DOMRADIO.DE: Mit welchen Gedanken blicken Sie heute in Ihr Heimatland, die Ukraine?
Mykola Pavlyk (Pfarrer der ukrainisch-griechisch-katholischen Kirche in Düsseldorf): Das ist ein ambivalentes Gefühl. Einerseits sieht man, was da mit all diesen tausenden und abertausenden Menschen passiert, die in der Kälte ausharren müssen, und mit diesen tausenden Toten. Andersherum kann ich mich noch gut daran erinnern, dass ich vor vier Jahren zu dieser Zeit in meinem Büro saß. Das war noch schlimmer, weil ich nicht wusste: Wer bin ich jetzt? Was passiert mit meiner Familie, also meinem Vater und meiner Mutter? Von daher gibt es auch etwas Positives, wenn auch ganz wenig, weil die Ukraine bleibt.
DOMRADIO.DE: Einige tausend Ukrainer, die vor dem Krieg aus ihrem Heimatland geflohen sind, haben in und um Düsseldorf Schutz gefunden. Wie geht es den Menschen hier? Wie haben Sie da zum Beispiel Trost und Hoffnung spenden können?
Pavlyk: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt welche, die mit ihren Familien hergekommen sind und sich sehr schnell integrieren - abgesehen von dem Gefühl, aus ihrem gewohnten Umfeld weggerissen zu sein. Es gibt aber auch diejenigen, die jemanden im Krieg haben, zum Beispiel eine Frau mit Kindern, die hier ist, während ihr Mann kämpft.
Manchmal ist es ein bisschen schwierig, denen irgendeine Floskel zu sagen, wie zum Beispiel: "Es wird schon alles gut." Deswegen ist man manchmal einfach nur da. Besonders wenn es um die geht, die nichts oder niemanden mehr haben, zu dem sie zurückkehren können.
Da bleibt man nur da und sagt: Ich bin hier. Also da kann man jetzt nicht sagen: Es wird besser. Wie gesagt, bei dem einen ist es einfacher, Trost und Zuversicht zu geben, bei dem anderen ist es ein bisschen schwieriger. Ich versuche es aber.
DOMRADIO.DE: Wir hören ja immer wieder, dass Vertreter der Ukraine, Russlands und der USA gemeinsam über einen Friedensplan beraten. Danach heißt es oft, diese Treffen seien konstruktiv verlaufen, die Angriffe gehen aber unvermindert weiter. Welche Hoffnung haben Sie, dass dieser Krieg in der Ukraine beendet werden kann?
Pavlyk: Na ja, die Hoffnung habe ich. Sie ist nicht so ganz groß, weil wir es mit einem Gegner zu tun haben, der all diese Verträge und Konventionen gar nicht beachtet. Die Ukraine erlebt gerade den schlimmsten Winter in ihrer Geschichte. Da gibt es in der Zentralukraine minus 20 Grad, während normalerweise schon minus 10 Grad selten sind.
Es gibt bestimmte Konventionen, zum Beispiel die Genfer Konventionen, die besagen, dass die Zivilbevölkerung geschützt werden muss. Und was macht Russland? Wir haben es mit einem Gegner zu tun, der wirklich absolut skrupellos ist. Ich erwarte keine humanitären Aktionen, sondern einfach nur, dass diese Konventionen befolgt werden. Dafür haben wir sie auch geschaffen, damit wir selbst im Krieg zumindest irgendwelche Regeln haben. Daher ist meine Hoffnung sehr begrenzt.
Das Interview führte Carsten Döpp.