Ostdeutschlands Bistümer 30 Jahre nach der Wiedervereinigung

Unerfüllte Hoffnungen und manche Aufbrüche

"Blühende Landschaften" versprach Kanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen. Auch die Katholiken unter ihnen hofften nach 40 Jahren Sozialismus auf einen neuen Frühling. Doch manche Erwartung blieb unerfüllt.

30 Jahre Mauerfall: Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer (dpa)
30 Jahre Mauerfall: Jubelnde Menschen sitzen mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer / ( dpa )

Sonntagmorgen in der Leipziger Propsteigemeinde: Volle Bänke und Kinderlärm im Kirchenschiff. Oft war es so bis zur Corona-Krise, und Propst Gregor Giele hofft, dass es nach deren Ende in der katholischen Hauptgemeinde der Messestadt wieder so wird. Sie ist jung - das Durchschnittsalter der Gemeindemitglieder beträgt gut 37 Jahre - und jährlich kamen zu den über 5.000 Seelen rund 150 dazu.

Mit ihrem Kirchenneubauprojekt, dem größten nach 1990 im Osten Deutschlands, machten sich die Leipziger Katholiken bundesweit einen Namen. Es ist eines jener kirchlichen "Leuchtturmprojekte", die weit über die Gemeinden hinaus ausstrahlen. So gehört die Propstei wie einige weitere Gemeinden vor allem in und um Berlin zu den Gewinnern der Wiedervereinigung. Die nach einer Durststrecke wieder boomende Messestadt zog junge Familien aus Ost und West an, unter ihnen viele katholische. "Sie brachten frischen Wind", so der 54-jährige Giele.

Zahl der Katholiken rückläufig

Doch Lichtblicke wie diese können die Schatten nicht überstrahlen. Im Osten Deutschlands ist die Kirche - stärker noch als im Westen - zahlenmäßig auf dem Rückzug. Seit 1990 sank die Zahl der Katholiken dort von schätzungsweise 1,3 Millionen auf rund 840.000, einschließlich der Mecklenburger, die nun zum Erzbistum Hamburg gehören. Die Ursprungszahl mag überhöht gewesen sein, da es zu DDR-Zeiten keine amtlichen Registrierungen gab. Der Schwund bleibt dennoch erschreckend. In keinem Ostbistum kommen die Katholiken auf zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Außerhalb der Städte wiegt dieser Trend doppelt schwer. Die Diaspora-Gemeinden dünnen weiter aus. Daran können auch die beiden volkskirchlich geprägten Regionen, das thüringische Eichsfeld und das sächsische Sorbengebiet, nur wenig ändern. Zu Kirchenaustritten kommen die rückläufigen Geburtenzahlen und eine jahrelange Abwanderung junger Menschen aus Mangel an Arbeitsplätzen. Dennoch: "Das Christentum wird wieder zur Stadtreligion", sagt der Erfurter Altbischof Joachim Wanke (79) und erinnert an die Ursprünge in der Antike.

Interesse an Kirche und Religion

Wer blieb, ist jedoch besonders kirchentreu: Der sonntägliche Gottesdienstbesuch liegt deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt von rund neun Prozent. Spitzenreiter ist das Bistum Görlitz, wo sonntags fast jeder fünfte Katholik in der Messe ist. Dazu mag beitragen, dass Zuwanderer aus Polen in den vergangenen Jahren vor allem die Kirchengemeinden spürbar verstärkt haben, die an der Oder-Neiße-Grenze liegen.

Auch im Jahr 30 nach der Wiedervereinigung ist eine Bekehrungswelle jedoch ausgeblieben. "Der Ostdeutsche ist religiös unmusikalisch geworden", interpretiert dies der Erfurter Philosoph Eberhard Tiefensee. Eine feindselige Haltung ist damit aber nicht automatisch verbunden. Ostdeutsche "Heiden" zeigen immer wieder unerwartetes Interesse an Kirche und Religion.

Erhebung katholischer Kirchengebiete zu Bistümern

Als Bischof hat Wanke in seiner 30-jährigen Amtszeit nach neuen pastoralen Modellen gesucht, um die Kirchenschwellen niedriger zu machen. Bekannt sind etwa die ökumenischen Gottesdienste für Paare am Valentinstag. Die Deutsche Bischofskonferenz quittierte die Experimentierfreude mit der Gründung einer "Arbeitsstelle für missionarische Pastoral" in Thüringens Landeshauptstadt.

Ein noch wichtigerer Schritt war zuvor die Erhebung der katholischen Kirchengebiete Ostdeutschlands zu Bistümern. Bis auf die Diözesen Berlin und Dresden-Meißen hatten sie anderen Bistümern angehört, deren Zentren außerhalb der DDR lagen. Eine Ausnahme sind Mecklenburgs Katholiken, die zum Erzbistum Hamburg kamen. Auf finanzielle Hilfen der West-Diözesen bleiben aber auch die neuen Bistümer angewiesen. Deren Zuschüsse machten lange einen erheblichen Teil der Bistumshaushalte aus.

Chancen genutzt

Trotz knapper Mittel haben die Ost-Bistümer Chancen genutzt, die sich ihnen nach der Wiedervereinigung boten. Zu ihren "Leuchttürmen" gehören auch eine Reihe katholischer Schulen wie das Dresdner Benno-Gymnasium, die selbst von nichtchristlichen Familien stark nachgefragt werden. An den gesellschaftlichen Debatten beteiligen sich nun auch Katholische Akademien, deren Gründung während des SED-Staats mit seinem ideologischen Monopolanspruch nicht möglich gewesen wäre.

Die Erfurter Hochschul-Theologen, zur katholischen Fakultät erhoben, prägen die wiedergegründete Universität mit, vor einem Jahr erhielt auch die Berliner Humboldt-Universität ein Institut für Katholische Theologie, das in den gesellschaftlichen und politischen Debatten der Hauptstadt mitreden soll. Ostdeutschlands Bistümer sind eben mehr als nur Zuschussempfänger.

Autor/in:
Gregor Krumpholz
Quelle:
KNA
Mehr zum Thema