Trumps Verhalten in der Corona-Krise spaltet US-Christen

"Sozialkonservative im Stresstest"

Für seine Wiederwahl braucht Donald Trump jede Stimme. Vor allem unter weißen Evangelikalen und konservativen Katholiken. Doch ausgerechnet in seiner Stammwählerschaft schwindet derzeit sein Rückhalt.

US-Präsident Donald Trump hält eine Bibel während er die St. John's Episcopal Church besucht / © Patrick Semansky (dpa)
US-Präsident Donald Trump hält eine Bibel während er die St. John's Episcopal Church besucht / © Patrick Semansky ( dpa )

Benjamin Horbowy steht mitten im Sturm um Donald Trump fest an der Seite des Präsidenten. Der 37-Jährige aus Tallahassee in Florida ist begeistert von Trumps Bibel-Foto vor der St. John's Episkopal-Kirche in Washington vor knapp zwei Wochen. Als Sieg des Guten gegen das Böse deutet der Evangelikale Trumps Gang zur Kirche, den er sich von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen frei räumen ließ.

"Er macht einen Jericho-Spaziergang", erklärt Benjamins Mutter dem "Guardian" das Vorgehen des Präsidenten, das Trump den Vorwurf eintrug, die Religion für seine Politik zu missbrauchen. Im alttestamentarischen Buch Josua befiehlt Gott den Israeliten, die Stadt Jericho sieben Mal zu umkreisen, damit deren Mauern einstürzen.

So wie die Horbowys sehen viele Evangelikale und Sozialkonservative Trump als Garanten dafür, religiöses Recht im weltlichen Recht durchzusetzen. Doch mitten in der Krise von Pandemie, Wirtschaftseinbruch und landesweiten Anti-Rassismus-Protesten wenden sich Teile der Evangelikalen und Katholiken von Trump ab. Etwas gerät in Bewegung.

Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt

Als ersten republikanischen Senator zog es vergangene Woche Mitt Romney zu den Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auf die Frage, warum er mitmarschiere, antwortete der fromme Mormone: "Weil schwarze Leben zählen".

Das schreibt auch das 90-jährige Urgestein der christlichen Rechten, Pat Robertson, dem Präsidenten ins Stammbuch. Der Gründer der "Christian Coalition", der seit den 1990er Jahren beste Kontakte zum Präsidenten unterhält, kritisiert Trumps Drohung mit dem Militär. "So etwas tut man einfach nicht", rügte der Evangelikale in seiner TV-Show "The 700 Club".

Schwindender Rückhalt

Laut Umfragen lässt der bedingungslose Schulterschluss mit Trump unter Evangelikalen merklich nach. Das "Public Religion Research Institute" (PRRI) beobachtet ein Abrutschen der Zustimmungswerte bei weißen Evangelikalen von fast 80 Prozent im März auf nur noch 62 Prozent Ende Mai. Trump habe in nur wenigen Wochen einen Teil seiner Unterstützung verspielt, hieß es.

Auch unter weißen Katholiken fielen Trumps Sympathiewerte laut PRRI im gleichen Zeitraum um 27 Prozent. Analysten halten nicht den Verlust an Stimmen an seinen Herausforderer Joe Biden für das größte Problem, sondern das Abschmelzen seiner Stammwählerschaft. Es gehe im November darum, wie viele Anhänger sich noch motiviert fühlen könnten, wählen zu gehen.

Trumps Berater zeigen sich laut "New York Times" besorgt über den Ansehensverlust des Präsidenten in seinen Hochburgen. Eine möglicherweise folgenschwere Verschiebung im sozial-konservativen Lager.

Unerwartete Unterstützung

Bislang hat die christliche Rechte Trump nahezu alles verziehen: seine schwachen Bibelkenntnisse, seine seltenen Gottesdienstbesuche oder sein lasterhaftes Privatleben. Sie unterstützen ihn, weil er die Religionsfreiheit ins Zentrum seiner Politik stellt, konservative Richter für den Supreme Court beruft und weil er hinter der Pro Life-Bewegung steht, die das Grundsatzurteil "Roe v. Wade" stürzen möchte, das Abtreibungen zur Privatangelegenheit erklärte. Der Präsident wird nicht müde, sich als Champion der Gläubigen zu preisen. "Ich habe so viel für die Religion getan", lobt er sich immer wieder selbst. Doch diesmal könnte er überzogen haben.

Andererseits erhielt Trump nun Unterstützung von unerwarteter Seite: Der frühere Vatikan-Botschafter in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, hatte am Sonntag in einem Offenen Brief die Auseinandersetzungen der letzten Monate als einen Kampf biblischen Ausmaßes beschrieben. Die Mehrheit der "Kinder des Lichts" kämpfe gegen die Minderheit der "Kinder der Dunkelheit", die den Sturz des Präsidenten wollten, so Vigano, einer der schärfsten Wortführer der radikal konservativen Minderheit in der katholischen Hierarchie. Trump twitterte am Mittwochabend, er fühle sich durch den "unglaublichen Brief von Erzbischof Vigano sehr geehrt". Und: "Jeder, ob gläubig oder nicht, sollte ihn lesen!"

Dennoch braucht Trump Wähler wie Benjamin Horbowy: "Ich glaube, dies ist ein Präsident, der die volle Rüstung Gottes trägt." Ob ihm die im November hilft, im Weißen Haus zu bleiben, steht mehr denn je zuvor auf der Kippe.

Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA / © Romano Siciliani (KNA)
Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA / © Romano Siciliani ( KNA )
Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA
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