Bischof Overbeck über das Gemeinsame Wort der Kirchen

Stärkung der demokratischen Kräfte

Die Kirchen warnen vor der Gefahr einer Vertrauenskrise der Demokratie und richten sich gegen ein Erstarken populistischer sowie anti-demokratischer Kräfte. Mitautor Bischof Overbeck erläutert die Dringlichkeit des Appells.

Bischof Franz-Josef Overbeck in einem Dialog / © Kay Nietfeld (dpa)
Bischof Franz-Josef Overbeck in einem Dialog / © Kay Nietfeld ( dpa )

DOMRADIO.DE "Vertrauen in die Demokratie stärken", so heißt das Gemeinsame Wort der evangelischen und katholischen Kirche: Warum mischen sich die Kirchen mit einem Appell für die Demokratie gerade jetzt in die Politik ein?

Bischof Franz-Josef Overbeck (Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz): In der Tradition der Worte, die wir gemeinsam ökumenisch 1997 und 2006 verfasst und veröffentlicht haben, war es uns angesichts der Veränderungsprozesse der letzten zehn Jahre wichtig, zu sagen: Wir wollen die Demokratie stärken angesichts der Herausforderungen, die sich durch die Digitalisierung und die Globalisierung der letzten Jahre gestellt haben. Darauf haben wir ökumenisch gemeinsam reagiert und sind der Überzeugung, dass der Titel genau zusammenfasst, um was es heute geht: Immer wieder um Vertrauen für die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit zu werben. Und das vor dem Hintergrund der Frage: Wie kommen wir zu sittlichen Prinzipien demokratischen Zusammenlebens, die für alle Menschen von Bedeutung sind?

DOMRADIO.DE: Was hat sich denn in den letzten Jahren verändert?

Overbeck: Die Globalisierung ist zu einem Thema für alle geworden. Darauf kann keiner nur individuell antworten. Vieles geht nur ordnungspolitisch und das heißt systemisch gemeinsam. Das war uns wichtig herauszustellen. Gleichzeitig ist es offensichtlich, dass die ökonomischen Krisen, die viele Menschen bis ins Mark getroffen haben, auch bedeuten, neu zu zeigen, wie das Suchen, Finden und auch Übersetzen von Kompromissen funktionieren kann. Das zeichnet ja eine reife Demokratie aus. Und schließlich bedeutet es auch, noch einmal zu fragen, wo es neben den geschriebenen Grundsätzen auch die ungeschriebenen gibt, die uns alle gemeinsam binden.

DOMRADIO.DE: Die Kirchen wollen mit diesem Gemeinsamen Wort das Vertrauen in die Demokratie stärken. Wen erreichen sie damit und wie wollen Sie die Demokratie stärken mit diesem Wort?

Overbeck: Wichtig ist, dass wir gemeinsam eine Sprache gefunden haben, die zeigt: Die beiden großen christlichen Kirchen - und ökumenisch gehören sicherlich auch manche andere, die uns geistig verwandt sind, hinzu - zeigen nicht nur an, wo die Probleme stehen, sondern ermutigen auch, nach vorne zu gehen. Und so hoffen wir, dass wir sowohl die einzelnen Interessierten als auch Menschen in den Kirchengemeinden ansprechen. Wir möchten einen Diskussionsprozess anregen. Und wir möchten die Verantwortungsträger in den Parlamenten unterstützen in ihrem positiven Bemühen um eine demokratische Grundstruktur - übrigens nicht nur für Deutschland sondern für Europa.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn Angst, dass die Demokratie ernsthaft in Gefahr gerät?

Overbeck: Wichtig ist, dass wir die positiven demokratischen Kräfte stärken, die dieses Projekt Europa als ein Friedensprojekt sehen. Demokratische Sittlichkeit betrifft uns alle als Personen und auch in sozialen Zusammenhängen aller Art. Außerdem muss die Rechtsstaatlichkeit in aller Breite dieses Begriffes gestützt werden. Aber da ist es mir nicht bang um Europa und von daher gilt es, positiv nach vorne zu blicken.

DOMRADIO.DE: Ist die Kirche in der Position, den Menschen sagen zu dürfen, bestimmte Parteien nicht zu wählen?

Overbeck: Wichtig ist, dass wir darauf hinwirken, keine einzelnen Wahlempfehlungen zu geben, aber deutlich zu machen, wo die Herausforderungen bestehen. Und die haben wir sehr klar beschrieben. Daran muss jeder Einzelne seine Wahlentscheidung prüfen.


Quelle:
DR