Theologe blickt mit Skepsis auf polnische Bischöfe

"Polnische Kirche braucht klares Gesicht"

Polen gilt als besonders gläubig und religiös. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die polnischen Bischöfe treffen sich nun zur Vollversammlung. Robert Żurek blickt als Theologe und Historiker auf die Kirche in seiner Heimat.

Apostelsteinfiguren der Kirche des Heiligen Peter und Paul in Krakau, Polen / © tomeqs (shutterstock)
Apostelsteinfiguren der Kirche des Heiligen Peter und Paul in Krakau, Polen / © tomeqs ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Wie "streng" katholisch ist Polen heute im Vergleich zu vor etwa 20 Jahren?

Robert Żurek (Theologe und Historiker): Bei weitem nicht mehr so streng. Man hat bislang von einer schleichenden Säkularisierung gesprochen. Heute reden die Soziologen schon von einer galoppierenden Säkularisierung. Diese Prozesse haben an Wucht zugenommen und sind deutlich sichtbar.

Dr. Robert Żurek (StK)
Dr. Robert Żurek / ( StK )

Wenn man die Besuche der Sonntagsgottesdienste vergleicht, waren es Anfang des 21. Jahrhunderts 47 Prozent der Polinnen und Polen, die an Sonntagsgottesdiensten regelmäßig teilgenommen haben. Heute sind es nur noch 28 Prozent. 

Noch gravierender sieht der Unterschied bei den Priesteramtskandidaten aus. 2000/2001 waren es fast 7.000 in Polen, heute sind es nur noch 1.900. Dieser Unterschied in der Kategorie Priesteramtskandidaten ist besonders augenfällig und zeigt das größte Problem der polnischen Kirche, nämlich eine rapide Säkularisierung der jungen Generation.

Trotz der Säkularisierung hat die polnische Kirche aber immer noch eine beachtliche Stärke. Es gibt viele Gemeinschaften, ein großes Engagement – die meisten ehrenamtlichen Aktivitäten in Polen geschehen in kirchlichen Organisationen – und eine sehr intensive karitative Tätigkeit im In- und Ausland.

DOMRADIO.DE: Ist das überall in Polen gleich oder gibt es regionale Unterschiede?

Żurek: Es gibt regionale Unterschiede. Im Osten ist die Frömmigkeit, die Anbindung an die Kirche traditionell deutlich größer als im Westen. Es gibt Unterschiede zwischen Großstadt und Land, aber es gibt vor allem Unterschiede zwischen Alt und Jung.

Robert Żurek

"Die Bischöfe haben keine besonders starke Verhandlungsposition."

DOMRADIO.DE: Seit Oktober vergangenen Jahres gibt es eine neue Regierung, eine Mitte-links-Regierung unter Donald Tusk. Diese pocht jetzt auf eine striktere Trennung von Staat und Kirche. So soll zum Beispiel die Kirchenfinanzierung geändert werden. Eine Reduzierung des Religionsunterrichts ist ebenfalls im Gespräch. Wie reagieren die polnischen Bischöfe darauf?

Żurek: Wenn es um die Finanzierung geht, dann reagieren sie nach meinem Begriff gelassen. Sie zeigen sich dialogbereit, verweisen auf die Verträge, auf das Konkordat. Aber sie zeigen hier Dialogbereitschaft.

Stiftsbasilika Mariä Himmelfahrt in Kalisz, Polen / © Radek Sturgolewski (shutterstock)
Stiftsbasilika Mariä Himmelfahrt in Kalisz, Polen / © Radek Sturgolewski ( shutterstock )

Im Falle des Religionsunterrichts sind sie weniger versöhnlich. Sie betonen sehr stark, dass sie gegen die Verminderung der Unterrichtsstunden sind. Die Bischöfe haben keine besonders starke Verhandlungsposition, denn in den letzten Jahren haben sie sich stark an die damals regierende nationalkonservative Partei PiS gelehnt. 

Dadurch haben sie keine gute Presse und keine guten Kontakte zu der neuen Regierungsmehrheit, die eine Mitte-links-Regierung ist. Durch dieses Verhalten in den letzten Jahren zeigt die Regierung gegenüber der Kirche wenig Freundschaftlichkeit.

Robert Żurek

"Insgesamt geht die polnische Kirche mit dieser Problematik nicht entschieden und offen genug um."

DOMRADIO.DE: Auch in Polen gibt es Fälle von sexualisierter Gewalt, die aufgearbeitet werden müssen. Vor kurzem sind der Bischof von Łowicz, Andrzej Dziuba, und der Erzbischof von Stettin-Cammin, Andrzej Dzięga, aufgrund von Verfehlungen und Versäumnissen zurückgetreten. Leidet durch diese Fälle die Autorität der polnischen Bischöfe bei den Gläubigen?

Żurek: Absolut. Die beiden, die Sie genannt haben, sind die neuesten Fälle. In den letzten Jahren wurden insgesamt 13 Bischöfe entweder vom Papst bestraft oder hatten mit Konsequenzen von Skandalen und vom sexuellen Missbrauch zu tun. Das ist eine große Anzahl an Personen. 

Insgesamt geht die polnische Kirche mit dieser Problematik nicht entschieden und offen genug um. Das hat natürlich Konsequenzen für die Autorität der Kirche und der Bischöfe nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch bei den Leuten, die vielleicht nicht so stark an die Kirche gebunden sind. Das Ganze beschleunigt die Säkularisierung im Land.

Robert Żurek

"Sie wenden ein Muster an, das sie aus der polnischen Geschichte gut kennen."

DOMRADIO.DE: Der Briefwechsel zwischen polnischen und deutschen Bischöfen aus dem Jahr 1965 könnte wegen seiner versöhnlichen Worte bald immaterielles Weltkulturerbe sein. Doch der letzte Briefwechsel zwischen Erzbischof Gądecki und Bischof Bätzing war eher von der Auseinandersetzung um den Synodalen Weg in Deutschland geprägt.

Bischof Georg Bätzing / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Georg Bätzing / © Harald Oppitz ( KNA )

Beide Bischöfe haben hinterher auch noch das Gespräch gesucht und sich versöhnt. Es bleibt jedoch ein gewisser Geschmack. Wie schauen die polnischen Bischöfe und die polnischen Katholiken auf die katholische Kirche in Deutschland? Ist das wirklich so, wie es Erzbischof Gądecki in seiner sehr scharfen Kritik formuliert hat?

Żurek: Ich glaube, man soll nicht von DEN Bischöfen und DEN Katholiken in Polen sprechen. Es ist eine sehr differenzierte Gemeinschaft. Es ist nur so, dass die Bischöfe eine Kommunikationstaktik verfolgen, die darin besteht, die Unterschiede zwischen ihnen nicht publik zu machen. Deswegen kommt es ganz selten zu der Situationen, dass ein Bischof eine fragliche Aussage eines Amtsbruders kritisiert oder hinterfragt.

Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Posen / © Paul Haring (KNA)
Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Posen / © Paul Haring ( KNA )

Ich weiß, dass diese Aussage von Bischof Gądecki nicht nur Befürworter im polnischen Episkopat hat. Aber es ist tatsächlich so, dass die Mehrheit der polnischen Bischöfe mit Skepsis und Besorgnis auf den Synodalen Weg schaut, und überzeugt ist, dass es eine zu weitgehende Anpassung an die Moderne, an die liberale Welt ist. 

Nicht alle, aber die Mehrheit der polnischen Bischöfe ist der Ansicht, dass man diesen liberalen, säkularen Werten Paroli bieten soll. Sie wenden ein Muster an, das sie aus der polnischen Geschichte gut kennen: die Wagenburg.

DOMRADIO.DE: Machen die Gläubigen bei dieser Wagenburg mit und sehen das auch so?

Żurek: Ein Teil macht mit, aber ein Teil kehrt der Kirche den Rücken. Einige versuchen in den Dialog mit der Welt zu treten und sehen die konservative Haltung der Mehrheit der Bischöfe kritisch.

Robert Żurek

"Was die polnische Kirche jetzt braucht, ist ein klares Gesicht, eine klare, mutige Linie."

DOMRADIO.DE: Jetzt kommen am Mittwoch die polnischen Bischöfe in Warschau zusammen, um über wichtige Themen zu beraten. Unter anderem soll ein neuer Vorsitzender als Nachfolger von Erzbischof Gądecki gewählt werden. Beobachter räumen den beiden Erzbischöfe von Gniezno und Lublin, Wojciech Polak und Stanisław Budzik, Chancen ein. Wie wichtig ist diese Wahl für die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland? Welche Rolle spielt der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz?

Żurek: Was die Macht angeht, spielt der Vorsitzende keine große Rolle. Aber als eine Symbolfigur, als ein Gesicht der Kirche spielt das schon eine große Rolle. Deswegen ist das eine wichtige Wahl. 

Vom Ausgang dieser Wahl wird es abhängen, ob die Kirche versuchen wird, einen Teil ihrer Autorität wiederzugewinnen; eine offensive und offene Kommunikation mit der Gesellschaft anzustreben oder weiterhin diese Position in der belagerten Festung einzunehmen. 

Insofern glaube ich, dass es ein wichtiger Augenblick für die polnische Kirche ist. Ich persönlich bin relativ skeptisch. Ich merke, dass die Bischöfe nach einer Kompromisslösung suchen werden, sodass am Ende alle einigermaßen zufrieden sein sollten. Aber ich glaube, was die polnische Kirche jetzt braucht, ist ein klares Gesicht, eine klare, mutige Linie.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Quelle:
DR