Theologe Hagencord beurteilt Einschläfern von Haustieren

"Nach sorgsamem Abwägen keine moralische Bedenken"

Jedes Jahr werden in Deutschland unzählige Haustiere eingeschläfert. Tierhaltern fällt diese Entscheidung oft schwer, zur Trauer kommen teils Schuldgefühle. Ist das moralisch in Ordnung und wo liegt der Unterschied zu Schlachttieren?

Haustiere / © Chendongshan (shutterstock)

KNA: Dürfen wir uns überhaupt das Recht nehmen, über das Lebensende unserer Haustiere zu bestimmen?

Dr. Rainer Hagencord (Theologe und Biologe, Leiter des Instituts für Theologische Zoologie e. V. in Münster): Die moralische Dimension lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Es bedarf eines längeren Prozesses, so eine Entscheidung zu treffen. In den vergangenen Jahren hat sich bei uns die Haltung zu Haustieren verändert, sie werden immer mehr zu Familienmitgliedern. Werden sie krank oder sterben sie, gibt es ähnliche Trauerprozesse wie wenn wir einen Menschen beim Sterben begleiten. Auch dabei können wir übrigens – bei einem dramatischen Verlauf – als Angehörige vor der Entscheidung stehen, die Maschinen abstellen zu lassen, wenn dies in der Patientenverfügung so gewünscht wird.

Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg (KNA)
Rainer Hagencord, Theologe und Biologe, sowie Leiter des Instituts für Theologische Zoologie / © Lars Berg ( KNA )

Die Frage ist doch: Was ist der Unterschied zwischen einem sterbenden Hund und der sterbenden Großmutter? Die Biologie tut sich zunehmend schwer mit der radikalen Unterscheidung – hier der Mensch, dort das Tier. So gibt es zwischen Schimpansen und Menschen genetisch nur graduelle Unterschiede. Weil wir aber trotz allem die Verantwortung für unser Haustier tragen, habe ich nach sorgsamem Abwägen keine moralische Bedenken, bei schwerer Krankheit oder gravierenden Altersgebrechen das Leben des Tieres beenden zu lassen.

KNA: Ist es nicht seltsam, dass wir uns beim Abschied um ein Haustier, mit dem wir oft eine intensive Beziehung haben, viel mehr Gedanken machen und intensiv um dieses Leben trauern als beim Kauf von Fleisch im Supermarkt?

Hagencord: Ich war vor kurzem bei einem Tierärztekongress, in dem es darum ging, wie wir mit alt und krank werdenden Tieren umgehen. Da tut sich inzwischen viel – es gibt Palliativmedizin und eine Hospizbewegung, und auch in der Seelsorge ist die Begleitung von Menschen, die um ein Haustier trauern, angekommen. Das finde ich großartig.

Zugleich waren bei dem Kongress auch Tierärzte, die auf Schlachthöfen arbeiten. Der britische Biologe Rupert Sheldrake hat einmal gesagt: "Wir haben in unserer Gesellschaft nur noch zwei Kategorien von Tieren: Die einen verwöhnen wir mit Haustierfutter, und die anderen werden dazu verarbeitet". Allein in Deutschland werden pro Woche eine Million Schweine geschlachtet, jeden Monat eine Million weggeworfen; 40 bis 80 Prozent kommen krank auf die Schlachthöfe. 0,2 bis 0,8 Prozent der Tiere werden nicht mal vernünftig betäubt – die wachen in kochendem Wasser auf – das sind pro Tag 800 Tiere! Der israelische Historiker Yuval Noah Harari bezeichnet den Umgang mit Nutztieren als eines der größten Verbrechen der Menschheit.

Dr. Rainer Hagencord

"Ich wünsche mir mehr Solidarität von Haustierhaltern mit den Puten, Schweinen und Rindern, deren Leben in der Futterdose endet."

KNA: Längst nicht jeder Haustierbesitzer ist Vegetarier oder lebt vegan. Warum berührt uns – anders als beim eigenen Hund oder der eigenen Katze – das Leid von Nutztieren so wenig?

Hagencord: Es ist auf der einen Seite die Fleischindustrie, die es geschafft hat, die sogenannten Nutztiere unsichtbar zu machen; auf der anderen Seite ein großer Teil der Gesellschaft, die meint, ein Grundrecht auf möglichst billiges Fleisch zu haben. Ich wünsche mir mehr Solidarität von Haustierhaltern mit den Puten, Schweinen und Rindern, deren Leben in der Futterdose endet. Wenn Tierhalterinnen und Tierhalter die große Nähe zu ihrem eigenen Tier spüren, sollten sie ihren Fleischkonsum wenigstens reduzieren und nur Fleisch von Tieren aus zertifizierten Biohöfen kaufen.

KNA: Sie sagten eben, dass die Begleitung von Menschen, die um ihr Haustier trauern, auch als Thema in der Seelsorge ankommt. Das dürfte noch die Ausnahme sein.

Dr. Rainer Hagencord

"Ich werfe der Kirche vor, dass sie beim Menschen andere Maßstäbe anlegt als bei Tieren und unserer gesamten natürlichen Mitwelt."

Hagencord: Bei der Trauerbegleitung ist es kein Unterschied, ob es sich um einen Hund handelt, der mich 15 Jahre durchs Leben begleitet hat, oder um einen langjährigen Lebenspartner. Ich erlebe mitunter, dass die Trauer um einen Menschen, mit dem die Beziehung nicht in Ordnung war, weniger groß ist als um ein geliebtes Haustier.

Ich werfe der Kirche vor, dass sie beim Menschen andere Maßstäbe anlegt als bei Tieren und unserer gesamten natürlichen Mitwelt. Die Kirche sieht den Menschen als das einzig geliebte Geschöpf Gottes, dabei sind die Tiere in der Schöpfungsgeschichte die ersten von Gott Gesegneten und die Bündnispartner Gottes nach der Sintflut, Vorbilder für Jesus. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika "Laudato si" unseren despotischen Anthropozentrismus kritisiert, für ihn haben Tiere einen Selbstwert und sind nicht zu unserem Verbrauch da. Er spricht vom ewigen Leben als "ein miteinander erlebtes Staunen" – und schließt damit ausdrücklich alle Geschöpfe, auch jedes geschlachtete Tier, mit ein.

KNA: Viele Tierhalterinnen und Tierhalter quälen sich mit Schuldgefühlen, wenn sie ihren Hund oder ihre Katze einschläfern lassen. Wie kann man damit leben?

Hagencord: Schuldgefühl ist Schuldgefühl - egal, ob es sich um den verstorbenen Großvater handelt, um den ich mich vielleicht zu wenig gekümmert habe, oder der Hund, den ich beim Tierarzt habe einschläfern lassen. Sätze wie "Stell dich mal nicht so an, ist ja nur ein Tier" sind absolut fehl am Platz, wenn ich ein Tier als beseeltes und geliebtes Mitgeschöpf wahrnehme, das zur Familie gehört.

Dr. Rainer Hagencord

"Ich kenne das Ringen um den richtigen Zeitpunkt, das Abschiednehmen, die Trauer und den Schmerz."

KNA: Standen Sie selbst schon einmal vor der schweren Entscheidung?

Hagencord: Ja, als ich meine Katze habe einschläfern lassen, habe ich dasselbe erlebt wie die Menschen, die ich seelsorglich bei der Trauer um ein Haustier begleite. Ich kenne das Ringen um den richtigen Zeitpunkt, das Abschiednehmen, die Trauer und den Schmerz. Ich habe in dieser Zeit viele Gespräche mit Freundinnen und Freunden darüber geführt. Ich war im letzten Moment bei ihr, habe ihren letzten Blick wahrgenommen, und sie konnte mich sehen. Das hat meinen Trauerprozess leichter gemacht, weil ich mein Möglichstes getan habe.

Das Interview führte Angelika Prauß.

Wann man sein Haustier einschläfern lassen sollte

Jahrelang hat man mit seinem Haustier zusammengelebt. Doch dann werden Hund oder Katze alt und mitunter schwer krank. Haustierbesitzer stehen vor der Frage, ob und wann sie ihr Tier einschläfern lassen sollen. Der Deutsche Tierschutzbund hat einige Kriterien um die schwierige Entscheidung zusammengestellt:

im Einzelfall entscheiden: Ob ein Tier eingeschläfert werden soll oder nicht, ist immer eine Einzelfallentscheidung und muss in gemeinsamer Absprache vom behandelnden Tierarzt und dem Besitzer getroffen werden.

Ein Hund auf einer Wiese: Haustiere können zu richtigen Familienmitgliedern werden / © el-ka (shutterstock)
Ein Hund auf einer Wiese: Haustiere können zu richtigen Familienmitgliedern werden / © el-ka ( shutterstock )
Quelle:
KNA