Theologe Neubauer fordert Umsetzung der Eucharistie im Alltag

"Zufluchtsort für die Sünder"

Eine "Weitung des Herzens" wünscht sich Otto Neubauer, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien. Beim Kölner Kongress "kommt & seht" spricht er über die Eucharistie als Kraft der Einheit in einer zerrissenen Welt.

Autor/in:
Jan Hendrik Stens
Ein Priester hält eine Hostie / © Corinne Simon (KNA)
Ein Priester hält eine Hostie / © Corinne Simon ( KNA )

DOMRADIO.DE: Ihr Vortrag auf dem Kölner Kongress "kommt & seht" Anfang Juni trägt den Titel "Eucharistie – das Herz, das eine zerrissene Welt sammelt". Was meinen Sie damit konkret?

Otto Neubauer (Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien): Wir spüren alle, dass wir in einer zerrissenen Welt leben. Die Nöte einer Verschließung und einer Verwerfung untereinander sind unsere existenzielle Erfahrung. Bei der Eucharistie geht es letztlich um die Hingabe Christi für diese zerrissene Welt. 

Somit geht es auch darum – wie auch im Kern des Christentums –, dass Christus die Menschheit wieder sammelt: aus der Zerrissenheit, aus der Vereinsamung, aus der Zersplitterung. Quelle und Höhepunkt unseres gesamten Lebens, unseres Christseins, ist die Eucharistie. 

Das ist der Schmelztiegel dieser Grunderfahrung, dass eine zerrissene Welt zusammengeschmolzen wird. Das ist dieser Schmelztiegel der Liebe und der Hingabe. Echt christlich-religiös kann man nur mit der gesamten Welt sein und nicht außerhalb dieser Welt.

Otto Neubauer

"Das war gleichsam die List der Liebe Gottes, er hat sich ein menschliches Herz geschaffen."

DOMRADIO.DE: Welche Rolle kann die Eucharistie spielen, wenn in unserer Region die Säkularisierungstendenz immer stärker voranschreitet?

Neubauer: Ich beziehe mich da gerne auf das Büchlein "Das Herz der Welt", das Hans Urs von Balthasar im Jahr 1944 geschrieben hat. Er sagt etwas Entscheidendes. Er fragt: Wie kommt Gott selber in diese Notsituation der gegenseitigen Verfeindungen einer wirklich gebrochenen Welt? Er sagt: Das war gleichsam die List der Liebe Gottes, er hat sich ein menschliches Herz geschaffen. Es geht von Herz zu Herz. 

Ich finde die Formulierung so stark von ihm, in der er sagt, er hat die schwache Stelle erwählt, wo man angesichts der Not des anderen schwach wird, nämlich von Herz zu Herz. 

Wir hatten einmal eine Dialogveranstaltung mit einer Fernsehmoderatorin, die aus der Kirche ausgetreten und dann später über die Jahre tiefer in den Glauben hineingewachsen ist. Sie wurde gefragt, wie sie diesen Graben zwischen Welt und Kirche überwinden konnte. Sie hat gesagt, sie verstehe die Frage nicht ganz, weil es einfach von Herz zu Herz ging.

DOMRADIO.DE: Mit anderen Worten, es geht gar nicht um das theologische, das eucharistische Selbst, die Anbetung des eucharistischen Leibes, sondern um das, was es in uns auslöst?

Otto Neubauer

"Wir müssen aufpassen, dass wir die Eucharistie nicht auf einen Kult hin verengen."

Neubauer: Ja. Aber natürlich wird die Liebe angebetet, das ist klar. Es geht um diesen Herzschlag. Wir müssen aufpassen, dass wir die Eucharistie nicht auf einen Kult hin verengen. 

Es braucht die Liturgie, die das für die gesamte Geschichte gleichsam schützt oder tragfähig macht. Aber innen drinnen ist Leben, ist Herzschlag. Der ist nicht, wie Papst Franziskus einmal gesagt hat, als Belohnung für die Braven, sondern als Zufluchtsort für die Sünder, als Zufluchtsort für die, die in Not sind, gedacht.

Fronleichnam

Am zweiten Donnerstag nach Pfingsten feiert die katholische Kirche das Fest Fronleichnam. Der Name bedeutet übersetzt so viel wie "Fest des Leibes und Blutes Christi". Er leitet sich ab aus dem Althochdeutschen. Dabei steht "vron" für "Herr" und "licham" für "Leib".

 © Beatrice Tomasetti (DR)
© Beatrice Tomasetti ( DR )

DOMRADIO.DE: Der Kongress findet um das Hochfest Fronleichnam statt. Welche Bedeutung kann in diesem Kontext dieses Hochfest haben, was diese Herzensbildung anbelangt?

Neubauer: Das ist das Gegenbild zu einer Welt, die mit Macht, Anerkennung und Einfluss versucht zu punkten. Denn es geht um das demütige Zeugnis eines hingegebenen Leibes im Stück Brot. Das ist ein Ausdruck einer tiefen, demütigen Haltung im besten Sinne, dass man sich für die anderen hingibt. Das ist der eigentliche Sieg; der Siegeszug, wenn man das so will. 

Das braucht auch eine Erneuerung. Ich kann mich in meinem Leben an viele Fronleichnamsprozessionen erinnern. Ich komme aus einer sehr katholischen Gegend, der Südoststeiermark im südlichen Österreich. Da gab es auch schon so eine Art von Demonstration mit den Fahnen. Ich will das nicht zu stark bewerten, aber dabei hat man sich auch zum Teil selbst dargestellt.

Da braucht es eine ordentliche Umkehr, sodass es für die Menschen wieder zugänglich wird, dass es hier um etwas zutiefst letztlich Menschliches geht. Das ist das eigentlich Göttliche.

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich konkret vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kongresses? Was ist Ihr Wunsch, was sie am Ende in ihren Alltag und in ihre Gemeinden mitnehmen sollen?

Neubauer: Ich wünsche mir zutiefst eine Weitung des Herzens. Wir haben das als Kirche sehr notwendig. Die Weitung der Herzen kann man selbst nicht machen, sondern das kann man sich schenken lassen, gerade in der Erfahrung der Eucharistie. 

Nachdem das Quelle und Höhepunkt ist, soll man während der Woche möglichst viele Menschen zum Essen einladen, die man sonst nicht einladen würde. Jesus hat das klar gesagt: Wenn du mittags und abends ein Essen gibst, dann lade die ein, die dich nicht wieder zurück einladen können, die Armen und die Bedrängten. Ich glaube, dass wir konkret werden müssen. Es ist ein Verrat an der Eucharistie, wenn wir es nicht im konkreten Leben umsetzen.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

"kommt & seht" 2026

"kommt & seht" ist ein katholisches Glaubensfest des Erzbistums Köln. Es findet vom 5. bis 6. Juni 2026 zum zweiten Mal in der Eventhalle X-POST in Köln statt. Nach dem Auftakt im Jahr 2025 mit rund 1.000 Teilnehmenden wird die Veranstaltung als wiederkehrendes Format zur Glaubensvertiefung und Gemeinschaftsbildung fortgeführt.

Pontifikalamt mit Kardinal Woelki am zwölften Sonntag im Jahreskreis und zugleich Abschluss des Glaubensfests "kommt und seht" / © Beatrice Tomasetti (DR)
Pontifikalamt mit Kardinal Woelki am zwölften Sonntag im Jahreskreis und zugleich Abschluss des Glaubensfests "kommt und seht" / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR

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