Theologe warnt vor Antichrist-Deutung des US-Milliardärs Peter Thiel

Die Vereinten Nationen als Antichrist?

Der katholische Theologe und Friedensethiker Wolfgang Palaver hat die religiös-politischen Deutungen des US-Milliardärs Peter Thiel massiv kritisiert. Thiels Ausführungen zum Antichristen seien theologisch nicht haltbar, so Palaver.

Peter Thiel / © Carolyn Kaster/AP (dpa)
Peter Thiel / © Carolyn Kaster/AP ( dpa )

Der Tech-Investor Peter Thiel stilisiert die moderne Weltordnung als Feindbild. Thiels Ausführungen zum Antichristen seien theologisch nicht haltbar und dienten vor allem dazu, libertäre Positionen ideologisch zu stützen, sagte Wolfgang Palaver in einem Interview der in Hamburg erscheinenden "Neuen Kirchenzeitung". Er ist katholischer Theologe und Friedensethiker.

Thiel, der als einflussreicher Investor und Unterstützer von US-Präsident Donald Trump gilt, bezieht sich in seinen Vorträgen laut Medienberichten immer wieder auf apokalyptische Motive aus der Bibel – insbesondere auf den sogenannten Antichristen, der für das Böse steht, und den Katechon, der den Ausbruch des Bösen oder das Ende der Welt aufhalten soll. 

Vereinte Nationen in New York / © lev radin (shutterstock)
Vereinte Nationen in New York / © lev radin ( shutterstock )

Internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen, Umweltbewegungen und Richtlinien für neue Technologien verkörpern demnach für ihn den Antichristen. Zugleich braucht es nach Auffassung des libertären Unternehmers mehr Freiheit, Deregulierung und technologischen Fortschritt.

Bibel wird laut Palaver falsch gedeutet

Nach Palavers Einschätzung wird der biblische Text dabei falsch gelesen. Eine von Thiel herangezogene Stelle aus dem ersten Thessalonicherbrief beziehe sich nicht auf den Antichristen, sondern sei eine Warnung vor falschen Sicherheitsversprechen. "Der biblische Text gibt das gar nicht her", sagte der Theologe. Thiel knüpfe hier an Deutungen an, die auf den Staatsrechtler und NS-Unterstützer Carl Schmitt (1888-1985) zurückgingen.

Aus Holz geschnitzte Teufelsfiguren aus dem weltweit einzigen Teufelsmuseum im litauischen Kaunas. / © Markus Nowak (KNA)
Aus Holz geschnitzte Teufelsfiguren aus dem weltweit einzigen Teufelsmuseum im litauischen Kaunas. / © Markus Nowak ( KNA )

Thiel und Schmitt verstünden den Antichristen als Chiffre für eine regulierende Weltordnung, die sie ablehnten, erläuterte Palaver. Als Gegenmodell diene in diesem Denken eine sogenannte Großraumordnung. Palaver bezeichnete es als "besorgniserregend und beängstigend", dass sich ein solches Denken heute in der internationalen Politik widerspiegele. Als Beispiele solcher Großräume nannte er die Einflusspläne Trumps, Putins und Xi Jinpings.

Palaver: Keine Weltregulierung in Sicht

"Den Antichristen in Thiels Verständnis sehe ich heute überhaupt nicht", so Palaver weiter. "Wir sind von einer Weltordnung oder von Weltregulierung so weit weg, wie schon lange nicht mehr." Die heutigen Herausforderungen der Welt bräuchten vielmehr weltweite politische Zusammenarbeit.

Palaver, der Thiel seit 1996 kennt, beschrieb diesen als intellektuell ambitionierten und umgänglichen Menschen, dem es wichtig sei, als Denker ernst genommen zu werden. Der Unternehmer sei als Lutheraner aufgewachsen. Wie sehr er Christ im Sinne der Nachfolge Jesu sei, lasse sich zumindest hinterfragen. "Es ist bei ihm sicher stärker ein Identitätschristentum."

Palaver war bis 2023 Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Innsbruck und ist Präsident von Pax Christi Österreich.

Quelle:
KNA