Vor 150 Jahren wurde Konrad Adenauer geboren

Die Verfolgung hat ihn geprägt

Für die Westdeutschen war Konrad Adenauer spätestens nach dem Krieg eine Vaterfigur. Doch der erste Kanzler konnte auch gerissen, unerbittlich und kalt sein. Warum er seine Verfolgungsgeschichte kaum zum Thema machte, ist unklar.

Autor/in:
Christoph Arens
Konrad-Adenauer-Denkmal auf dem Bundeskanzlerplatz in Bonn / © John Kehly (shutterstock)
Konrad-Adenauer-Denkmal auf dem Bundeskanzlerplatz in Bonn / © John Kehly ( shutterstock )

Ein Gesicht wie ein Gebirge: Schluchten, Klippen und verwitterte Überhänge. So hat der "Kanzlerfotograf" Konrad Rufus Müller Konrad Adenauer (1876-1967) fotografiert. Das ikonische Porträt eines Mannes, der die Geschicke Deutschlands in bewegten Zeiten lenkte und eine Republik hinterließ, deren Stabilität nach dem Abgrund des Dritten Reiches erstaunlich war. 2026 wird man das Porträt öfter sehen. Denn der erste Kanzler der Bundesrepublik wurde am 5. Januar 1876, also vor 150 Jahren, in Köln geboren. 

In Rhöndorf (Bad Honnef) bei Bonn, wo Adenauer seit 1935 lebte, sind Haus, Garten und die berühmte Boccia-Bahn renoviert. Der Wohnsitz des "Alten von Rhöndorf" hoch über dem Rheintal dürfte zu einer Art Pilgerstätte werden. Aufstiegswille, eine gewisse Gier, eiserne Energie und autokratische Züge - das zeichnete Adenauer aus. Allerdings zeigt das 2017 veröffentlichte Tagebuch seines Sohnes Paul, dass der alte Kanzler durchaus dünnhäutig war: Er litt unter Alpträumen, Schlaflosigkeit, Depression, ständigen Kopfschmerzen und Erschöpfungszuständen.

Als möglicher Reichskanzler gehandelt

Zu besichtigen ist eine riesige Lebensleistung: Gleich drei neue Biografien beschäftigten sich mit der Deutung Adenauers. "Dreieinhalb Leben", so heißt das Buch des Bonner Historikers Friedrich Kießling. Schon 1917, in der Kaiserzeit, wurde Adenauer Kölner Oberbürgermeister: Er entwickelte seine Geburtsstadt bis 1933 zur modernen Metropole. "Er ist es, dem meine Stadt die Umwandlung der früheren Verteidigungswälle in die herrlichen Grüngürtel verdankt. Schwerter zu Pflugscharen, das hat in Köln einen christdemokratischen Klang", schrieb kürzlich der Schriftsteller Navid Kermani.

Zugleich wurde er mehrfach als möglicher Reichskanzler gehandelt. "Adenauer stand für eine sozialkonservative, technische Moderne - ganz im Einklang mit seinem traditionellen katholischen Glauben, seinem optimierungsfreudigen Erfindergeist und seinem ausgeprägt besitzbürgerlichen Erwerbssinn", schreibt der Jenaer Historiker Norbert Frei in seiner Biografie "Kanzler nach der Katastrophe". Dass Adenauer im Frühjahr 1933 von den Nazis aus dem Amt gejagt, zur Untätigkeit verdammt und fortwährend drangsaliert wurde, wurde zur prägenden Erfahrung. Seitdem zeigte er ein tiefes Misstrauen gegenüber dem politischen Urteilsvermögen seiner Landsleute. Und seitdem waren für ihn Werte, die Normen des Völkerrechts und Grundrechte wichtige Leitplanken.

Misstrauen und Skepsis

Dabei sind die persönlichen Gefühle während der Verfolgung eine noch immer eher unterbelichtete Dimension im Leben Adenauers, analysiert Frei. Spätestens 1944, nach dem Suizidversuch seiner zweiten Frau Gussi in Gestapo-Haft, habe sich Misstrauen tief in seine Persönlichkeit eingebrannt. Umso erstaunlicher, dass er die Opfererfahrung als Kanzler öffentlich kaum zur Sprache brachte. Während Adenauer in privaten Briefen noch Anfang 1946 ungeschönt über die Schuld der Deutschen und besonders seiner Kirche geschrieben habe, habe er sich auf der öffentlichen Bühne "einem therapeutischen Beschweigen der Vergangenheit" verschrieben, betont Frei.

Der Grund: Adenauer habe die Einsicht geleitet, dass der Neuaufbau letztlich mit den Menschen erfolgen müsse, die da sind. "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat", lautete seine verstörende Lebensweisheit.

Kernziele in nur sechs Jahren erreicht

Politisch drückte der Kanzler einer ganzen Epoche seinen Stempel auf - und das, obwohl der nur mit einer Stimme Mehrheit gewählte Kanzler 1949 wegen seines hohen Alters als Übergangslösung galt. Bis 1955 hatte er seine Kernziele erreicht: wiedergewonnene Souveränität, unbedingte Westbindung, Wiederbewaffnung, den Beginn der Aussöhnung mit Israel und mit den französischen "Erbfeinden". Die weithin verhassten Deutschen gewannen wieder an Ansehen.

Adenauer persönlich sei stolz und stur und selbstbewusst gewesen, doch ohne Eitelkeit, schreibt frei. "Im Umgang mit Menschen, sogar in seiner nächsten Umgebung, konnte er kalt und hart und rücksichtslos sein, aber auch charmant und fürsorglich." Im Umgang mit politischen Gegnern war er bisweilen skrupellos: etwa 1961 in seiner Schmutzkampagne gegen Willy Brandt und dessen nicht-eheliche Herkunft. Oder bei der illegalen Ausspionierung der SPD.

Der richtige Zeitpunkt

Als der Patriarch das Kanzleramt im Oktober 1963 verließ - mit fast 88 Jahren - ging er "nicht mit frohem und leichtem Herzen". Politisch hatte ihn der Instinkt zuletzt häufiger verlassen: das "ZDF-Fernsehurteil" aus Karlsruhe, sein kurzzeitiger Anspruch auf das Amt des Bundespräsidenten, die beim Mauerbau sichtbare Orientierungslosigkeit, die "Spiegel"-Affäre. Gerade der junge US-Präsident John F. Kennedy ließ Adenauer unendlich alt aussehen.

Als Adenauer am 19. April 1967 starb, reisten zum Pontifikalamt im Kölner Dom 15 Staatspräsidenten und Regierungschefs an: von US-Präsident Lyndon B. Johnson über den Franzosen Charles de Gaulle bis zum früheren israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion. Zu Tausenden standen die Menschen am Rheinufer, als Adenauers Sarg per Schiff nach Rhöndorf gebracht wurde. Hunderttausende verfolgten die Feierlichkeiten am Fernseher. Eine Ära war zu Ende.

Quelle:
KNA