DOMRADIO.DE: Sie haben sich in Ihrer Playlist bekannte Songs, aber auch unbekannt Bekanntes ausgesucht. Ich denke da an den Titel „Michelle“ von den Beatles in der Version von „The Singers unlimited“. Überrascht es Sie, dass mich das überrascht?
Jörg Knör (Parodist): Ja, das habe ich mir fast gedacht. Das ist auch ein kleiner Geheimtipp. Da war ich 15 oder 16 Jahre alt und ich hatte mich schon in diese vielen CDs der A capella-Band verliebt. Und „Michelle“ ist tatsächlich ein Sehnsuchtssong von dem sechsjährigen Jörg, der mit einer schlimmen Krankheit im Winterurlaub in Österreich vier Tage im Bett lag. Ich habe immer wieder dieses Lied gehört und da war das gerade in den Charts. Daran sieht man, wie alt ich bin. Ich fand, das war ein wunderbares Lied. Ich bin ein Mensch mit einer großen Zuneigung zur Melancholie. Man sagt immer, die Melancholie ist die Depression, die man genießt.
DOMRADIO.DE: Würden Sie sich auch als gefühlvollen Melancholiker bezeichnen?
Knör: Unbedingt. Ich sage mal, wer Gefühle auf der Bühne erzeugen will, muss selbst fühlen. Du kannst das nicht spielen. Ich bin ein schlechter Schauspieler. Deswegen bin ich manchmal so geliefert, wenn ich merke, dass irgendwas morgens schlecht gelaufen ist, abends jedoch den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern muss. Und irgendwie schaffe ich es dann auch, mich selbst zu motivieren, gut gelaunt zu sein. Weil: Gute Laune kannst du nicht überzeugend spielen. Du musst Lust haben auf das, was du machst. Es ist mir gelungen, immer selbst auch was zu fühlen.
DOMRADIO.DE: Sie sind auf seltsamsten Irrwegen zum Fernsehen gekommen. Erzählen Sie mal in aller Kürze, wie das war.
Knör: Das fing ja mit Rudi Carrell an. Im Grunde genommen hatte alles angefangen mit einer Castingshow, die hieß nicht DSDS, sondern damals „Talentschuppen“. Da hatte ich mich beworben, hatte drei Minuten ein einigermaßen gutes Programm mit Parodien auf Rudi Carrell und Helmut Schmidt. Ich hatte auch noch gezeichnet, was ich ja immer noch tue. Der Kontakt zu Rudi Carrell war ein bisschen früher, da war ich Kandidat in seiner Show „Am laufenden Band“. Und das war vielleicht dieser besondere Moment, an dem ich dachte: Das will ich auch. Und irgendwann habe ich eine eigene Show aufgezeichnet und dem unverlangt angeboten. Das wurde dann irgendwo im Abendprogramm versteckt. Und dann kam der Unterhaltungschef, sagte „Mensch, Sie haben ja eine Quote gehabt, Herr, können Sie so was jeden Monat machen?“ Und ich habe gedacht, dass ich das nicht schaffe, aber meine Antwort war selbstverständlich „Ja“. Und so ging es dann Stufe für Stufe.
DOMRADIO.DE: Sie machen eine Vielzahl von Stimmen nach. Und ich frage mich dann immer: Wie übt man so was?
Knör: Im Grunde genommen übe ich gar nicht. Ich mache es immer gleich. Jetzt habe ich 70 Leute im Repertoire, auch Donald Trump. Dann spiele ich mit meiner Stimme und ich habe so einen kleinen Trick: Ich wohne jetzt seit 14 Jahren in Hamburg und da gibt es so eine schöne Strecke um die Außenalster, die ist sieben Kilometer lang. Und dort fange ich an herumzuspielen mit der Stimme. Ich muss immer ein bisschen rumalbern und irgendwann habe ich sie. Und dann ist die aber auch bei mir.
DOMRADIO.DE: Sie imitieren auch Päpste, z.B. Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. Sie treten jedoch entschieden gegen das Vorurteil an, das sei verunglimpfend, stimmt das?
Knör: Mein Kompass war immer der, dass ich auch schon mal in einem Nonnenkloster aufgetreten bin und auch in christlichen Einrichtungen. Wir waren z. B. in der Bischofsstadt Passau, wir sind in der Bischofsstadt gewesen und selbst dort wurde das nicht falsch aufgefasst, weil für mich Parodie auch eine Liebeserklärung ist. Das heißt, wenn ich Leute parodiere, geht es nicht darum, sie durch den Kakao zu ziehen. Und gerade bei den Päpsten, muss ich sagen, versuche ich auch ein bisschen, diese menschliche Seite zu zeigen. Vor allen Dingen gerade diese beiden Päpste und insbesondere Johannes Paul II., der auch so lange mit uns war, der hatte halt auch Ansichten über das Leben.
DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie persönlich zur Kirche?
Knör: Ich finde das gut, dass man mit dem Thema des Glaubens in Berührung kommt. Und ich glaube wirklich, es gibt diese Kraft, die mich über ein ganzes Leben trägt. und ich fühle mich durch einen Schutzengel oder den lieben Gott durchs Leben getragen. Und ich merke auch immer, dass ich mich wieder erden kann, in dem ich so eine Art Zwiesprache halte. Ich gebe zu: Ich bin da schon jemand, der nicht unbedingt immer in die Kirche muss. Aber in der Natur stehen auch meine Altäre. Wenn ich am Meer bin, dann fühle ich eine totale Logik in der Schöpfung. Ich sehe die Logik der Schöpfung, die gibt mir auch das Gefühl, dass alles, auch der Tod, einen höheren Sinn hat. Und dann bin ich etwas beruhigter.
DOMRADIO.DE: Wir hatten eben über ihren Einstieg beim Fernsehen gesprochen. Sie hatten nicht nur ihre eigene Show, sondern waren auch Teil von anderen TV-Formaten. Wie bewerten Sie das heute?
Knör: Meine eigene Show betrachte ich als ein großes Glück. Ich durfte alles selber machen. Die Sendung hatte auch die Chance, dass ich mich über 50-mal in perfekte Masken begeben konnte. Ich war Sean Connery, ich war Hella von Sinnen, ich habe 50-mal irgendwelche Glatzen bekommen und falsche Nasen. Es war toll. „Big Brother“ habe ich gemacht, weil ich eigentlich was über mich erfahren wollte. Das ist wie „ins Kloster gehen. Die Leute sehen ja nur die Hälfte von dem oder nur ein Bruchteil. Und die dritte Geschichte, war „Das Supertalent“. Ähnlich wie bei „Big Brother“ habe ich gesagt: „Ich will was machen, womit die Leute nicht rechnen.“ Ich habe dort die Blockflöte gespielt. Und ich glaube, ich habe das richtig gut gemacht. Nurt Chefjuror Dieter Bohlen fragte: „Jörg, was soll denn das?“
DOMRADIO.DE: Was steht aktuell bei Ihnen auf dem Programm?
Knör: Es kommt ein Abschied von mir. In diesem Jahr 2026, gehe ich tatsächlich noch einmal auf Abschiedstournee. Und das ist nicht wie bei Howard Carpendale, denn ich mache das wirklich. Ich gehe mit zwei Shows noch mal durch die Lande. Die eine ist ein Best of aus 30 Programmen, und die andere ist eine Biografie, in der ich mein Leben ein bisschen erzähle. Und am 20. Dezember ist tatsächlich mein großes Finale in der Nähe von Hamburg in Buchholz. Ich habe dann eine nasse Wange, wenn ich von der Bühne gehe. Es wird sehr sentimental. Aber es ist auch richtig: Man muss aufhören, wenn es am schönsten ist und 45 Jahre ist ja auch eine sehr lange Zeit.
DOMRADIO.DE: Was ist Ihnen als Künstler im menschlichen Umgang wichtig?
Knör: Das menschliche Miteinander sehe ich eigentlich als den Sinn des Lebens, um sich gegenseitig das Leben zu verschönern. Das geht natürlich nicht nur auf der Bühne, sondern generell. Ich fühle nie, dass andere Menschen für mich Fremde sind, sondern wir sind alle irgendwie aus derselben Materie und es ist reiner Zufall, dass man sich nicht kennt. Aber man kann sich kennenlernen. Ich gehe immer auf Menschen zu und versuche auch ihre Geschichten zu hören. Wenn ich auf der Bühne bin, ist das für die deren Erheiterung aus dem Alltag, die Flucht aus dem Alltag. Und für mich ist das der Alltag, diese Menschen aus dem Alltag zu entführen.
Das Interview führte Bernd Knopp.