Theologin kritisiert Fleischkonsum

Biofleisch tötet auch

Die katholische Theologin Simone Horstmann kritisiert den weiterhin hohen Fleischkonsum in Deutschland. Außerdem wirft sie Kirche und Theologie vor, zu wenig zu tun, um Gewalt gegen Tiere zu beenden, und eigene Schuld nicht anzugehen.

Halbe Schweine hängen in einem Schlachthof an Haken / © Mohssen Assanimoghaddam (dpa)
Halbe Schweine hängen in einem Schlachthof an Haken / © Mohssen Assanimoghaddam ( dpa )

Kirche und Theologie müssten endlich "ihre eigene tiefe Schuld an der Ausbeutung von Tieren anerkennen, systematisch aufarbeiten und einen grundlegenden Wandel angehen", sagte Simone Horstmann im Interview des Portals katholisch.de (Dienstag).

Fleischkonsum weltweit

Der weltweite Fleischkonsum hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt und erreichte 360 Millionen Tonnen im Jahr 2018. Die Bevölkerung ist gewachsen, die Einkommen sind gestiegen – beide Faktoren haben die Zunahme zu ungefähr gleichen Teilen verursacht. Die Prognosen für die Fleischindustrie waren ohnehin schon gut – bis 2028 wird der Fleischkonsum möglicherweise noch einmal um 13 Prozent wachsen.

Zunahme des weltweiten Fleischkonsums bis 2021 / © OWID (Fleischatlas)
Zunahme des weltweiten Fleischkonsums bis 2021 / © OWID ( Fleischatlas )

Den Verzehr von Biofleisch hält die Dortmunder Wissenschaftlerin nicht für einen akzeptablen Kompromiss, sondern für Etikettenschwindel: "Wer Biofleisch kauft, beruhigt damit höchstens sein eigenes Gewissen und hält die Tiertötungsindustrie am Laufen. Für die Tiere ist damit wenig bis gar nichts gewonnen."

Beziehung des Menschen zum Nutztier

Die gesamte Tierindustrie sei ein "Skandal", so Horstmann weiter - genau wie die Art und Weise, wie die Gesellschaft insgesamt mit Tieren umgehe. Die meisten Menschen seien weiterhin nicht bereit, "unsere Beziehung zu Tieren grundsätzlich als extrem gewalthaltig anzuerkennen und etwas dagegen zu tun." Was den Fleischkonsum angehe, müsse man "klar sagen, dass wir als Menschen ernährungsphysiologisch nicht auf Fleisch angewiesen sind. Insofern gibt es aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument, warum es trotzdem sinnvoll und notwendig sein sollte, Tiere zu töten."

Mitgeschöpfe ausgeblendet

Kirche und Theologie wirft die Forscherin eine "Tiervergessenheit" vor. Das Schicksal dieser Mitgeschöpfe werde weitgehend ignoriert oder allenfalls am Rande und abwertend betrachtet: "Die Theologien befassen sich lieber mit den Künstlichen Intelligenzen als mit den natürlichen."

Zur religiös begründeten Gewalt gegen Tiere gehören nach Horstmanns Ansicht nicht nur Rituale wie das Schächten in Judentum und Islam. Auch das Christentum mache sich hier schuldig, etwa in Form einer "massiven Deutungsgewalt" gegenüber Tieren. Diese zeige sich etwa in Deutungen, "die dem Leben von Tieren jedwede Bedeutung absprechen und die heute überwiegend von der modernen Tierindustrie in die Tat umgesetzt werden".

Simone Horstmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dortmund. 2018 veröffentlichte sie zusammen mit den Theologen Thomas Ruster und Gregor Taxacher das Buch "Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere".

Quelle:
KNA
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