Israels schwieriger Umgang mit seinen Strengreligiösen

Ultraorthodoxer Widerstand gegen Pandemie-Maßnahmen

In Israel rebellieren ultraorthodoxe Juden immer wieder gegen die staatlichen Corona-Vorschriften. Vor allem Schulschließungen gehen strengen Strömungen zu weit. Doch mit den Protesten steigen auch die Infektionszahlen.

Zwei ultraorthodoxe Juden mit Mundschutz im Jerusalemer Viertel Mea Schearim im April 2020. / © Andrea Krogmann (KNA)
Zwei ultraorthodoxe Juden mit Mundschutz im Jerusalemer Viertel Mea Schearim im April 2020. / © Andrea Krogmann ( KNA )

Weltweit wird die erfolgreiche Impfkampagne Israels beachtet. Trotzdem befindet sich das Land in einem strikten Lockdown. Hoch ist weiterhin die Zahl der täglich Covid-19-Ansteckungen - besonders unter strengreligiösen Juden. Während ihr Anteil an der Bevölkerung nur zehn Prozent entspricht, machen sie 30 Prozent der Neuinfizierten aus. Das hat auch mit den großen Familienstrukturen zu tun, die oft auf kleinstem Raum zusammenleben. Es zeigt sich aber auch das komplizierte Verhältnis zwischen dem Staat und der von Rabbinern angeführten ultraorthodoxen Gesellschaft.

"Man geht in den ultraorthodoxen Vierteln herum und sieht überall Plakatwände, auf denen alle paar Stunden neue Namen der Verstorbenen stehen." Mit düsteren Worten beschreibt Jehuda Meschi-Zahav die Ausbreitung des Coronavirus in den strengreligiös-jüdisch dominierten Gebieten in Israel. Der Vorsitzende der Rettungsorganisation "Zaka" ist selbst strengreligiös. Mit deutlichen Worten kritisierte er aber unlängst in einem Interview mit der Onlinezeitung "Ynet" die Schuld der geistlichen Führer. "Ich denke, sie sind schlimmer als Holocaust-Leugner. Schließlich leugnen Holocaust-Leugner die Geschichte, und hier leugnen sie die Gegenwart."

Staat mitverantwortlich für hohe Infektionszahlen

Zu Anfang der Pandemie wehrten sich führende Rabbiner gegen die von der Regierung angeordneten Einschränkungen des öffentlichen Lebens, später rieten sie Tora- und Talmudschülern davon ab, sich auf das Virus testen zu lassen. Sie öffneten Schulen auch dann noch, als das gesamte Bildungssystem des Landes geschlossen wurde. Vor Medien warnte der innerhalb der israelischen Corona-Taskforce für die Ultraorthodoxen verantwortliche Roni Numa zuletzt am Montag, dass weiterhin fünfzehn Prozent der ultraorthodoxen Schulen trotz Verbots geöffnet seien. "Wenn auch nur ein kleiner Teil offen ist, wenn wir das nicht verhindern, wird sich das Virus weiter ausbreiten", so Numa.

Gleichzeitig berichtete der öffentlich-rechtlich Sender Kan, dass die israelischen Behörden Missachtungen der Einschränkungen in ultraorthodoxen Gebieten mit hohen Infektionszahlen deutlich seltener ahndeten als in den restlichen Teilen des Landes. Zu diesem Ergebnis gelangt auch die für gesellschaftlichen Pluralismus eintretende Organisation "Israel Hofsheet - Be free Israel": "Der Staat Israel hat die Covid-19-Vorschriften in der ultraorthodoxen Gemeinschaft aufgrund enger politischer Interessen nicht durchgesetzt. Damit hat er dieser Gemeinschaft Schaden zugefügt, die besonders hart getroffen wurde und den Preis mit einer besonders hohen Zahl von Todesfällen bezahlt hat. Und das hat natürlich auch den Rest der israelischen Bevölkerung getroffen", erklärt Geschäftsführer Uri Keidar.

Rabbiner weiterhin gegen Schulschließungen

Die strengreligiösen Juden in Israel sind in verschiede Strömungen aufgeteilt und agieren teilweise autonom innerhalb des Staates. Während der Großteil der führenden Rabbiner ihre Anhänger explizit zu einer Impfung gegen das Virus aufgerufen hat, bleiben die behördlichen Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung bei den ultraorthodoxen Autoritäten umstritten. Anfang Januar etwa ersuchte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu telefonisch die Unterstützung des prominenten Rabbiners Kaniewski für das Vorhaben, alle ultraorthodoxen Schulen im Lockdown zu schließen.

Kaniewski gilt als einer der angesehensten ultraorthodoxen Rabbiner. Seine Autorität erstreckt sich jedoch nur über einige Strömungen. Der Schließung von Schulen verweigerte er seit Beginn der Pandemie seine Zustimmung. Der metaphysisch durch das Torastudium gewährte Schutz sei wichtiger als soziale Distanz. Nach dem Gespräch mit Netanjahu erklärte er sich bereit, Schulen "für ein paar wenige Tage" zu schließen. Offen ist, ob er seine Entscheidung revidieren wird: Gerade erst hat die Regierung den ursprünglich bis 21. Januar dauernden Lockdown um zehn weitere Tage bis Monatsende verlängert. Es bleibt abzuwarten, ob Kaniewski seine Haltung in dieser Zeit revidieren wird. Andere Rabbiner bereiten ihre Anhänger bereits auf landesweite Demonstrationen gegen die Maßnahmen vor.

Männer und Kinder stehen in einer Schlange vor einem Gemüseladen am 3. April 2020 in einem ultraorthodoxen Stadtviertel in Jerusalem. Das große Transparent macht auf die Corona-Richtlinien aufmerksam. / © Andrea Krogmann (KNA)
Männer und Kinder stehen in einer Schlange vor einem Gemüseladen am 3. April 2020 in einem ultraorthodoxen Stadtviertel in Jerusalem. Das große Transparent macht auf die Corona-Richtlinien aufmerksam. / © Andrea Krogmann ( KNA )
Autor/in:
Till Magnus Steiner
Quelle:
KNA