Sozialphilosoph Jürgen Habermas ist tot

"Alt, aber nicht fromm geworden"

Jürgen Habermas ist tot. Der Philosoph starb laut seines Verlags am Samstag im Alter von 96 Jahren. Habermas war Stichwortgeber für gesellschaftliche Diskurse. Dabei spielten auch theologische Begriffe und Überlegungen eine Rolle.

Autor/in:
DOMRADIO.DE mit Material der Agenturen von Mario Scalla (epd), Angelika Prauß und Leticia Witte (beide KNA)
Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas am 23. Oktober 206 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. / © Arne Dedert (dpa)
Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas am 23. Oktober 206 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. / © Arne Dedert ( dpa )

Der Hochschullehrer Jürgen Habermas galt als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart und hat intellektuelle Debatten über Jahrzehnte geprägt. Er war der bekannteste Vertreter der zweiten Generation der "Kritischen Theorie" ("Frankfurter Schule"). Als Hauptwerk gilt seine 1981 erschienene "Theorie des kommunikativen Handelns".

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz kondolierte. Der Voristzende Bischof Wilmer nannte Habermas einen "Ausnahme-Philosophen". Er erklärte: "Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben." Unvergessen sei sein Dialog mit Joseph Ratzinger, "der gezeigt hat, dass die Theologie nicht ohne die Philosophie und die Philosophie nicht ohne die Theologie bestehen kann."

Begegnung mit Kardinal Ratzinger

In einem Gastbeitrag aus dem Jahr 2019, anlässlich Habermas' 90. Geburtstag, blickte der Theologe und Journalist Dr. Henning Klingen für DOMRADIO.DE auf das Verhältnis des Philosophen zur Religion und zur katholischen Theologie. Habermas habe über Jahrzehnte eine zentrale Rolle in gesellschaftlichen Debatten gespielt und auch immer wieder religiöse Begriffe und theologische Fragestellungen aufgegriffen, schrieb Klingen. Gleichzeitig habe er stets betont, selbst nicht religiös geworden zu sein.

So erinnerte der Theologe Klingen auch an eine Diskussion zwischen Habermas und dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger im Jahr 2004 in der Katholischen Akademie in München. Dort sprachen beide über "vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates". Habermas habe dabei auch anerkannt, dass Religionen ein besonderes Gespür für Schuld, Scheitern und Gelingen menschlichen Lebens besitzen könnten, das philosophische Sprache nicht vollständig erfassen könne.

"Innovative Diskussionen"

Außerdem habe Habermas seine Einschätzung der Rolle von Religion verändert. In frühen Werken habe er angenommen, dass Religion mit zunehmender Modernisierung an gesellschaftlicher Bedeutung verliere. Später sah er die Religion aber weiterhin als gesellschaftlichen Faktor. Mitverantwortlich sei dabei Habermas' Austausch mit dem katholischen Theologen Johann Baptist Metz. In einem Brief an Metz habe Habermas eingeräumt, dass gerade Metz' Theologie seine eigenen Überlegungen beeinflusst habe und  die "produktivsten Anstöße" von Metz ausgegangen seien.

Neben zahlreichen Auszeichnungen - darunter der Heine-Preis - und Ehrendoktorwürden im In- und Ausland erhielt Habermas 2001 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Jury würdigte ihn als den prägendsten deutschen Philosophen der Gegenwart, der zu den meistübersetzten Autoren des Deutschen gehöre. Er habe vor allem in den 70er Jahren "innovative Diskussionen" in den Sozialwissenschaften gefördert. Mit seiner Gesellschaftstheorie habe Habermas "die Tradition kritischer Aufklärung fortgeführt und mit einer weit über sein Fach hinausreichenden Wirkung Freiheit und Gerechtigkeit als die Grundlagen in Erinnerung gebracht, an die jede staatliche Macht gebunden ist und die den unaufgebbaren Kern des demokratischen Gemeinwesens ausmachen".

Ein Porträt

Allerdings nahm er auch nicht alle Auszeichnungen an: 2021 lehnte er den Zayed Book Award der Vereinigten Arabischen Emirate ab. Er führte als Begründung die sehr engen Verbindungen der preisverleihenden Institution mit dem "politischen System" in den Emiraten an. Habermas äußerte sich nicht nur zu gesellschaftlichen Fragen wie 2017 mit seiner Ablehnung einer Leitkultur oder 2022 zum Ukrainekrieg, sondern auch zu religiösen Themen. 

Jürgen Habermas war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Seine Familie zählte er später zu den Mitläufern der NS-Diktatur, angepasst an "eine politische Umgebung, mit der man sich nicht voll identifizierte, die man aber auch nicht ernsthaft kritisierte". Als Sohn eines Angestellten bei der Industrie- und Handelskammer kam der einflussreichste deutsche Philosoph der Gegenwart am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt. Er war 1944 Fronthelfer, studierte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie, stritt für eine lebendige Demokratie und gegen die nachwirkenden Reste der Naziherrschaft. Was das wissenschaftliche Leben des jungen Wissenschaftlers nachhaltig bestimmen sollte, war ein Stipendium, das ihn 1956 nach Frankfurt am Main brachte.

Assistent bei Theodor W. Adorno

Habermas wurde Assistent bei Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung, einer Forschungsstätte für die "Kritische Theorie", die den Einfluss des Kapitalismus auf den Einzelnen analysierte. Institutsleiter Max Horkheimer allerdings erschien der junge Habermas politisch unzuverlässig, nicht auf Institutslinie. Habermas musste nach Marburg, später nach Heidelberg zu Hans-Georg Gadamer ausweichen und kehrte erst 1964 nach Frankfurt zurück, "ironischerweise als Nachfolger von Horkheimer als Ordinarius für Philosophie und Soziologie", wie der Adorno- und Habermas-Biograf Stefan Müller-Dohm formulierte.

Was folgte, war ein einzigartiges, ungeheuer produktives Intellektuellenleben mit zahlreichen Preisen und Ehrungen, Habermas wurde in den Orden Pour la mérite aufgenommen, erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Kyoto-Preis. Die Sekundärliteratur zu seinem Werk wird auf etwa 14.000 Arbeiten geschätzt. 1981 erschien Habermas' Hauptwerk, die "Theorie des kommunikativen Handelns", mehr als 1.200 Seiten dick - ein "Monstrum" (Habermas). Habermas war nicht nur produktiv, er verstand es auch, seine Begriffe und Stichworte in der Öffentlichkeit zu platzieren: "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus", "Der philosophische Diskurs der Moderne", "Die neue Unübersichtlichkeit", "Die postnationale Konstellation" bis zu "Auch eine Geschichte der Philosophie" im Jahr 2009.

Ein "bedauernswert seriöser" Mensch

Als Person blieb er dabei beinahe unsichtbar, er hat die Bild- und Tonmedien stets gemieden. Er sei ein "bedauernswert seriöser" Mensch, erklärte Hans Magnus Enzensberger einmal. Und der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch sieht in "seiner unpersönlichen Diktion und seinem paraphrasierenden Schreibstil" den postmodernen "Tod des Autors" verwirklicht. Jürgen Habermas wäre wohl nicht der über alles nachdenkende Theoretiker gewesen, hätte er sich nicht auch dazu eine Antwort überlegt: "Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr."

So war es wenig Persönliches über ihn bekannt. Er war seit 1955 mit Ute Habermas verheiratet, die im Juni 2025 starb. Habermas hatte drei Kinder. Ausgedehnte Auslandsreisen, Lehrtätigkeiten in den USA, der Wechsel von Frankfurt nach Starnberg, wo er bis 1981 als Co-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt wirkte, danach die Rückkehr nach Frankfurt bis zu seiner Emeritierung 1994: Anekdoten oder Skandale gab es bei keiner seiner Lebensstationen.

Historikerstreit angezettelt

Dagegen reichlich vorhanden sind Bücher, Essays, politische Streitschriften. Er hat seit den späten 1950er Jahren kaum eine intellektuelle Debatte ausgelassen, sich zu vielen Themen zu Wort gemeldet, manche Diskussion wie den Historikerstreit über die Singularität des Holocaust in den 1980er Jahren selbst angezettelt. Seine Theorie hat sich über die Universitäten ihren Weg in die Öffentlichkeit gebahnt.

Der "herrschaftsfreie Diskurs" und die "ideale Sprechsituation" sind bis heute viel diskutierte Habermas-Stichworte. Die vernünftige Rede, die auf Wahrheit und Konsens gerichtete Kommunikation, müsse wenigstens "antizipiert" werden, so Habermas, also eine Grunderwartung sein. Dazu gehört auch, dass alle Diskursteilnehmer sich wechselseitig ernst nehmen und sich auf den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" einlassen.

Quelle:
DR , epd , KNA

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