Der Tübinger Theologe Hans-Ulrich Probst hat Christen davor gewarnt, trotz gemeinsamer Berührungspunkte bei einzelnen Themen für die extreme Rechte zu agieren. Es gebe "Menschen, denen die Themen 'Anti-Genderismus' und 'Anti-Abtreibung' so wichtig sind, dass sie im Zweifel die AfD wählen, weil sie sagen, sie ist die einzige Partei, die klar gegen Abtreibungsrechte ist", sagte Probst dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Damit begäben sie sich jedoch in ein "gefährliches Fahrwasser", wenn sie gleichzeitig "die vielen Formen der Menschenfeindlichkeit" hintenan stellten, für die die extreme Rechte stehe. "Ein Ultranationalismus, die Idee von der Homogenität von Kulturen, die massive Migrationsfeindschaft: Das sind Ideen und Konzepte, die gegen einen christlichen Kernbestand stehen", sagte Probst, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Eberhard Karls Universität Tübingen ist.
Populismus funktioniert mit einer Freund-Feind-Logik
Akteure der Neuen Rechten argumentierten teilweise christlich-theologisch, etwa zum "Niedergang des Abendlandes". Sie griffen dabei auch auf Bibeltexte zurück und deuteten zentrale Bestände des Christentums um. Auch die AfD komme in ihren Wahlprogrammen für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt teilweise christlich daher, sei aber in Wirklichkeit menschenfeindlich geprägt und auf Ausgrenzung ausgerichtet - auch gegen die Amtskirchen, sagte Probst.
Die EKD und die Landeskirchen werden zu Feindbildern
Ein christlicher Rechtspopulismus bediene sich - ebenso wie der politische Rechtspopulismus - einer Freund-Feind-Logik. "Der christliche Rechtspopulismus sagt, nur wir sind diejenigen, die das Christliche in Anspruch nehmen dürfen und wir entscheiden, wer eigentlich zur Kirche und zum Christentum dazugehört und wer nicht." Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die 20 Landeskirchen würden Feindbilder.
Statt in eine Freund-Feind-Logik zu verfallen, sollten die Kirchen dafür werben, auf den Nächsten zuzugehen und ihm zuzuhören. "Nächstenliebe ist ein Grundgedanke, wie wir Gesellschaft leben können, die nicht auf Entzweiung ausgerichtet ist, nicht auf eine populistische Logik, sondern auf ein friedlich orientiertes und harmonisches Miteinander."
Aufgabe jedes Christen und jeder Christin müsse es sein, in der Kirchengemeinde vor Ort einen positiven Zugang zu einer vielfältigen Gesellschaft zu leben und sichtbar zu machen, dass ein Zusammenleben, etwa mit Geflüchteten oder Menschen mit Behinderungen, gelingen könne.