Vor 800 Jahren wurde der Mercedarier-Orden gegründet

Befreiung von aller Sklaverei

Während der Reconquista verrohten in Spanien die Sitten. Aber wenigstens der Mercedarier-Orden fühlte sich für mittellose Gefangene verantwortlich.

Münzen / © Stefan Sauer (dpa)
Münzen / © Stefan Sauer ( dpa )

Die Häfen der nordafrikanischen Küste waren überfüllt mit gefangenen Christen. Sie waren im Zuge der Reconquista - dem Kampf der christlichen Bevölkerung Spaniens gegen die arabische Herrschaft im Mittelmeerraum - über das Meer verschleppt worden. Und so waren die Gassen der Hafenstädte im Maghreb erfüllt vom Rasseln der schweren Eisenketten, wenn sich die zerlumpten, ausgemergelten Gestalten aus ihren Elendsquartieren zur Zwangsarbeit schleppten.

Während der Rückeroberung ("Reconquista") lebten die Bewohner der spanischen Küste - in den Grenzregionen zwischen islamischer und christlicher Kultur - gefährlich. Denn sie konnten im Zuge des Konflikts jederzeit versklavt werden. Zwar gab es staatlich oder privat organisierte Freikauf-Aktionen, vor allem für wohlhabende Christen. Gefangene ohne Geld und Geltung fielen aber durch das Netz: Sie zu befreien war Anliegen der Mercedarier. Der Orden zum Freikauf von Christen in maurischer Gefangenschaft wurde am 10. August 1218 in Barcelona von Petrus Nolascus gegründet.

Ein Menschenfreund

Der später Heiliggesprochene war ein großer Menschenfreund. Der fromme Laie sah das Elend der Auseinandersetzungen, als die christlichen Könige den islamischen Herrschaftsbereich bis auf das maurische Königreich Granada in Andalusien zurückdrängten. Gemeinsam mit einem Freund begann er in Barcelona, Almosen für arme christliche Gefangene zu sammeln.

In den Kriegen Jakobs I., des Eroberers, wurden viele Gefangene gemacht. Und so wuchs auch die Herausforderung für Peter Nolasc, weil im Zuge der Auseinandersetzungen immer mehr Christen inhaftiert wurden. Er sammelte gleichgesinnte Freunde um sich, die ihren Besitz veräußerten und begannen, ein gemeinsames Leben nach den Regeln der Mönche in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu gestalten.

Ritterorden als Vorbild

Vorbild der frommen Laien, denen sich erst allmählich Kleriker beigesellten, war die schlagkräftige Organisation der Ritterorden. Doch verzichteten die Mercedarier, deren Ordensname sich von "merced", spanisch Güte herleitet, auf Gewalt. Die Brüder in ihrer weißen, schlichten Ordenstracht trugen keine Schwerter. Sonst wären sie auf ihren gefährlichen Reisen in islamische Länder, in die Königreiche von Granada und Nordafrikas, auch nicht als ehrliche Makler akzeptiert worden. Eine feste Ordensregel bildete sich.

Papst Gregor IX. erkannte im Januar 1235 die erste Gemeinschaft der Mercedarier um ihren charismatischen Leiter, "den Magister und die Brüder des Hauses der heiligen Eulalia in Barcelona", an. Nach der öffentlichen Bestätigung flossen dem jungen Orden reiche Mittel zu: kleine Legate "für die Gefangenen" im Testament von Bürgern, reiche Güterschenkungen des Königs auf erobertem Land, um das siegreiche Christentum den Untertanen endgültig einzupflanzen.

Turbulente Zeiten

Keine einfache Aufgabe: Der Mercedarier Petrus Pascual, Bischof von Jaen in Andalusien, wurde auf Visitationsreise von Mauren gefangen und in Granada hingerichtet - für die Christen war er ein Märtyrer, die Muslime sahen darin den verdienten Tod eines "Ungläubigen". Noch gefährlicher als Seelsorge im Grenzraum der beiden verfeindeten Kulturen waren die Reisen von besonders erfahrenen Mercedariern in islamische Königreiche, nach Andalusien und dem Maghreb.

Die Mercedarier kämpften, auch gestärkt durch die päpstliche Anerkennung, für das leibliche und seelische Wohl der gefangenen Christen. Zweck ihres Ordens war die redemptio captivorum, der Loskauf beziehungsweise die Erlösung im doppelten Sinn des lateinischen Wortes. Die Mercedarier verpflichteten sich durch ein zusätzliches, viertes Gelübde, notfalls sich selbst als Geiseln zur Verfügung zu stellen, um in ihrem Glauben gefährdete Gefangene zu befreien.

Konfessionswechsel bedeutete oft die Freiheit

Wie in Religionskriegen üblich, lockte Gefangene bei Konfessionswechsel manchmal die Freiheit - und mehr, etwa ein Karrieresprung. So konnte die "Überlegenheit" der eigenen Religion demonstriert werden. Wenn das Lösegeld für Gefangene nicht ausreichte, konnten auch Mercedarier auf die nächste Loskaufaktion vertrösten.

Andere Brüder nahmen das vierte Zusatzgelübde des Ordens ernster - etwa der heilige Serapion, der von den britischen Inseln stammte. Mit König Richard Löwenherz begab er sich auf Kreuzfahrt nach Palästina. In Spanien lernte der Krieger den Ordensgründer Peter Nolasc und seine vor allem im expandierenden Königreich Aragon aufblühenden kleinen Gemeinschaften kennen. Serap begeisterte die Arbeit der Mercedarier, an der Bewältigung des religiös-kulturellen Konflikts mit friedlichen Mitteln zu wirken. Er trat dem Orden bei und wurde Loskäufer.

Ein Kampf gegen die Zeit

In Algier reichte das Geld nicht, um eine Großgruppe auszulösen. Serap ließ daraufhin seinen Mitbruder mit den Gefangenen heimreisen und blieb selbst als Geisel zurück. Sein Mitbruder gelangte glücklich nach Katalonien. Aber er verlor viel Zeit, um Gelder aufzutreiben. Denn gemäß der autoritären Befehlsstruktur musste erst der Ordensobere gefragt werden, der wiederum in Südfrankreich weilte. Der Sultan verlor derweil die Geduld und ließ Serap als ersten Mercedarier-Martyrer an ein Kreuz schlagen.

Heute wirkt der Orden vor allem in spanisch-sprachigen Ländern. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Seelsorge und Glaubensverbreitung, aber auch die Erziehung junger Menschen. Die Verpflichtung der Mercedarier zum Loskauf von Versklavung wurde zeitgemäß umformuliert: als Befreiung von jeder Art sozialer, politischer und psychischer Abhängigkeit.

Autor/in:
Von Anselm Verbeek
Quelle:
KNA