Annette Jantzen wünscht sich eine überarbeitete Leseordnung für die Messtexte in der katholischen Kirche. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagte die Theologin und Autorin am Donnerstag: "Es würde schon reichen, mit weniger Vorurteilen und mit weniger Eingriffen in den biblischen Text vorzugehen."
Konkret würde das nach Jantzen bedeuten, Texte ganz zum Vortrag zu bringen und nicht "aus der Mitte das Wichtigste herauszuschneiden" – zum Beispiel die Gottesproklamation der Hagar: "Du bist der Gott, der mich sieht". Hier sei Abrahams Sklavin Hagar der einzige Mensch in der ganzen Bibel, der Gott bei seinem Namen nenne. "Und das herauszustreichen, das ist schon echt bitter", sagte sie.
Leseordnung kürzt Frauen-Texte anders
Um in eine dreijährige Leseordnung hineinzupassen, müsse die Bibel auf konkrete Lesetexte zusammengekürzt werden, erklärte Jantzen. Allerdings ließen sich bei der Auswahl der Textstellen konkrete Interessen der rein männlich besetzten Redaktionsgruppe erkennen.
Natürlich werde auch gekürzt, wenn es in der Bibel um Männer gehe. "Aber anders", betont Jantzen. In der Regel führe die Kürzung dazu, dass der entsprechende Mann nachher besser dastehe.
Umgekehrt stehe die betreffende Frau nach der Kürzung schlechter da: "Da bleiben ihre Motivationen unklar, da fehlt das Ende der Geschichte, da wird ihre wörtliche Rede weggestrichen und bei den Männern fehlen oft ihre dunklen Seiten. Bei Abraham, bei David, da ist das sehr, sehr offensichtlich", so die Theologin.
Gerade in den Geschichten um König David werde durch die Leseordnung die in den gekürzten Frauengeschichten enthaltene Machtkritik aus dem biblischen Text herausgeschnitten: Im kirchlichen Vortrag nur die idealen Seiten des Königs zu erzählen, mache auch etwas aus, was den Umgang mit Macht in der Organisation Kirche betreffe.
Frauenbild prägt Kürzungen
Jantzens Bilanz: Von 60 Frauen, über die im Ersten Testament eine Geschichte erzählt werde, kommen an den Sonntagen im Laufe von drei Lesejahren nur zweieinhalb vor. "Das ist sehr, sehr wenig", so die Theologin. An den Werktagen hörte man immerhin 20 Frauen – allerdings nur von dreien in ungekürzter Form. Das Ergebnis: Oft seien die Frauenfiguren dann inhaltlich flacher, hätten weniger "Geschichte mit Gott" und weniger Gesprächsanteile.
Teilweise erkenne man bei den Kürzungen, wie das aktuelle katholische Frauenbild die Redakteure beeinflusst habe. So gebe es im Buch der Sprichwörter ein Lehrgedicht darüber, wie das gute Leben geht, am Beispiel einer weisen Frau. "Zum Vortrag in der Kirche wird alles rausgelassen und weggeschnitten, auch mitten aus dem Text, was der Frau Autorität verleiht, was sie handlungsfähig macht, ihr öffentliches Auftreten." Zum kirchlichen Vortrag komme nur, dass sie zu Hause sitze und Tag und Nacht für ihre Familie arbeite.