KNA: Was machen für Sie die Olympischen Spiele aus und welchen Beitrag leisten sie auch über den Sport hinaus?
Stefan Oster (Bischof von Passau und Sportbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz): Die Olympischen Spiele sind ein großes Ereignis, das Sportfans aus aller Welt begeistert. Tausende von Menschen verfolgen die Wettkämpfe vor Ort, Millionen von Menschen die Übertragungen.
Frauen und Männer, Alte und Junge fiebern mit den Athletinnen und Athleten mit, freuen sich über Erfolge, leiden mit beim verpatzten Sprung im Eiskunstlauf oder einem Fehlschuss am Schießstand. Die Begeisterung für den Sport ist etwas, was Menschen rund um den Globus kultur- und sprachenübergreifend verbindet.
Welche positive Stimmung von solchen Spielen ausgehen kann, konnten wir bei den großartigen Sommerspielen in Paris erleben.
KNA: Was möchten Sie den deutschen Sportlerinnen und Sportlern mit auf den Weg geben?
Oster: Sportlerinnen und Sportler haben jahrelang auf diese Wettkämpfe hingearbeitet. Für viele ist es der Höhepunkt ihrer Laufbahn. Deshalb wünsche ich ihnen, dass sie die Spiele verletzungsfrei genießen können.
Ich wünsche ihnen gute, faire Wettkämpfe und viele Begegnungen mit Athletinnen und Athleten von anderen Sportarten und anderer Nationen. Ich wünsche ihnen unbeschwerte Spiele, an die sie sich gerne und dankbar zurückerinnern werden.
KNA: Mit Elisabeth Keilmann hat die Deutsche Bischofskonferenz eine Sport- und Olympia-Seelsorgerin. Wie sieht die Seelsorge für die Sportlerinnen und Sportler vor Ort aus? Gibt es besondere Angebote auch für Fans?
Oster: Olympiaseelsorge funktioniert bei uns seit über 50 Jahren in sehr guter ökumenischer Kooperation. Unsere Sportseelsorger schaffen Gelegenheiten, um zur Ruhe zu kommen und Kraft für die nächsten Tage zu finden. Sie bieten Gottesdienste und "Auszeiten" an.
Sie planen Begegnungsformate und Gesprächsrunden, um Eindrücke und Erfahrungen zu teilen. Zu den Gottesdiensten im Deutschen Haus sind auch Angehörige, Freunde und Fans eingeladen. Unsere Seelsorger stehen bei Notfällen und in Krisensituationen jederzeit zur Verfügung.
Auch solche hat es bei Olympischen Spielen schon gegeben, als etwa ein Sportler oder ein Mitglied des Teams bei Spielen ums Leben kamen.
KNA: Die deutsche Biathlonstaffel der Männer von 2014 bekommt in Antholz zwölf Jahre nach dem Rennen die Goldmedaille überreicht, da die russische Staffel wegen Dopings nachträglich disqualifiziert wurde. Was wünschen sie Erik Lesser, Daniel Böhm, Arnd Peiffer und Simon Schempp?
Oster: Vermutlich müssen wir auch diesen Dopingfall im Rahmen eines umfassenden russischen Staatsdopings sehen, das bei den Olympischen Spielen 2014 im russischen Sotschi praktiziert wurde. Erst die Recherche deutscher Journalisten brachte den systematischen Betrug ans Licht.
Seit 2017 dürfen deshalb russische Sportler bei den Olympischen Spielen nur unter neutraler Flagge starten. Bis ins letzte Jahr hinein ging der Biathlet, dessen Dopingfall zur Disqualifikation der russischen Staffel führte, durch sämtliche Instanzen, um seiner Verurteilung als Doper zu entgehen.
Unter diesen Vorzeichen und angesichts der unendlichen Hängepartie für die vier deutschen Biathleten kann man sich kaum vorstellen, was jetzt in ihnen vorgeht. Auf der einen Seite die Freude, vielleicht auch Genugtuung, endlich ihre Goldmedaille umgehängt zu bekommen. Auf der anderen Seite wurden sie um die Emotionen oder ihren Kindheitstraum gebracht, als Sieger in das Stadion einzulaufen und gefeiert zu werden.
KNA: Russische und belarussische Sportlerinnen und Sportler dürfen nur unter neutraler Flagge an den Spielen teilnehmen, und das nicht in allen Sportarten. Grund dafür ist nicht das Doping, sondern der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Wie politisch sollte Sport sein?
Oster: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann unmittelbar nach den Olympischen Winterspielen und vor den Paralympics 2022 in Peking und überlagerte deren komplette Wettkämpfe. Olympische Spiele finden nicht im luftleeren Raum statt.
Politik beeinflusst den Sport - sei es beim Thema Staatsdoping, sei es, dass Länder als Ausrichter oder Teilnehmer ihren Nationalstolz demonstrieren wollen, sei es, dass Spiele boykottiert werden.
Wie sehr die Politik in den Sport hineinreicht, wissen wir auch aus unserer eigenen Geschichte, etwa von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Wir denken aber auch an die Spiele 1980 in Moskau, die von westlichen Ländern boykottiert wurden, und die von 1984 in Los Angeles, zu denen die Sportler aus den Ostblock-Ländern nicht gekommen sind.
Man sollte sich also keine Illusionen machen und ehrlich sein. Deshalb bin ich gegen eine Idealisierung oder Überhöhung des Sports.
Umso wichtiger ist aber, dass der internationale Sport die Werte, für die er eintritt, kommuniziert und für diese einsteht. Dazu gehören Respekt im Umgang, die friedliche Begegnung, das Einhalten der Regeln des Wettkampfs, Fair Play und das strikte Vorgehen gegen Doping.
Ich möchte mir nicht vorstellen, was in ukrainischen Sportlern vorgehen würde, gegen ein russisches Team etwa im Biathlon anzutreten. Auch ist es schwer nachzuvollziehen, was es für die ukrainischen Athleten bedeutet, sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten, während sie sich um ihre Familien sorgen, die nicht nach Italien reisen können.
Natürlich sollte man nicht ohne Weiteres Sportler unter Pauschalverdacht stellen oder Kollektivstrafen aussprechen. Deshalb die Praxis von Startmöglichkeiten unter neutraler Flagge. Wenn aber durch ein Land bewusst und gezielt die Werte des Sports verletzt werden, sollte der organisierte Sport Position beziehen.
KNA: An Olympischen Spielen nehmen immer wieder auch Menschen aus Ländern teil, von denen man es nicht erwarten würde. Dieses Jahr ist beispielsweise erstmals ein Sportler aus dem westafrikanischen Benin dabei. Leistet Olympia auch dadurch einen Beitrag zur Völkerverständigung?
Oster: Selbstverständlich! Und es weckt oft genug auch Interesse und Sympathien für solche Länder, die oft nicht im Blickpunkt oder im Interesse der Medienöffentlichkeit stehen.
KNA: Haben Sie eine Lieblingswintersportart?
Oster: Ich war als junger Kerl und als junger Erwachsener ein begeisterter Alpin-Skifahrer; ich war darin nicht allzu gut, aber immerhin leidenschaftlich. Seit ich Ordensmann bin, eher nicht mehr, vor allem, weil es doch ziemlich teuer ist.
KNA: Werden Sie selbst in Mailand und Cortina d'Ampezzo vor Ort sein?
Oster: Nein, aber ich bin sehr froh und dankbar über die Präsenz unserer Seelsorgerin Elisabeth Keilmann und ihres evangelischen Kollegen.
KNA: Bei den Olympischen Winterspielen 2022 landete Deutschland mit 12-mal Gold, 10-mal Silber und 5-mal Bronze auf dem zweiten Platz im Medaillenspiegel. Was ist Ihr Tipp für die diesjährigen Spiele? Wo werden die deutschen Sportlerinnen und Sportler am Ende stehen?
Oster: In der Regel verzichten wir Bischöfe auf den Blick in die Glaskugel. Ich will aber auch nicht den abgedroschenen Satz bemühen, dass die Teilnahme alles ist.
Ich wünsche dem Team, dass es ohne schwerwiegende Verletzungen durch die Spiele kommt und die Athleten ihre Leistungen abrufen können. Und natürlich freue ich mich dann auch über Medaillen für unser Land - wie auch über andere tolle Leistungen, egal für welches Land.
Das Interview führte Niklas Hesselmann.