Friedensglocken kehren wieder in ihre alte Heimat zurück

Symbolische Wiedergutmachung

Rund 100.000 Glocken wurden von den Nationalsozialisten für Rüstungszwecke eingezogen. Manche blieben unbeschadet, hängen seit Jahrzehnten in deutschen Kirchen. Nun finden einige den Weg zurück in ihre alte Heimat.

Eine Glocke in einem Glockenstuhl / © Julia Steinbrecht (KNA)
Eine Glocke in einem Glockenstuhl / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Was die eine Generation nicht schafft, das bringt manchmal die folgende zu einem guten Abschluss. So ist es auch bei Josef Boczek und seinem Sohn Karl. Dieser sorgte jüngst mit prominenter Unterstützung dafür, dass nach 77 Jahren eine Kirchenglocke, die von den Nationalsozialisten aus dem tschechischen Pist geraubt wurde, wieder an ihren alten Ort zurückkehren konnte.

Der Senior, der im Januar im Alter von 94 Jahren verstarb, lebte damals in Pist, früher Sandau. Drei Glocken der dortigen Laurentiuskirche wurden 1944 aus dem Turm geholt, um sie zur Waffenproduktion einzuschmelzen. Zwei entkamen ihrem Schicksal; eine kam nach Kriegsende als Leihgabe ins württembergische Aichtal-Grötzingen, die andere in Sulz am Neckar; die dritte ist verschollen. Als Josef Boczek 2015 erfuhr, dass zwei Glocken in deutschen Kirchen hingen, wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass diese Glocken an ihren angestammten Platz zurückkehren sollten.

Symbolische Wiedergutmachung aus dem Land der Täter

Sohn Karl, der seit 42 Jahren in Langenargen am Bodensee lebt, sorgte durch mehrjährige Vermittlungsarbeit zwischen der deutschen und tschechischen Gemeinde dafür, dass dies möglich wurde. Eine der beiden Glocken - 350 Kilogramm schwer und als "Friedensglocke" geweiht - wurde nun vom zuständigen Bischof Gebhard Fürst zurück ins mährisch-schlesische Pist gebracht, wo sie einen Ehrenplatz bekommen soll. Die "Krönung unserer jahrelangen Bemühungen", freut sich Boczek bei der Übergabe.

Was hier vollendet wurde, ist eine späte symbolische Wiedergutmachung aus dem Land der Täter. Denn Pist ist kein Einzelfall: 1940 hatten die Nationalsozialisten angeordnet, Kirchenglocken aufzutreiben, die der Rüstungsindustrie als wertvolle Metallreserve zur Verfügung gestellt werden sollten. Rund 100.000 Glocken wurden daraufhin aus Gotteshäusern geraubt. Etwa 16.000 waren bei Kriegsende noch erhalten; die meisten kamen zurück in ihre Heimatgemeinden.

Rund 1.300 landeten auf dem Hamburger "Glockenfriedhof". Die britische Militärverwaltung wollte mit Blick auf die Teilung in Ost und West nicht, dass Glocken nach Osteuropa rücküberführt wurden. Und so wurde das Geläut ab 1950 schließlich Kirchengemeinden in der Bundesrepublik leihweise überlassen. Über die Jahre und Jahrzehnte geriet ihre Herkunft in den Gemeinden allmählich in Vergessenheit.

Andere wurden stutzig - und möchten nun ein Stück Wiedergutmachung leisten. Bereits 2011 wurde eine Glocke aus dem Rottenburger Dom nach Gorzow Slaski (Landsberg) in Schlesien zurückgebracht. Entdeckt wurde sie - aufgrund ihrer Inschrift - durch Arbeiten am dortigen Geläut.

"Schon 2011 wollte ich diese unrechte Geschichte unbedingt zum Guten wenden, zumal schnell klar war, dass wir noch einige weitere Kirchenglocken aus dem heutigen Polen und Tschechien im Bistum haben", erinnert sich Fürst.

Projekt "Friedensglocken für Europa"

Die Glockenrückführung nach Gorzow Slaski war die Initialzündung für das vom Bischof und dessen Glockenbeauftragten Hans Schnieders initiierte Projekt "Friedensglocken für Europa". In den folgenden Jahren konnten durch die Initiative allein in Württemberg 54 dieser von den Nazis geraubten Glocken in über 40 katholischen Gemeinden identifiziert und katalogisiert werden, so Bistumssprecher Thomas Brandl. Die mit dem Projekt verbundene systematische Untersuchung ist in dieser Form bislang bundesweit einmalig.

Zugleich hat Fürst seine vom Glockenraub betroffenen Amtsbrüder in Tschechien und Polen angeschrieben und ihnen angeboten, die Glocken zurückzuführen. Bevor sie ihre Heimreise antreten, werden sie von ihm gesegnet, um Ruhe, Frieden und Versöhnung zu bringen.

Die Glockenübergabe in Pist war also erst der Anfang. In den kommenden sechs Jahren sollen so mehrere Dutzend weitere Glocken zurückgebracht werden; rund 2,5 Millionen Euro sind dafür vom Bistum veranschlagt. Demnächst macht sich eine Glocke der Kirchengemeinde St. Petrus in Tübingen-Lustnau auf den Weg in die Gemeinde St. Georg im tschechischen Trebom/Thröm, nur wenige Kilometer von Pist entfernt.

Deshalb begleitete auch Theo Keplinger von der Gemeinde St. Petrus die schwäbische Delegation, um die Gemeinde in Trebom zu besuchen.

Denn im dortigen Kirchturm hängt noch das Joch, die Aufhängevorrichtung der Glocke aus dem Jahr 1511, die in Keplingers Kirchengemeinde St. Petrus in Tübingen-Lustnau läutet. Dort traf Keplinger Peter Stanke, der in dem kleinen Dorf nahe der polnische Grenze lebt. Bis vor kurzem wussten beide nicht, dass ihre Wohnorte eine Glocke verbindet. Stanke und Keplinger verstanden sich auf Anhieb und möchten nun ihren Kirchengemeinden die Details der Glockenrückführung besprechen.

Auch in anderen Bistümern hat es inzwischen vereinzelt ähnliche Projekte gegeben. So erhielt im Sommer eine katholische Kirchengemeinde im polnischen Slawiecice (Ehrenforst) vom Bistum Münster eine verloren geglaubte, aus dem Jahr 1555 stammende Glocke nach 77 Jahren zurück. Auch diese war vom Sammelplatz in Hamburg nach Kriegsende nach Münster gelangt.

Bischof Fürst in Pist

Für Fürst ist die Rückführung "ein klingendes, verbindendes Symbol der Versöhnung", wie er beim Gottesdienst mit dem tschechischen Bischof Martin David in Pist erklärte. "Sie zeugen von geschehenem Unrecht und nehmen auch die Kriegsfolgen von Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit heilsam mit auf." Fürst wünscht sich, dass zwischen den beteiligten Diözesen und Kirchengemeinden ein Netzwerk entsteht, das durch die Friedensglocken miteinander verbunden ist.

Sein Vater "hätte sich sehr gefreut", dass eine Glocke nun wieder in Pist ist, sagt Boczek. Schließlich habe dieser sein ganzes Leben Kontakt mit den Menschen in seiner Heimatgemeinde gehalten, berichtet der 65-Jährige. Sein Vater habe die Pfarrgemeinde finanziell unterstützt und bereits im Jahr 2000 Geld für das neue dreistimmige Geläut der Kirche gespendet.

Längst ist die Glockenrückführung auch ein "Herzensanliegen" von Karl Boczek. Anfangs sei er eher skeptisch gewesen, wollte seinem Vater die Idee ausreden. Schließlich sei es ein heikles Unterfangen, nach vielen Jahrzehnten von Kirchen die Rückgabe von Glocken zu fordern.

Auch juristisch habe es Fallstricke gegeben, und Corona habe das Projekt weiter erschwert. "Aber mit jedem Rückschlag hat das Projekt eine größere Dimension bekommen", erinnert sich Boczek.

Anfang 2020 habe man noch überlegt, die Glocken aus Pist als Dauerleihgabe in Deutschland zu belassen - "sie sind schließlich noch da und tun dort etwas Gutes". Dann hätte es nur eine symbolische Rückgabe gegeben, Gedenktafeln und gegenseitige Besuche auf Pfarreiebene. Aber bestärkt durch Bischof Fürsts Projekt sei die Glocke von Pist nun als erste offizielle "Friedensglocke" wieder heimgekehrt.

Für Boczek steht das Schicksal der drei geraubten Glocken zugleich für das Schicksal der Menschen im Ort: "Drei Glocken gingen 1944 fort: Eine kam zurück, eine ist an einem anderen Ort geblieben, und die dritte bleibt verschollen." Damit schließt sich für Boczek auch ein Kreis: "Die Kirchenglocken wurden 1944 von Deutsch sprechenden Männern mit einem Transporter abgeholt. Nun, 77 Jahre später, kam wieder ein Transporter mit deutschen - inzwischen mit uns befreundeten - Männern, die uns die Glocke zurückgebracht haben."

Karl Boczek / © Julia Steinbrecht (KNA)
Karl Boczek / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Glockenstuhl mit leerem Joch / © Julia Steinbrecht (KNA)
Glockenstuhl mit leerem Joch / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Martin David, Weihbischof in Ostrava-Opava (Tschechien), und Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart / © Julia Steinbrecht (KNA)
Martin David, Weihbischof in Ostrava-Opava (Tschechien), und Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Zurückgebrachte Glocke aus Aichtal-Grötzingen steht in der Laurentiuskirche in Pist / © Julia Steinbrecht (KNA)
Zurückgebrachte Glocke aus Aichtal-Grötzingen steht in der Laurentiuskirche in Pist / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Autor/in:
Angelika Prauß
Quelle:
KNA