Trost. Etwas, das ich nie empfunden habe, wenn ich Kim anbeten musste: echten Frieden."
Ein Versprechen
Irgendwann versprach Timothy Gott im Gebet: "Wenn du mir die Freiheit schenkst, widme ich dir mein Leben!" Seine Gebete wurden erhört. Aufgrund von Druck internationaler Menschenrechtsgruppen ließ ihn China überraschend frei und schob ihn auf die Philippinen ab. Von dort gelangte er 2008 nach Großbritannien, wo er seinen Schulabschluss nachholte und Politikwissenschaften studierte.
Heute ist er Ende 30 und arbeitet für eine überparteiliche Gruppe, die sich im britischen Parlament mit Nordkorea beschäftigt. Er berät die Abgeordneten in Sicherheits- und Menschenrechtsfragen. Auch seinen Teil des Versprechens hat er gehalten: Als Sprecher von "Open Doors UK" versucht er, auf das Schicksal der Menschen in Nordkorea – insbesondere der Christen – aufmerksam zu machen. Das christliche Hilfswerk hatte erst zu Jahresbeginn seinen "Weltverfolgungsindex" veröffentlicht: Darin rangiert Nordkorea seit Jahren auf Platz 1: In keinem anderen Land der Welt werden Christen so drastisch verfolgt.
Viele Jahre später traf Timothy Cho auch seine Eltern wieder, die sich nach ihrer Flucht in Südkorea niedergelassen hatten. "Meine Mutter starb vor einigen Jahren und mit ihren letzten Worten bat sie mich um Vergebung", erzählt er. Auch dabei hat ihm der Glaube geholfen. "Und dann konnte sie in Frieden gehen."