Theologe von Stosch vermisst verbindende Einheit in der Kirche

"Wir müssen Differenzen in der Kirche aushalten"

In Politik und Gesellschaft scheinen die Meinungen und Haltungen immer weiter auseinander zu gehen. Ähnliche Tendenzen beobachtet der Theologe Klaus von Stosch in der Kirche. Dabei beutetet "katholisch" das genaue Gegenteil.

Autor/in:
Tim Helssen
Gottesdienstbesucher singen (DR)
Gottesdienstbesucher singen / ( DR )

DOMRADIO.DE: Wie ist es zu dieser Polarisierung in der Kirche gekommen?

Prof. Dr. Klaus von Stosch (Professor für systematische Theologie an der Universität Bonn): Ich denke, dass es sich um einen gesellschaftlichen Trend handelt, der jetzt auf die Kirche überschwappt. Für einige Zeit haben sich wenigstens die Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz zusammengerauft, bevor sie nach außen getreten sind. Jetzt werden alle Streitigkeiten in der Öffentlichkeit zelebriert. Die Kirche ahmt nach, was sie in der Gesellschaft vorher erlebt hat.

DOMRADIO.DE: Warum wird diese Polarisierung zu einem Problem für die Kirche und für die Gesellschaft?

Von Stosch: Es ist vor allem ein Problem für die katholische Kirche, denn katholisch bedeutet "allumfassend". Kirche heißt nicht, dass nur die, die das Gleiche glauben wie ich, zur Kirche gehören. Vielmehr geht es darum, eine Kirche für alle Menschen zu sein.

Insofern müssen wir Differenzen in der Kirche aushalten und aus den Polarisierungen heraus leben, um sie zusammenzuhalten. Wenn das verloren geht, verschwindet auch der Blick dafür, warum es überhaupt eine katholische Kirche gibt.

DOMRADIO.DE: Leidet die frohe Botschaft darunter, wenn so viel um die Richtung der Kirche gestritten wird?

Von Stosch: Natürlich leidet sie. Jesus will, dass wir eins sind. Durch die Einheit der Kirche können wir glaubwürdig Zeugnis vom Evangelium geben. Wenn wir uns in zentralen Punkten in Liberale und Konservative spalten lassen, wiederholen wir nur, was die Gesellschaft tut. Wenn wir kein Gegenmodell bieten, dann verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit. 

Klaus von Stosch

"Wenn ich meine eigene Position verabsolutiere und meine, es müssen alle das Christentum so sehen wie ich, dann bin ich nicht mehr katholisch."

DOMRADIO.DE: Wie vielfältig kann die Kirche sein und wo liegen die Grenzen?

von Stosch: Für die katholische Kirche liegt es in der DNA, dass sie dieses "sowohl als auch" praktiziert, also lateinisch "et et". In diesem Zusammenhalten liegt die Identität des Katholischen und natürlich auch die Grenze. Ich muss die Gegenposition immer mit dabei haben. 

Wenn ich meine eigene Position verabsolutiere und meine, es müssen alle das Christentum so sehen wie ich, dann bin ich nicht mehr katholisch. Ich muss das Eigene so formulieren, dass ich die Anderen dazu denken kann.

DOMRADIO.DE: Gibt es einen Trick, wie das gut gelingen kann?

von Stosch: Es hilft, sich in die Position der Anderen hineinzuversetzen. Das Tolle an der katholischen Kirche und Theologie ist, dass sie versucht, alles hinein zu holen und mitzudenken. Selbst Positionen aus anderen Religionen oder Weltanschauungen und atheistische Positionen werden durchdacht und in das eigene Nachdenken hineingeholt. 

Dazu zählt auch, dass ich nirgends aus Angst eine Wand aufbaue, bevor ich das Andere kennengelernt habe. Dann gelingt es auch, Dinge zusammenzuhalten, die auf den ersten Blick total gegensätzlich wirken und verunsichern.

DOMRADIO.DE: Das ist auch etwas, das in der Gesellschaft und dem Außerkirchlichen ebenso gut gelingen könnte. Gibt es Erfahrungen damit?

von Stosch: Es kann und müsste eigentlich auch gelingen. Wir leben heutzutage immer mehr in unseren eigenen Bubbles und bekommen die anderen kaum noch mit. Papst Franziskus hat das mal so ausgedrückt, dass der barmherzige Samariter heutzutage gar nicht mehr an dem Weg vorbei käme, wo der, unter den Räubern Gefallene, rumliegt. 

Wir sind so unterwegs, dass wir uns nicht mehr berühren und betreffen lassen. Wir wollen nicht mehr verstehen, was wirklich anders ist, oder uns darüber freuen, mit den Gleichgesinnten im eigenen Club zu sein. 

Die katholische Kirche ist etwas anders programmiert. Es geht nicht um eine Sekte oder eine kleine Gruppe Gleichgesinnter, sondern darum, Vielfalt hereinzuholen. Es geht darum, zu verstehen, warum sie zusammenfasst. Sie tut das nicht nur durch ein kluges Gedankengebäude, sondern durch die Liturgie.

Das Interview führte Tim Helssen.

Katholische Theologie in Deutschland

Die Theologie gehört zu den ältesten Disziplinen an den Universitäten. In Deutschland gibt es 19 Katholisch-Theologische Fakultäten und Hochschulen, an denen – neben Lehramts- und anderen Studiengängen – das fünfjährige Theologische Vollstudium (meist mit Abschluss Magister Theologie) absolviert werden kann.

Alte Bücher auf der Buchmesse / © Joachim Heinz (KNA)
Alte Bücher auf der Buchmesse / © Joachim Heinz ( KNA )
Quelle:
DR

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