DOMRADIO.DE: Wie kommt es, dass die beiden religiösen Zeiten in diesem Jahre aufeinanderfallen? Die Fastenzeit orientiert sich am Ostertermin. Wie aber berechnet sich der Fastenmonat Ramadan?
Prof. Dr. Thomas Lemmen (Referent für interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln): Der Ramadan ist einer der Monate des islamischen Mondjahres. Das Mondjahr ist zehn bis elf Tage kürzer als unser Sonnenjahr. Das heißt, der Ramadan wandert von Jahr zu Jahr zehn bis elf Tage nach vorne. Nächstes Jahr fällt der Beginn voraussichtlich auf den 9. Februar.
DOMRADIO.DE: Der Ramadan gilt als eine Säule des Islam. Es geht dort auch ums Fasten, um Verzicht, das Besinnen auf das Wesentliche, also einiges, was wir auch von der christlichen Fastenzeit kennen. Wo gibt es weitere Gemeinsamkeiten zwischen dem muslimischen Ramadan und den christlichen Fastenzeiten?
Lemmen: Die Gemeinsamkeiten sind verblüffend. Beim christlichen Fasten, das hören wir im Evangelium des Aschermittwochs, geht es um Fasten, Beten und Almosengeben. Genau das spielt auch in der muslimischen Fastenzeit eine große Rolle. Es geht um das Fasten und damit um den bewussten Verzicht. Aber es geht auch um das Beten und damit um die Hinwendung zu Gott. Und es geht um das Almosengeben, also die Hinwendung zum Nächsten.
DOMRADIO.DE: Es gibt auch viele Menschen, die kirchlich nicht verbunden sind, aber dennoch Verzicht üben in dieser Zeit. Wie stellt sich das im Islam dar? Gibt es auch säkularisierte Muslime, denen das Fasten im Fastenmonat Ramadan sehr wichtig ist?
Lemmen: Man kann beobachten, dass der Fastenmonat Ramadan eine Zeit der religiösen Erneuerung ist. Es gibt Musliminnen und Muslime, die das Jahr über nicht so religiös sind und diesen Monat nutzen, um sehr bewusst ihre Religion zu leben und den Verpflichtungen nachzukommen, um dann auch am Ende das Fest Fastenbrechens freudig miteinander feiern zu können. Aber es gibt eben auch Menschen, die ganz säkular sind, die eben nur das Fest feiern, ohne dass sie vorher gefastet haben.
DOMRADIO.DE: Wo liegen die Unterschiede zwischen Ramadan und christlicher Fastenzeit?
Lemmen: Der größte Unterschied ist die theologische Relevanz. Die christliche Fastenzeit ist eine Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Christen und Christinnen bereiten sich auf das zentrale Geheimnis ihres Glaubens vor: Kreuzigung, Tod und Auferstehung ihres Herrn.
Das Fasten im Islam ist eine Erinnerung daran, dass der Koran zum ersten Mal in diesem Monat herabgesandt wurde. Das heißt, es ist eine ganz andere theologische Verankerung. In der Praxis unterscheiden sich außerdem die Fastengewohnheiten. In der westlichen Christenheit ist das Fasten eine Einschränkung oder ein Verzicht auf bestimmte Dinge. Sieht man von den gebotenen Fasttagen, Aschermittwoch und Karfreitag, ab, kann jeder für sich das Fastmaß festlegen. Im Islam ist das anders, da ist das Fastmaß genau reguliert, nämlich ein vollständiger Verzicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
DOMRADIO.DE: Welche Möglichkeiten gibt es für den interreligiösen Dialog, wenn Fastenzeit und Ramadan zusammenfallen? Könnte man vielleicht sogar Teile des Fastens gemeinsam verbringen, oder ist das aufgrund der unterschiedlichen theologischen Ausrichtung schwierig?
Lemmen: Die unterschiedliche theologische Ausrichtung ist das eine, das haben die Gläubigen im Kopf. Der Alltag und die Praxis sind das andere. Da ist es seit vielen Jahren ein gepflegter Brauch, dass die Christinnen und Christen zum Fastenbrechen eingeladen werden. In diesem Jahr ist das nochmal symbolträchtiger, dass man daran anknüpfen und sagen kann: Ja, wir fasten jetzt beide, wir geben damit gemeinsam Zeugnis davon, dass wir an Gott glauben und uns um den Nächsten kümmern. Das ist schon ein starkes gemeinsames Zeichen, dass Gott und der Nächste im Leben eine Rolle spielen.
Es gibt auch Muslime, die, wenn sie Christen zu sich einladen, versuchen, auf die christliche Fastpraxis Rücksicht zu nehmen. Ich kenne zum Beispiel eine Familie, die an dem Abend für die Christen vegetarisch gekocht hat, weil sie angenommen haben, dass diese Christen an diesem Tag kein Fleisch essen wollten.
Es gibt Möglichkeiten der Begegnung durch das Fastenbrechen, gegenseitige Besuche und Glückwünsche, dadurch, dass man sich gegenseitig einlädt und einfach zur Kenntnis nimmt: Ja, wir sind auf dem Weg zu Gott, wir gehen den Weg ein Stück gemeinsam, wir haben andere theologische Hintergründe und Verstehensweisen, aber wir sind doch auch in dieser Welt gemeinsam unterwegs.
Das Interview führte Jan Hendrik Stens.