DOMRADIO.DE: Man sagt, dass das Bistum Versailles das Herz der katholischen französischen Kirche ist. Stimmt das?
Bischof Luc Crépy (Bischof von Versailles): Das habe ich erst in Köln gehört, dass Versailles das Herz ist, in dem der Katholizismus Frankreichs schlägt. Man muss da auch ein bisschen bescheiden bleiben. Aber es stimmt, dass die Diözese Versailles eine sehr dynamische Diözese ist, mit vielen jungen Priestern, vielen Laien, die sehr engagiert in der Kirche sind. Wir haben eine sehr junge Bevölkerung und viele Berufungen. Also, ich weiß nicht, ob es das Herz Frankreichs ist, aber auf jeden Fall ist es eine sehr lebendige Diözese.
DOMRADIO.DE: Sie sind derzeit mit hundert Priestern zu Gast in Köln. Wie kam es zu diesem Besuch?
Crépy: Diese Reise ist nicht die erste, die wir mit hundert Priestern machen. Hundert Priester – das ist die Hälfte der Priester der Diözese Versailles. Vor sechs Jahren hatten die Priester das Bedürfnis, gemeinsam zusammenzukommen, etwas miteinander zu teilen, zusammen etwas Starkes zu erleben, ein Ereignis gemeinsam zu teilen. Daher haben wir beschlossen, alle drei Jahre mit den Priestern eine größere Reise zu machen.
Vor sechs Jahren ging es nach Rom. Vor drei Jahren waren wir in Marseille. Und dieses Jahr wollten wir nach Köln. Man könnte sagen, dass wir uns da in der Tradition der Geschichte der Kirche und auch der römischen Geschichte bewegen. Rom ist der erste Ort der Christenheit. Marseille ist einer der ersten Orte der christlichen Kirchen in Europa. Und Köln ist natürlich ebenfalls ein ganz wichtiger historischer Ort der Christenheit.
DOMRADIO.DE: Man hört in Deutschland, dass es in Frankreich einen großen Boom an Taufen gibt. Können Sie das bestätigen?
Crépy: Es gibt bei uns tatsächlich viele Taufbewerber. Das sind häufig junge Erwachsene. Letztes Jahr haben wir in Frankreich fast 17.000 erwachsene Anwärter getauft. In der Diözese Versailles haben alle Pfarreien eine große Zahl an Taufbewerbern. Es gibt Pfarreien, die dieses Jahr 50 junge Erwachsene taufen werden.
Das ist eine neue, das ist eine sehr starke, sehr reiche Bewegung, die uns einlädt, sie aufzunehmen, sie zu begleiten und sie zu bilden. Ich denke, das wird eine schöne Erneuerung für das Leben der Kirche in Frankreich sein.
DOMRADIO.DE: Wie erklären Sie sich diese Entwicklung, dass es in Frankreich so viele Taufbewerber gibt?
Crépy: Ich denke, es gibt nicht nur einen einzigen Grund. Es gibt zunächst sicherlich eine Suche nach Sinn, nach spirituellem Sinn. Es geht auch darum, in dieser schnelllebigen Zeit einen Anker, eine Identität zu finden. Als Bischof und als Gläubiger würde ich sagen: Es ist auch das Wirken des Heiligen Geistes, dass so viele Menschen, die sehr weit weg von der Kirche stehen, zu uns kommen und wir sie aufnehmen.
DOMRADIO.DE: Wie verhält sich diese neue Entwicklung denn im Vergleich zur französischen Gesamtgesellschaft. Ist das auch eine Antwort auf die Säkularisation. Leben die Franzosen jetzt in einer post-säkularen Gesellschaft?
Crépy: Das wäre voreilig behauptet. In Frankreich muss man unterscheiden: Da betrifft die Säkularisierung zuerst die Institutionen, die politische Welt. In Frankreich gibt es die Trennung von Staat und Kirche. Also gibt es eine Säkularisierung, aber die religiöse Frage ist dadurch überhaupt nicht abwesend. In Frankreich ist Religion ein großes Thema. Über jüdische, muslimische und christliche Religion spricht man viel.
Das Christentum ist da überhaupt nicht abwesend. Es gibt die protestantische Seite, dann die Evangelikalen, aber auch wir Katholiken haben in Frankreich große Jugendtreffen. Das Religiöse ist immer da. Gott ist nicht tot, wenn ich so sagen darf. Aber es wäre voreilig, zu sagen, dass dies das Ende der Säkularisierung sei oder auch nicht, denn diese neue Entwicklung mit den vielen Taufbewerbern, dieses Phänomen, ist noch zu neu.
DOMRADIO.DE: In Deutschland gibt es in der katholischen Kirche einen Richtungsstreit zwischen liberalen Bischöfen und konservativen Bischöfen. Wie blicken Sie aus Frankreich auf die katholische Kirche in Deutschland?
Crépy: In der französischen Kirche gibt es da unterschiedliche Sichtweisen. Es gibt Katholiken, die sich dem deutschen Synodalen Weg nahe fühlen. Es gibt aber auch Katholiken, die sehr dagegen sind. Ich würde sagen, dass man schon auf die deutsche Kirche schaut, aber auf unser Verhalten hat das keinen sehr großen Einfluss.
Wir arbeiten an anderen pastoralen Fragen, anderen ekklesiologischen Fragen. Man schaut schon, was in Deutschland passiert, aber man ist nicht sehr dadurch beeinflusst. Man stellt die Fragen bei uns ein bisschen anders.
Das Interview führte Johannes Schröer.