Theologin kritisiert starke Kürzungen von Frauenerzählungen in Messen

Frauen haben "weniger Geschichte mit Gott"

Laut der Theologin Annette Jantzen zeigt die kirchliche Leseordnung ein verzerrtes Frauenbild. Wichtige Aussagen der Bibel würden einfach gestrichen. So kämen nur 3 von den insgesamt 60 Frauen in der Bibel in Sonntagstexten vor.

Evangeliar / © Lars Berg (KNA)
Evangeliar / © Lars Berg ( KNA )

Annette Jantzen wünscht sich eine überarbeitete Leseordnung für die Messtexte in der katholischen Kirche. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagte die Theologin und Autorin am Donnerstag: "Es würde schon reichen, mit weniger Vorurteilen und mit weniger Eingriffen in den biblischen Text vorzugehen."

Dr. Annette Jantzen / © Ute Haupts
Dr. Annette Jantzen / © Ute Haupts

Konkret würde das nach Jantzen bedeuten, Texte ganz zum Vortrag zu bringen und nicht "aus der Mitte das Wichtigste herauszuschneiden" – zum Beispiel die Gottesproklamation der Hagar: "Du bist der Gott, der mich sieht". Hier sei Abrahams Sklavin Hagar der einzige Mensch in der ganzen Bibel, der Gott bei seinem Namen nenne. "Und das herauszustreichen, das ist schon echt bitter", sagte sie.

Leseordnung kürzt Frauen-Texte anders

Um in eine dreijährige Leseordnung hineinzupassen, müsse die Bibel auf konkrete Lesetexte zusammengekürzt werden, erklärte Jantzen. Allerdings ließen sich bei der Auswahl der Textstellen konkrete Interessen der rein männlich besetzten Redaktionsgruppe erkennen.

Natürlich werde auch gekürzt, wenn es in der Bibel um Männer gehe. "Aber anders", betont Jantzen. In der Regel führe die Kürzung dazu, dass der entsprechende Mann nachher besser dastehe.

Umgekehrt stehe die betreffende Frau nach der Kürzung schlechter da: "Da bleiben ihre Motivationen unklar, da fehlt das Ende der Geschichte, da wird ihre wörtliche Rede weggestrichen und bei den Männern fehlen oft ihre dunklen Seiten. Bei Abraham, bei David, da ist das sehr, sehr offensichtlich", so die Theologin.

Gerade in den Geschichten um König David werde durch die Leseordnung die in den gekürzten Frauengeschichten enthaltene Machtkritik aus dem biblischen Text herausgeschnitten: Im kirchlichen Vortrag nur die idealen Seiten des Königs zu erzählen, mache auch etwas aus, was den Umgang mit Macht in der Organisation Kirche betreffe.

Frauenbild prägt Kürzungen

Jantzens Bilanz: Von 60 Frauen, über die im Ersten Testament eine Geschichte erzählt werde, kommen an den Sonntagen im Laufe von drei Lesejahren nur zweieinhalb vor. "Das ist sehr, sehr wenig", so die Theologin. An den Werktagen hörte man immerhin 20 Frauen – allerdings nur von dreien in ungekürzter Form. Das Ergebnis: Oft seien die Frauenfiguren dann inhaltlich flacher, hätten weniger "Geschichte mit Gott" und weniger Gesprächsanteile.

Annette Jantzen

 "Zum Vortrag in der Kirche wird alles rausgelassen und weggeschnitten, auch mitten aus dem Text, was der Frau Autorität verleiht, was sie handlungsfähig macht, ihr öffentliches Auftreten." 

Teilweise erkenne man bei den Kürzungen, wie das aktuelle katholische Frauenbild die Redakteure beeinflusst habe. So gebe es im Buch der Sprichwörter ein Lehrgedicht darüber, wie das gute Leben geht, am Beispiel einer weisen Frau. "Zum Vortrag in der Kirche wird alles rausgelassen und weggeschnitten, auch mitten aus dem Text, was der Frau Autorität verleiht, was sie handlungsfähig macht, ihr öffentliches Auftreten." Zum kirchlichen Vortrag komme nur, dass sie zu Hause sitze und Tag und Nacht für ihre Familie arbeite.

Die Bibel

Bibel ist die Schriftensammlung, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift gilt. Auf den Schriften fußt jeweils die Religionsausübung. Die Bibel des Judentums ist der dreiteilige Tanach, der aus der Tora, den Nevi’im und Ketuvim besteht. Diese Schriften entstanden seit etwa 1200 v. Chr. im Kulturraum der Levante und Vorderen Orient und wurden bis 135 n. Chr. kanonisiert. Das Christentum übernahm alle Bücher des Tanachs, ordnete sie anders an und stellte sie als Altes Testament (AT) dem Neuen Testament (NT) voran.

Eine Bibel liegt aufgeschlagen auf einem Tisch (KNA)
Eine Bibel liegt aufgeschlagen auf einem Tisch / ( KNA )
Quelle:
KNA