Sprecherin von Missbrauchsopfern in evangelischer Kirche tritt zurück

"Bei Betroffenen kommt zu wenig an"

Bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland sorgt eine Personalie für Schlagzeilen. Nach länger geäußerter Kritik zieht die Betroffenenvertreterin im EKD-Beteiligungsforum Konsequenzen.

EKD-Missbrauchsstudie / © Daniel Pilar (KNA)
EKD-Missbrauchsstudie / © Daniel Pilar ( KNA )

Die Betroffenenvertreterin im EKD-Beteiligungsforum, Nancy Janz, tritt zurück und beendet ihre Mitarbeit in dem Forum. Das berichtet der Berliner "Tagesspiegel" in seiner Ausgabe vom Mittwoch. "Ich habe vier Jahre lang vermittelt, Brücken gebaut. Das hat Kraft gekostet und ich bin nicht selten über persönliche Grenzen gegangen", begründete Janz ihren Schritt.

Nancy Janz ist Sprecherin der Betroffenenvertretung des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt / © Heike Lyding (epd)
Nancy Janz ist Sprecherin der Betroffenenvertretung des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt / © Heike Lyding ( epd )
Nancy Janz war Sprecherin der Betroffenenvertretung des Beteiligungsforums "Sexualisierte Gewalt".

Die Arbeit in dem Gremium schilderte Janz, die seit Juli 2022 Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der EKD und Diakonie war, als herausfordernd in vielerlei Hinsicht. "Wir haben in kurzer Zeit viel erreicht, aber bei den Betroffenen außerhalb kommt viel zu wenig an", so Janz. In den evangelischen Landeskirchen und Diakonien laufe die Umsetzung schleppend oder werde sogar in Frage gestellt. Das sei für Außenstehende schwer verständlich.

Belastende Arbeit

"Es wirkt, als ließen wir uns auf faule Kompromisse ein", bilanzierte Janz. "Betroffene schreiben uns deshalb teils sehr kritische Mails, posten auf Social Media. Das belastet natürlich. Gleichzeitig bekommen wir auch neue Meldungen von Betroffenen. Auch das ist sehr herausfordernd."

Bereits auf der EKD-Synode im vergangenen November in Dresden hatte Janz die Missbrauchsaufarbeitung in der evangelischen Kirche als schwerfällig kritisiert. Man erlebe einen permanenten Spagat zwischen Erwartungen von Betroffenen und den Strukturen, die Veränderungen nur im Schneckentempo voranbrächten. Zugleich würden Menschen, die Missbrauch erlebt hätten, älter und verlören Hoffnung. "Und das Bitterste ist, dass die Zeit zerstört, weil Menschen sterben."

Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche

Die Zahl der Missbrauchsopfer in der evangelischen Kirche und Diakonie ist viel höher als bislang angenommen. Laut einer Studie sind seit 1946 in Deutschland nach einer Hochrechnung 9.355 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden. Die Zahl der Beschuldigten liegt bei 3.497. Rund ein Drittel davon seien Pfarrpersonen, also Pfarrer oder Vikare. Bislang ging die evangelische Kirche von rund 900 Missbrauchsopfern aus. Die Forum-Studie wurde von einem unabhängigen Forscherteam erarbeitet und in Hannover veröffentlicht.

Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr (dpa)
Gedruckte Ausgaben der Studie zu Missbrauch in der evangelischen Kirche liegen auf einem Tisch / © Sarah Knorr ( dpa )
Quelle:
KNA