Sozialpädagogin skizziert zum Kindertag gute Erziehung

"Erziehung endet nie"

Was macht gute Erziehung aus? Renate Rodler, Sozialpädagogin bei der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Katholischen Jugendfürsorge Augsburg, erklärt, warum ein Schoko-Verbot in Ordnung ist, Stubenarrest aber nicht.

Symbolbild Genervte Mutter mit ihrer Tochter / © GaudiLab (shutterstock)
Symbolbild Genervte Mutter mit ihrer Tochter / © GaudiLab ( shutterstock )

KNA: Was macht gute Erziehung aus?

Renate Rodler, Pädagogin der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) Augsburg / © Christopher Beschnitt (KNA)
Renate Rodler, Pädagogin der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) Augsburg / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Renate Rodler (Sozialpädagogin): Eine gute Erziehung entsteht vor allem aus einer guten Beziehung. Das bedeutet, das Kind in einer ermutigenden Art und Weise in seiner persönlichen Entwicklung zu begleiten und sich dabei nicht nur von äußeren Normen leiten zu lassen.

Dabei geht es nicht darum, dem Kind jeden Wunsch zu erfüllen, denn Führen und Begrenzen sind Voraussetzungen, damit das Kind Halt erfährt. Es geht vielmehr darum, in einer Familie ein Klima zu schaffen, in dem sich jedes Mitglied zugehörig fühlt, seinen Raum zur Mitgestaltung bekommt und dabei aber auch die Bedürfnisse der anderen respektiert.

KNA: Was ist, wenn Interessen kollidieren? Wenn ein Kind an der Supermarktkasse eine Schokolade mitnehmen will, der Vater aberdagegen ist?

Rodler: In einem solchen Fall wäre es ohnehin gut, das Kind schon vor dem Einkauf darüber zu informieren, dass heute keine Süßigkeiten gekauft werden. Sollte das Kind im Laden dennoch zur Schokolade greifen, weist man das Kind in liebevollem, festem Ton darauf hin, dass es heute wie besprochen nichts gibt und lässt sich dabei auf keine Diskussion ein.

Wahlmöglichkeiten wie "Legst du die Schokolade zurück oder ich?" sind häufig hilfreich. Reicht das nicht aus, nimmt man die Schokolade weg und legt sie ins Regal zurück mit dem Hinweis: "Wie besprochen."

KNA: Was tun, wenn es zum Wutanfall kommt? Als Vater kann ich mein Kind ja nicht einfach schreiend an der Kasse liegen lassen.

Renate Rodler

"Also erst mal durchatmen und überlegen, wie wir in einer druckfreieren Umgebung damit umgehen würden."

Rodler: Das Problem in einer solchen Situation ist ja, dass man hauptsächlich deswegen in Stress gerät, weil man die Blicke oder Äußerungen der anderen Leute im Laden fürchtet. So verhalten wir uns nicht mehr natürlich, sondern möchten unter allen Umständen verhindern, dass das Kind schreit oder sich gar auf dem Boden wälzt.

Also erst mal durchatmen und überlegen, wie wir in einer druckfreieren Umgebung damit umgehen würden. So kann man einer Lösung auf die Spur kommen.

KNA: Was könnte eine Lösung sein?

Rodler: Erst mal die Erkenntnis: Es kann mit Kindern nicht immer alles glattgehen. Überlegen Sie, welche Gedanken Ihnen im aktuellen Stress Ruhe geben können: "Ich bin sicherlich nicht der Einzige auf der Welt, dessen Kind einen Trotzanfall hat."

Manchen hilft es auch, die anderen Wartenden oder den Kassierer um Verständnis zu bitten. Was den Umgang mit dem Kind betrifft: zwar Verständnis für den Frust des Kindes zeigen, aber dabei freundlich und fest bei seiner Haltung bleiben.

Und wenn es sich gar nicht beruhigt, ist es auch völlig in Ordnung, einfach zu handeln und das Kind rauszutragen. Das Kind erlebt Sie dann als wirkungsvoll, was die Entwicklung fördert.

KNA: Was sollte man in der Erziehung vermeiden?

Rodler: Gewalt. Wer Gewalt gegen sein Kind richtet, zwingt sein Kind, sich in sich zurückzuziehen und so in seiner Entwicklung zu verkümmern. Was wir erfahren haben, prägt unsere Weltsicht. Wer als Kind Gewalt erlebt hat, wendet sie als Erwachsener umso leichter an, weil ihm andere Modelle fehlen.

Renate Rodler

"Wer Gewalt gegen sein Kind richtet, zwingt sein Kind, sich in sich zurückzuziehen und so in seiner Entwicklung zu verkümmern."

KNA: Was sollte man beim Erziehen noch unterlassen?

Rodler: Alles, was das Kind entmutigt. Geschimpfe, Meckern, Besserwisserei. In der Forschung geht man davon aus, dass im Durchschnitt rund 80 Prozent der Aufmerksamkeit, die Eltern ihren Kindern zukommen lassen, auf die Kleinen entmutigend wirken. Das hemmt die Entwicklung. Ermutigung hingegen hilft ihr. Das lässt sich sogar auf das Thema Strafe herunterbrechen.

KNA: Wie?

Rodler: Willkürliche Strafen wie Stubenarrest stellen nur bloß und führen zu Rachegelüsten. Besser sollte man logische Konsequenzen folgen lassen, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, zu lernen: Mein Handeln hat Konsequenzen. Gehen wir mal davon aus, das Kind macht etwas kaputt.

Jetzt könnte man überlegen, wie der Schaden unter Beteiligung des Kindes wieder in Ordnung gebracht werden kann, etwa, indem es etwas von seinem Taschengeld dazugibt. Dann kann aus einer Misere sogar eine ermutigende Erfahrung werden.

KNA: Was, wenn Vater oder Mutter im Eifer des Gefechts mal allzu fest zupacken, wenn ihnen ein allzu barsches Wort herausrutscht?

Rodler: Entschuldigen Sie sich bei dem Kind. Wohlgemerkt für den Fehlgriff oder den unangemessenen Ton, nicht für den Hintergrund. Also nicht für das Schoko-Verbot an der Kasse. So kann das Kind am Vorbild der Eltern erleben, erfahren und somit lernen, wie man gut mit Fehlern umgeht.

KNA: Eltern haben ja auch selbst Eltern. Welche Tipps haben Sie, wenn in Sachen Erziehung die Großeltern ins Spiel kommen?

Renate Rodler

"Das ist wertvoll, Kinder erfahren dadurch ein Stück der Vielseitigkeit der Welt."

Rodler: Oma und Opa können im Umgang mit Kindern strenger oder nachsichtiger sein als Mama und Papa. Das ist wertvoll, Kinder erfahren dadurch ein Stück der Vielseitigkeit der Welt. Je nach Distanz zwischen elterlichem und großelterlichem Standpunkt sollten die Erwachsenen klare Absprachen treffen. Wie viele Süßigkeiten werden etwa wann erlaubt?

Klar ist: Im Zweifelsfall entscheiden die Eltern. Diese sollten allerdings reflektieren: Bestehe ich gerade auf meinem Standpunkt, weil er mir inhaltlich so wichtig ist? Oder nur, weil ich mich von den eigenen Eltern bevormundet oder zurechtgewiesen fühle und das nicht zulassen will? Sprechen Sie darüber miteinander!

KNA: Wann endet Erziehung?

Rodler: Erziehung endet nie. Denn Erziehung ist keine Einbahnstraße, die nur dazu dient, ein Kind zum gesellschaftstauglichen Erwachsenen zu machen. Wie gesagt: Erziehung heißt Beziehung. Und in menschlichen Beziehungen müssen sich beide oder alle Seiten immer wieder neu hinterfragen, erklären, entwickeln. Somit erziehen wir uns alle auch selbst ständig. Erziehung betrifft also jeden. Ein Leben lang.

Das Interview führte Christopher Beschnitt.

Quelle:
KNA