Solwodi-Chefin erzählt von Lea Ackermanns Wirken und Glauben

"Es reicht nicht, sich zu ärgern"

Als Bankerin in Paris, Ordensschwester in Afrika und Frauenrechtlerin in Deutschland hat die Solwodi-Gründerin Lea Ackermann unter anderem gewirkt. Die Solwodi-Vorsitzende Maria Decker zeichnet ihren Lebensweg und tiefen Glauben nach.

Schwester Lea Ackermann, Gründerin der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Solwodi, mit den kenianischen Solwodi-Mitarbeiterinnen Susan und Ruth am 24. September 2015 vor dem Hauptsitz der Organisation / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Schwester Lea Ackermann, Gründerin der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Solwodi, mit den kenianischen Solwodi-Mitarbeiterinnen Susan und Ruth am 24. September 2015 vor dem Hauptsitz der Organisation / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

DOMRADIO.DE: Unser herzliches Beileid zunächst einmal. Auch uns im Domradio hat die Nachricht vom Tod von Schwester Ackermann sehr betroffen gemacht, nicht zuletzt auch darum, weil sie sehr häufig bei uns im Sender zu Gast war.

Schwester Ackermann hatte eine außergewöhnliche Energie. Haben Sie das auch so erlebt? 

Dr. Marie Decker (Vorsitzende von Solwodi Deutschland): Auf jeden Fall. Sie war eine sehr charismatische Persönlichkeit, die Menschen einfach fesseln konnte und das Talent hatte, Menschen anzusprechen und für ihre Themen zu begeistern.

Dieses Talent hat sie in ganz hervorragender Weise genutzt, um auf die Not von Frauen aufmerksam zu machen, die am Rande stehen, in prekären Verhältnissen leben oder Gewalt erfahren.

Die Frauenrechtlerin und Ordensfrau Lea Ackermann ist im Alter von 86 Jahren gestorben / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Die Frauenrechtlerin und Ordensfrau Lea Ackermann ist im Alter von 86 Jahren gestorben / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Darauf aufmerksam zu machen und für diese Frauen Unterstützung einzuwerben das war eine ganz, ganz großartige Lebensleistung, die sie da vollbracht hat.

Deswegen werden wir sie auch sehr vermissen und sind sehr, sehr traurig, dass sie jetzt so schnell und unerwartet von uns gegangen ist. 

DOMRADIO.DE: Schwester Ackermann ist 1937 im Saarland geboren und hat dann, das ist ja durchaus erstaunlich, zunächst einmal eine Banklehre gemacht. Es stand also nicht von Anfang an fest, dass sie Ordensschwester werden wollte?

Decker: Nein, das stand nicht von Anfang an fest. Sie hatte natürlich eine gewisse kirchliche Bindung, das ist klar. Aber sie war auch jemand, der das Leben liebte, gerne mit Menschen zusammen war oder auch gerne mal zum Tanz ging.

Dementsprechend hatte sie dann eine Banklehre gemacht und die Bank war es dann auch gewesen, die sie nach Paris gebracht hatte.

Das war zwar erst einmal durchaus in ihrem Sinne gewesen, aber dann traf sie doch irgendwann für sich die Entscheidung, dass es noch mehr gibt. So entschied sie sich für einen geistlichen Weg.

DOMRADIO.DE: Sie war neugierig, nicht nur auf Paris. Es hat sie dann ja in die Welt gezogen, als Ordensschwester war sie in Ruanda und in Kenia. Was hat sie dort gemacht? 

Mombasa / © PrzemoleC (shutterstock)

Decker: Genau, sie hatte sich schon immer für fremde Kulturen interessiert und sich deshalb auch sehr bewusst für einen Missionsorden entschieden.

Sie hat dann in Ruanda und in Kenia als Lehrerin, vor allem in der Lehrerausbildung gearbeitet, um junge, einheimische Arbeitskräfte dazu zu befähigen, selbst unterrichten zu können.

Dort hat sie natürlich dann auch die Not der Frauen vor Ort ganz unmittelbar kennengelernt und einfach in ihrer resoluten Art beschlossen: Da muss man etwas tun. 

Maria Decker

"Denn es reicht nicht, sich über etwas zu ärgern oder es nicht gut zu finden. Man muss dann auch nach Alternativen suchen."

DOMRADIO.DE: Und sie hat etwas getan. In Mombasa in Kenia hat sie dann 1985 den Verein Solwodi gegründet. Solwodi, das steht für "Solidarity with Women in Distress". Was hat sie dazu bewogen, dort diesen Verein zu gründen? 

Decker: Sie hat dort sehr viele Frauen in der Armutsprostitution wahrgenommen und sich überlegt: Wie kann man diesen Frauen alternative Einkommensmöglichkeiten eröffnen? 

Denn es reicht nicht, sich über etwas zu ärgern oder es nicht gut zu finden. Man muss dann auch nach Alternativen suchen. Das war eine ihrer großen Stärken, dass sie das immer beherzt angepackt hat.

Sie hat zudem immer versucht, den Frauen eine Ausbildung oder vielleicht die Eröffnung eines kleinen Geschäftes zu ermöglichen.

Zuflucht in einem Frauenhaus / © Ina Fassbender (dpa)
Zuflucht in einem Frauenhaus / © Ina Fassbender ( dpa )

Dafür brauchte sie natürlich gewisse Strukturen und Finanzierungswege und deshalb hat sie dann wiederum den Verein Solwodi gegründet. 

DOMRADIO.DE: Zurück in Deutschland hat sie dann 1987 auch hierzulande Solwodi gegründet. Welchen Frauen wollte sie damit helfen? 

Decker: Sie hatte gesehen, dass auch in Deutschland sehr viele Frauen, vor allem Frauen mit Migrationshintergrund, ausgebeutet wurden oder in Not gerieten.

Das waren zum Teil Frauen, die über den sogenannten Heiratstourismus nach Deutschland gekommen waren. Sie erinnern sich vielleicht: In den 80er, 90er Jahren waren sogenannte Katalogfrauen in Deutschland ein großes Thema.

Sie wollte diesen Frauen helfen. Sie hat dann aber sehr schnell gesehen, dass Frauen auch in der Prostitution ausgebeutet werden. Andere Frauen hingegen waren von Zwangsheirat betroffen.

Mit Blick auf alle diese Frauen wollte sie Strukturen schaffen, damit diese ein Hilfsangebot bekommen, eine Anlaufstelle finden und auch eine Stimme in der Öffentlichkeit haben. Diese Stimme war eben Schwester Lea. 

Eine junge Frau sitzt im Hauseingang. / © Hartmut Schwarzbach (missio)
Eine junge Frau sitzt im Hauseingang. / © Hartmut Schwarzbach ( missio )

DOMRADIO.DE: Ihr ist es sicherlich auch zu verdanken, dass Solwodi eine wahre Erfolgsgeschichte geworden ist. Inzwischen hat der Verein 21 Fachberatungsstellen und 14 Schutzeinrichtungen. Damit hat sie also wirklich etwas angestoßen. 

Decker: Auf jeden Fall. Sie hat unermüdlich dafür gekämpft, dass Frauen Zugang zu Unterstützungsangeboten kriegen, dass jede Frau, egal wo sie lebt, Anlaufstellen oder Schutzeinrichtungen findet.

Von daher hat sie immer wieder geschaut: Wo geht noch was, wo lässt sich noch etwas einrichten? Sie hatte sich auch nie gescheut, selber an alle möglichen Türen zu klopfen, um die Finanzierung für diese Projekte zu sichern.

DOMRADIO.DE: Eines ihrer Lieblingsworte war Empowerment. Was hatte sie damit gemeint? 

Maria Decker

"Sie würde mit Sicherheit sagen: Macht weiter! Lasst die Frauen nicht allein! Vertraut auf Gott. Sprecht mit den Frauen. Sprecht mit Gott."

Decker: Empowerment war für Schwester Lea das Befähigen der Frauen, selbstbestimmt und selbstständig leben zu können. Sie wollte die Frauen nicht in ständiger Abhängigkeit sehen, sondern sie wollte, dass die Frauen ihre eigene Kraft, ihre eigene Energie, ihre eigenen Kompetenzen erkennen und entsprechend in ihrem Leben umsetzen können.

Außerdem steckt in "Empowerment" natürlich das Wort "Power" drin. Ja, diese Power, die hatte Schwester Lea auf jeden Fall. 

Schwester Lea Ackermann zu Besuch bei domradio.de (DR)
Schwester Lea Ackermann zu Besuch bei domradio.de / ( DR )

DOMRADIO.DE: Ihr Tod kam überraschend. Obwohl sie 86 Jahre alt war, war sie immer noch aktiv, hatte mitgemacht und sich eingemischt. Was würde sie uns heute vielleicht noch zurufen, wenn sie es könnte? 

Decker: Sie würde mit Sicherheit sagen: Macht weiter! Lasst die Frauen nicht allein! Vertraut auf Gott. Sprecht mit den Frauen. Sprecht mit Gott. Das hat sie uns auch in unserem Leitbild als Motto mitgegeben. Dem fühlen wir uns bei Solwodi natürlich verpflichtet.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Frauenhilfsorganisation SOLWODI

Die Frauenhilfsorganisation SOLWODI existiert seit 1985. Das Kürzel steht für SOLidarity with WOmen in DIstress (Solidarität mit Frauen in Not). Die Ordensfrau Lea Ackermann gründete die Organisation zunächst, um damit kenianischen Frauen aus der Elendsprostitution herauszuhelfen. 

Symbolbild Gewalt an Frauen / © Doidam 10 (shutterstock)
Symbolbild Gewalt an Frauen / © Doidam 10 ( shutterstock )
Quelle:
DR