Trauerbegleiterin gibt Tipps zur ersten "Weihnacht alleine"

"Weihnachten ohne Dich"

Wer einen lieben Menschen verloren hat und zum ersten Mal alleine Weihnachten verbringt, für den kann es ein schwieriges Fest werden. Die Gemeinde St. Jodokus bei Karlsruhe hat am Sonntag ganz bewusst "Weihnachten ohne Dich" gefeiert.

Grablicht auf einem Grab / © Julia Steinbrecht (KNA)
Grablicht auf einem Grab / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sonntagnachmittag hat dieser Gottesdienst zum dritten Mal stattgefunden. Wie läuft so ein Gottesdienst ab? 

Janina Ball (Gemeindereferentin und Trauerbegleiterin): Es ist ein ganz normaler Wortgottesdienst mit besonderen Liedern. Zuerst werden die Kerzen für die Verstorbenen entzündet. Wir sagen immer: Wir, die miteinander Gottesdienst feiern, sind für alle sichtbar. Aber die Menschen, die wir in unseren Herzen tragen, sind nicht für alle sichtbar. Und darum entzünden wir immer zu Beginn eine Kerze. 

DOMRADIO.DE: Was sind das denn für Menschen, die zu diesem Gottesdienst kommen? 

Ball: Am Sonntag war es so, dass wir alle Generationen dabeihatten, von Kindern im Kinderwagen bis zu Senioren. Und was auch ganz spannend ist, finde ich – es gibt einige, die kennen wir von der Trauerbegleitung oder von Beerdigungen, die wir ja auch in unserer Gemeinde haben. Aber einige waren dem Vorbereitungsteam völlig unbekannt. Es war also eine ganz gemischte Gottesdienst-Gemeinde.

Janina Ball

"Viele Angehörige nehmen dieses Angebot wahr, noch mal persönliche Worte zu den Verstorbenen zu sprechen."

DOMRADIO.DE: Sie beziehen die Gäste, die Besuchenden in diesen Gottesdienst auch mit ein durch persönliche Texte? 

Ball: Ja, wir rufen vorher dazu auf, persönliche Texte zu schreiben, liebe Worte an ihre Verstorbenen. Die werden anonymisiert im Gottesdienst vorgelesen. Viele Texte beginnen einfach mit den Worten "Hätte ich gewusst, dass du stirbst, dann ...". 

DOMRADIO.DE: Hätten Sie ein Beispiel? 

Ball: "Hätte ich gewusst, dass du stirbst, hätte ich mich trotzdem immer wieder für dich entschieden, hätte ich nicht anders mit dir gelebt. Es war gut so, wie es war. Ich hätte gerne mehr mit dir gelacht oder öfter mit dir diskutiert und gesprochen. Vielleicht hätte ich in manchen Situationen öfters "ja" gesagt, nicht so viel nachgedacht, so manche Fünfe gerade sein gelassen. Ich danke dir für die Vertrautheit und für die Liebe all die Jahre. Mein Herz soll offenbleiben und weit. Denn dort kann ich unsere Verbundenheit und unsere Liebe weiter spüren." 

Viele Angehörige nehmen dieses Angebot wahr, noch mal persönliche Worte zu den Verstorbenen zu sprechen, sozusagen offiziell und öffentlich. Wir leiten oft diese Worte in dem Vertrauen ein, dass Himmel und Erde irgendwie dann doch immer verbunden sind. 

DOMRADIO.DE: Man hört diesem Text das ja auch an, dass es um das erste Weihnachten alleine geht, nachdem ein Mensch verstorben ist. Passt denn die Freudenbotschaft von Weihnachten mit der Trauer zusammen? Wie sehen Sie das als Trauerbegleiterin? 

Ball: Wir waren am Sonntag ganz stark beim "Fürchte dich nicht" der Engel an Weihnachten. Wir waren ganz stark in der Weihnachtsgeschichte, wie die Engel zu den Menschen in verschiedensten und sehr unwegsamen Situationen gekommen sind. Und immer wieder dieses "Fürchte dich nicht, Du bist nicht allein". Es ist der Zuspruch, der Anspruch der Engel, dass es irgendwie weitergeht. Wenn ich auch nicht sehe, dass irgendwo ein Licht ist oder wenn ich mich alleine fühle oder wenn ich mich verlassen fühle, dann ist da trotzdem jemand. Gott ist da, die Engel sind da, die uns sagen: Es ist gut weiterzugehen; habe Vertrauen. Fürchte dich nicht! 

DOMRADIO.DE: Maria und Josef waren ja auch keine so ganz heile Familie. Auch der Gedanke hilft vielleicht ein bisschen. 

Ball: Ja, tatsächlich. Das Gerede der Menschen ist ja bis heute auch ein Thema. 

Janina Ball

Man schneidet aus dem Baum einen zentralen Zweig heraus und bringt ihn an das Grab des Verstorbenen. 

DOMRADIO.DE: Haben Sie noch einen praktischen Tipp für Trauernde in der Adventszeit? Es wird ja nicht jedem, der einen lieben Menschen verloren hat, ein solcher Gottesdienst in der Nähe angeboten. 

Ball: Mir ist wichtig, dass es kein Richtig oder Falsch gibt. Es gibt Menschen, für die sind Weihnachtslieder und Adventslieder in diesem Jahr ganz besonders, weil sie Trost und Halt geben. Und für andere ist es unvorstellbar, Weihnachtslieder zu singen. 

Für manche ist es super, einen Tannenbaum zu schmücken und da die Verbundenheit mit dem Verstorbenen zu spüren und für andere einen Tannenbaum undenkbar. Ganz oft geben wir den Trauernden einen Brauch mit, der auf Dietrich Bonhoeffer zurückgehen soll: Man schmückt den Tannenbaum komplett mit Weihnachtskugeln, Lametta und allem was dazugehört. Dann schneidet man aus dem Baum einen zentralen Zweig heraus und bringt ihn an das Grab des Verstorbenen. Denn Weihnachten ist anders, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Damit lässt sich das gut symbolisieren und ist für ganz viele Angehörige ein guter Brauch geworden.

Das Interview führte Verena Tröster.

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Trauer um ermordete Ordensschwester in Mosambik / © NeydtStock (shutterstock)
Trauer um ermordete Ordensschwester in Mosambik / © NeydtStock ( shutterstock )
Quelle:
DR