In der polnischen Provinzstadt Pionki wird der Regeltechniker Zdislaw Maszkiewicz am 13. Dezember 1981 um fünf Uhr früh unsanft von einem Arbeitskollegen geweckt. Viele Mitglieder der Gewerkschaft Solidarnosc seien verhaftet worden, erfährt er. Staatschef General Wojcech Jaruzelski hatte das Kriegsrecht über ganz Polen verhängt und die Solidarnosc verboten.
Am Morgen des 13. Dezember fährt Maszkiewicz mit seinem Kollegen bei minus 22 Grad zu seiner Fabrik, die von Soldaten und Panzerwagen umstellt ist. Dort erfahren die Männer von der Verhängung des Kriegsrechts und dem Verbot der Solidarnosc.
Maszkiewicz glaubt heute, dass er damals nur durch Zufall der Festnahme entging. Denn er war in der Chemie-Manufaktur Mitbegründer der freien Gewerkschaft Solidarnosc und Mitglied der Betriebskommission.
Pionki liegt bei Radom. In der Industriestadt kam es 1976 zu den ersten Arbeiterprotesten, hier war die 1980 gegründete Gewerkschaft, die erste freie des Ostblocks, besonders stark.
Maszkiewicz organisierte nach der Verhängung des Kriegsrechts sogleich Lebensmittelpakete für die 130 Inhaftierten der Solidarnosc in Radom. Bis zum Ende des Kriegszustands am 22. Juli 1983 wurde er immer wieder verhaftet und verhört. Insgesamt wurden knapp 10.000 Menschen während des Kriegsrechts interniert, darunter der Solidarnosc-Vorsitzende Lech Walesa.
Noch immer ein Thema im Land
30 Jahre später beschäftigt die Verhängung des Kriegsrechts das Land noch immer. Weiterhin befassen sich die Gerichte mit dem Kriegsrecht, das erst im vergangenen März als verfassungswidrig eingestuft wurde. Gegen die ehemalige polnische Führung läuft seit drei Jahren ein Prozess.
Ex-Staatschef Jaruzelski verteidigte den Schritt kürzlich mit dem Argument: "Es war das kleinere Übel." Nach seiner These wären sowjetische Truppen einmarschiert, hätte der polnische Staat nichts gegen die streikfreudige Solidarnosc mit ihren zehn Millionen Mitgliedern unternommen. Der 88-jährige pensionierte General stellt seine Sicht der Dinge in seinem Buch "Dreißig Jahre älter" dar, das soeben erschienen ist.
Jaruzelskis Meinung teilen indes immer weniger Polen. Waren es vor zehn Jahren noch 51 Prozent, die den Kriegszustand für notwendig hielten, sind es mittlerweile nur noch 44 Prozent.
"Weder moralisch noch rechtlich ist der Kriegszustand aufgerechnet worden", erklärte Jaroslaw Kaczynski, Chef der nationalkonservativen Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die sich für eine Aufarbeitung kommunistischer Vergehen starkmacht. Für den 13. Dezember hat er zu einem "Marsch der Unabhängigkeit und Solidarität" aufgerufen, mit dem unter anderem an die Ereignisse vor 30 Jahren erinnert werden soll. Zugleich soll der Marsch ein Zeichen des Protestes gegen die konservativ-liberale Regierung sein.
Vor der Villa Jaruzelskis werden unterdessen seine Anhänger in der Nacht zum 13. Dezember wieder zahlreich und lautstark demonstrieren. Die Polizei muss den Wohnsitz des Ex-Generals mit einem Großaufgebot schützen.
Vor 50 Jahren herrschte in Polen Kriegsrecht
Kontroverse Aufarbeitung
Die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 spaltet das Land auch nach 30 Jahren noch. Damit sei ein Einmarsch sowjetischer Truppen verhindert worden, meint Ex-Staatschef Wojcech Jaruzelski. Doch immer weniger Polen teilen diese Auffassung.
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