In Zeiten der Corona-Krise können Briefe Einsamkeit durchbrechen

Wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Angela Merkel hat zum Briefe schreiben ermuntert. In Zeiten der Isolation durch die Corona-Pandemie könnte eine alte Form der Kommunikation neu entdeckt werden. Wie geht das noch gleich?

Briefe schreiben kann in dieser Zeit für Zusammenhalt sorgen / © igorstevanovic (shutterstock)
Briefe schreiben kann in dieser Zeit für Zusammenhalt sorgen / © igorstevanovic ( shutterstock )

"Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben..." Diese melancholischen Zeilen aus Rilkes Gedicht "Herbsttag" von 1902 passen in den Frühling 2020.

Briefe schreiben für den Zusammenhalt

Angela Merkel hat es prosaischer formuliert: "Wir alle müssen Wege finden, um Zuneigung und Freundschaft zu zeigen: Skypen, Telefonate, Mails und vielleicht mal wieder Briefe schreiben", schlug die Bundeskanzlerin bei ihrer TV-Ansprache am 18. März vor. Und auch für die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Birgit Spinath, sind Briefe eine Möglichkeit, den Zusammenhalt zu sichern. Videotelefonie und soziale Medien könnten Kontakte zwischen Großeltern und Enkel lebendig erhalten, betont sie. "Oder - wo die älteren Menschen die neue Technik nicht beherrschen - ganz klassisch durch gegenseitiges Briefe schreiben und telefonieren."

Brief aufgrund Digitalisierung bedroht

Der Brief steht im Zeitalter der Digitalisierung auf der Liste der bedrohten Arten. SMS, E-Mail und WhatsApp sind schneller und cooler. Möglich aber, dass die alte Form der Kommunikation in diesen Zeiten wieder auflebt.

Liebesbrief, Kondolenzschreiben oder Geburtstagsgratulation: Briefe sind Wertschätzung auf Papier. Ein handgeschriebener Brief vermittle mehr Individualität und Charakter als elektronische Post, argumentiert der australische Künstler Richard Simpkin, der 2014 einen Welttag zu Ehren des Briefeschreibens ausgerufen hat.

Zahl der Briefe geht zurück

Tatsächlich geht die Zahl der verschickten Briefe in Deutschland seit Jahren leicht zurück. Waren es 2016 noch 18,6 Millionen, so wurden 2019 nur noch 17,3 Millionen verteilt. Der Anteil der Privatbriefe blieb dabei relativ konstant bei fünf Prozent. Ob er sich aktuell erhöhen wird, lasse sich noch nicht abschätzen, teilte ein Sprecher der Deutschen Post in Bonn mit.

Initiativen zum Briefe schreiben

Fest steht, dass mancherorts Initiativen entstanden sind, die alleinstehenden und alten Menschen durch Briefe Solidarität bekunden wollen. Zum Beispiel Ulrike Ernst aus Speyer. Sie hat die Initiative "Helfer mit Herz" gegründet, wie die "Rheinpfalz" berichtet. Elf "Helfer mit Herz" schicken Briefe und Postkarten mit Grüßen, Gedichten und Geschichten an Menschen, die allein in Heimen und Kliniken ausharren müssen. "Das bringt Freude und Abwechslung in den Alltag", ist Ernst überzeugt. Ähnlich ging es Sigrid Nikel-Bronner aus Moers. "Schreib' doch mal wieder einen Brief!", dachte sie sich - und sorgt seitdem dafür, dass die Bewohner zweier Seniorenzentren ein wenig mehr am Leben teilhaben können.

Tradition über 5.000 Jahre alt

Dabei können Briefe auf eine Tradition von fast 5.000 Jahren zurückblicken. Im Alten Ägypten stellten die Menschen bereits im 3. Jahrtausend vor Christus Papyrus her. Ein staatliches Postsystem wurde im Römischen Reich begründet.

Der "cursus publicus" beförderte offizielle Post per Schiff oder Pferd zwischen den Provinzen. Für die private Korrespondenz griffen die Römer eher auf Wachstafeln zurück: Sie waren das Medium für "kurze Schreiben" - auf Lateinisch "brevis libellus"; daraus ging das deutsche Wort Brief hervor.

Von Cicero etwa sind über 900 Briefe erhalten. Auch für Christen spielen Briefe eine bedeutende Rolle: Dem Apostel Paulus etwa werden 13 Episteln zugeschrieben, entstanden zwischen 48 und 61 nach Christus. Ein Netz vertrauenswürdiger Boten transportierte sie zu den Gemeinden in Rom, Ephesus oder Korinth.

"Brief ist nicht gleich Brief"

Im Mittelalter verschickten in erster Linie kirchliche Würdenträger und adelige Herrscher Briefe. Später waren es Kaufleute, die zwischen den europäischen Handelsstädten eine rege Kommunikation aufbauten. Die zunehmende Alphabetisierung im 18. Jahrhundert machte den Brief dann zum Alltagsmedium.

Brief ist nicht gleich Brief. Er ist Unterhaltung, Gedankenexperiment, Liebeserklärung, Literatur oder Vermächtnis. Goethe hat rund 20.000 Briefe geschrieben. Er und Schiller sandten sich zwischen 1795 bis 1799 nahezu täglich Schreiben zwischen Weimar und Jena.

Briefe sind auch wichtige Quellen für Historiker: "Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann", schrieb Goethe 1805. Gut möglich, dass die Briefe von heute später einmal zu einer Fundgrube der Erinnerung an die Corona-Krise werden.

Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA