Jesuit Brüntrup über Trumps Verzweckung der Bibel

"Taktlos und nicht korrekt"

Vor der "Saint John's Church“ in Washington posiert der US-Präsident mit einer Bibel in der Hand. Das Gotteshaus war zuvor von Demonstranten angegriffen worden. Doch statt zu beten, nutze Donald Trump die Kirche "für eine politische Show."

US-Präsident Donald Trump mit einer Bibel vor der St. John's Episcopal Church / © Patrick Semansky (dpa)
US-Präsident Donald Trump mit einer Bibel vor der St. John's Episcopal Church / © Patrick Semansky ( dpa )

DOMRADIO.DE: Präsident Trump lässt sich also demonstrativ mit einer Bibel in der Hand vor einer Kirche fotografieren. Was soll uns das sagen?

Prof. P. Dr. Godehard Brüntrup SJ (Jesuitenpater und USA-Kenner): Das ist die Kirche "Saint John's Church“, die traditionell seit Jahrzehnten von den Präsidenten der USA besucht wird. Er war dort auch nach seiner Amtseinführung. Die Kirche wurde zuvor von Demonstranten angegriffen und teilweise in Brand gesetzt.

Er will, glaube ich, mit diesem Symbol der Bibel in der Hand zeigen, dass er auf der Seite der Bibel steht und dass die Demonstranten solche sind, die Kirchen anzünden und niederreißen und dass sie nicht auf der Seite des Christentums stehen. Da geht es also darum, christliche Wähler zu gewinnen. Es ist eine politische Verzweckung der gegenwärtigen Ausnahmezustände.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Trump versucht auch, die Kirche und die Bibel zu instrumentalisieren?

Brüntrup: Ja, natürlich. Wenn wir von der Kirche sprechen, dann nicht von der katholischen Kirche, sondern vor allen Dingen von den fundamentalistisch-bibeltreuen, protestantischen Kirchen, den sogenannten Evangelikalen, die ihn besonders stark wählen und unterstützen. Denen will er mit der Bibel in der Hand zeigen: "Ich stehe für Bibel. Ich stehe für Law and Order. Und die Protestierenden, die stecken Kirchen in Brand. Die rauben Geschäfte aus. Die stehen nicht für die Bibel. Die stehen nicht für Law and Order.“ Das ist die Botschaft.

Das war einfach eine Inszenierung. Die wurde auch vom Secret Service und von der Polizei durchgesetzt, ohne dass die Beteiligten in der Kirche davon wussten. Die Demonstranten, die vor der Kirche waren, wurden zur Seite geräumt - ziemlich unsanft. Es ist einfach eine politische Show, kann man sagen.

DOMRADIO.DE: Die Bischöfin der Episkopaldiözese Washington hat empört reagiert und gesagt, dass Trump eine der Kirchen ihrer Diözese ohne Erlaubnis als Hintergrund für eine Botschaft verwendet hat. Das wäre nicht richtig und widerspreche dem, wofür die Kirchen stehen. Außerdem stehen die Kirchen hinter den Antirassismus-Protesten und sagen, diese Vorgänge, seien empörend. Hatten Sie das in der Deutlichkeit erwartet?

Brüntrup: Ja, auf jeden Fall. Auch wenn man Präsident ist, kann man natürlich nicht einfach zu so einer Kirche gehen und sie als Hintergrund oder als Inszenierung, als Bühne, für eine politische Show benutzen. Man hätte sich zumindest anmelden müssen. Natürlich ist das traditionell die Kirche der amerikanischen Präsidenten. Aber das war taktlos und auch nicht korrekt.

Die Kirchen stehen auf der Seite der Demonstrierenden, weil sie, wie eigentlich alle Amerikaner, entsetzt sind über diese schreckliche Tat des Polizisten, die eher in die Nähe eines Mordes geht. So sehen das mittlerweile auch die Juristen.

Die Kirchen sehen sicherlich kritisch darauf, wie sie Sache nun eskaliert und dass Geschäfte in Brand gesetzt werden, geplündert werden, und zwar nicht einzelne, sondern viele. In vielen Städten ist es leider zu einer vollkommenen Eskalation gekommen, die auch sicherlich nicht im Interesse dessen ist, was die Kirche an Gesellschaftsordnung im Blick hat.

DOMRADIO.DE: Wer könnte denn diese aktuelle Lage wieder beruhigen, wenn der Präsident das nun offenbar nicht kann und auch nicht will?

Brüntrup: Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, zum einen müssen diejenigen Städte reagieren, die sich bisher nicht entschlossen haben, klare Polizeipräsenz zu zeigen und damit auch ein bisschen provoziert haben, dass das so vollkommen außer Kontrolle lief.

Die müssen Polizeipräsenz zeigen, und zwar auf eine Weise, die in Amerika anscheinend nicht gelingt. Nämlich Polizeipräsenz, die selbst nicht übergriffig, die selbst nicht gewalttätig ist, sondern die einfach zeigt: Hier setzen wir Recht und Gesetz durch. Aber wir halten uns als Polizisten selbst daran. Und das fehlt leider in Amerika.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die Methode der Eskalation, die Trump wählt, ist nicht die richtige?

Brüntrup: Einerseits muss es Polizeipräsenz geben, die völlig unbeteiligte Inhaber von Geschäften davor schützt, das ihr Lebenswerk zerstört und abgefackelt wird. Aber die Polizisten müssen das auf eine Weise tun, die nicht wiederum neuen Hass erzeugt. Sie müssen deeskalierend agieren. Wir haben ja Bilder gesehen, wie Polizisten mit Stöcken auf alte Männer einprügeln und so weiter. Auf die Art und Weise wird alles immer nur schlimmer.

Das Interview führte Uta Vorbrodt. 

Gegen Rassismus: Streetart-Kunst in den USA nach dem Tod von George Floyd / © Joe Giddens (dpa)
Gegen Rassismus: Streetart-Kunst in den USA nach dem Tod von George Floyd / © Joe Giddens ( dpa )
Quelle:
DR