Historiker kritisiert falsche Vorstellung von der Hexenverfolgung

Von wegen Kräuterhexe

Der Mainzer Historikers Johannes Dillinger hält das gängige Bild von der Hexenverfolgung für falsch: "Die Anklagen gingen nicht, wie oft geglaubt, von der katholischen Kirche aus, sondern häufig vom einfachen Volk, dem Bauernstand." 

Frau im Hexenkostüm / © Matthias Bein (dpa)
Frau im Hexenkostüm / © Matthias Bein ( dpa )

Der Geschichtsprofessor betonte: "Hexenprozesse waren fast immer weltliche Prozesse." Dass die Opfer der Verfolgungen zu etwa 80 Prozent Frauen gewesen seien, liege vor allem daran, dass Frauen damals für die Versorgung von Kindern und Kranken zuständig gewesen seien.

"In ihrer Verantwortung lagen Heilung und Pflege und damit Leben oder Tod - die weibliche Magie war somit weit gefährlicher als die männliche", so Dillinger. Korrigiert werden müsse das Bild von der "Kräuterhexe".

Hauptzeit zwischen 1560 und 1650

Die Vorstellung, dass die Opfer der Hexenprozesse professionelle Heilerinnen mit pharmazeutischen Spezialkenntnissen gewesen seien, sei "genauso falsch wie das Klischeebild von der alten, buckligen Märchenhexe". Letztlich habe ein klimatisches Phänomen während der Hauptzeit der Hexenverfolgung zwischen 1560 und 1650 den Boden für Verdächtigungen bereitet.

Damals habe es eine sehr kalte Klimaperiode gegeben, die zu Ernteverlusten, Hungersnöten und sozialen Spannungen führte. Gerade in Deutschland habe man "Wetterzauberinnen" schädigende Wetterereignisse zur Last gelegt.

Heute enthielten Verschwörungserzählungen zum Sturm auf das US-Kapitol in Washington am 6. Januar Behauptungen mit Hexen-Bezug. Demnach entführen, foltern, missbrauchen und töten Mitglieder der Oberschicht Kinder.

Verschwörungsmythen bis heute

"Hexen, die Kindern nachstellen - diese Gedanken sind nicht neu", sagte Dillinger. Diese Verschwörungsmythen griffen "eindeutig Elemente der frühen Hexenlehre auf, nämlich dass Teufelsanbeter Kinder verführen, töten und fressen".

Noch heute führe der Glaube an böse Magier und Schadenszauber zu Hexenjagden und Morden, etwa in Afrika und Saudi-Arabien, so Dillinger, der an der Universität Mainz und der Oxford Brookes University lehrt.

Der Autor mehrerer Bücher zum Thema Hexenverfolgung hat auch katholische Theologie studiert.

Quelle:
KNA