SkF-Projekt in Berlin hilft Familien mit Gewalterfahrungen

Ohne Angst den Papa treffen

In einem bundesweit einmaligen Modellprojekt will der Berliner Sozialdienst katholischer Frauen zerrüttete Familien unterstützen. Sie sollen auch nach einer Trennung der Eltern gewaltfreien Umgangsformen lernen.

Wie können Familien einen gewaltfreien Umgang lernen? / © Lolostock (shutterstock)
Wie können Familien einen gewaltfreien Umgang lernen? / © Lolostock ( shutterstock )

KNA: Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) erhält fast 1,5 Millionen Euro von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, kurz: DKLB-Stiftung. Die Mittel sind für das Projekt "Berliner Modell der Eltern-Kind-Beratung nach häuslicher Gewalt im gerichtlichen Umgangsverfahren" bestimmt. Worum geht es dabei?

Elke Ihrlich (SkF-Leiterin für Sozialarbeit in Berlin): Das Modellprojekt soll über drei Jahre gehen, somit sind es rund 500.000 Euro pro Jahr. Außerdem erhalten wir einen Zuschuss von der Senatsverwaltung für Gleichstellung. Zu dem Projekt kam es, weil wir in unserer Arbeit immer wieder feststellen, dass Frauen, die in Ehe und Familie von Gewalt betroffen waren, auch nach einer Trennung gefährdet sind, wenn sie Umgang mit dem Vater ihrer Kinder haben.

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Geschlechtsspezifische Gewalt fängt bei Alltagssexismus an und endet mit Femiziden. Diese Gewalt ist allgegenwärtig und fest in unseren patriarchalen Strukturen verankert. In Deutschland ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen, das sind mehr als 12 Millionen Frauen. Alle 45 Minuten wird eine Frau in Deutschland durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt. Jeden dritten Tag tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin.

Gewalt gegen Frauen / © Maurizio Gambarini (dpa)
Gewalt gegen Frauen / © Maurizio Gambarini ( dpa )

KNA: Wieso brechen sie den Umgang mit ihrem Ex-Partner dann nicht einfach ab?

Ihrlich: Die Gerichte erkennen möglichst beiden Elternteilen ein Umgangsrecht zu. Das ist auch richtig, weil die Kinder einen Anspruch auf Vater und Mutter haben. Doch nach Fällen von häuslicher Gewalt ist ein Kontakt sehr schwierig, selbst wenn eine nicht selbst betroffene Betreuerin oder ein Betreuer anfangs dabei ist. Frauen sind in großer Gefahr, wieder geschlagen zu werden.

KNA: Wie sieht das Modellprojekt des Berliner SkF konkret aus?

Ihrlich: Es ist ein ungefähr einjähriges Programm. Zur Teilnahme müssen sich vorab alle Beteiligten einverstanden erklären. Dabei absolviert der Mann, der meist der Gewalttäter ist, ein Väterprogramm, um ein gewaltfreies Muster zum Umgang mit Konflikten einzuüben. Zudem gibt es für die Mutter eine gesonderte Beratung, wie sie künftig einen guten und sicheren Umgang mit dem Täter finden kann.

Anschließend müssen die Eltern zusammenkommen und entscheiden, wie sie das Umgangsrecht mit ihren Kindern künftig bis Detail gestalten. Auch die Kinder haben eigene Ansprechpartnerinnen und -partner und können sagen, was sie wollen und wie sie sich das Verhältnis vorstellen.

KNA: Woher kam der Impuls zu diesem Projekt?

Ihrlich: Er kam aus dem Anti-Gewalt-Bereich, der Fachberatungs- und Interventionsstelle Frauentreffpunkt im Verbund mit Netzwerkpartnerinnen. Wir haben im SkF bereits verschiedene Projekte für Kinder aus gewaltbelasteten Familien. Dort wird immer wieder deutlich, dass dringend etwas wie das neue Modellprojekt gebraucht wird. Die Kinder sind total desorientiert, sie wollen auch zu ihrem Papa, doch dann gibt es immer wieder Ärger und Streit.

KNA: Was ist das Besondere am Berliner SkF-Modell?

Ihrlich: Es gibt zwar in München bereits ein ähnliches Modell. Dabei sind das Familiengericht, das Jugendamt und ein freier Träger beteiligt. Im Unterschied dazu werden wir jedoch alle Beratungen in einer Verantwortung haben. Die Familien werden uns von den Familiengerichten zugewiesen, unsere Aufgabe als Träger ist es dann, alle Parteien so zu befrieden, dass am Ende eine gute Umgangslösung steht und die Gewaltspirale beendet ist.

KNA: Wie viele Fachleute werden sich an dem Projekt beteiligen?

Ihrlich: Wir planen mit sechs Expertinnen und Experten aus der Sozialarbeit, der Psychologie sowie der Kinder- und Jugendlichentherapie, in jedem Fachbereich jeweils ein Mann und eine Frau. Nach derzeitiger Planung soll das Projekt Anfang kommenden Jahres beginnen. Weil der Senat keine Mittel dafür hatte, haben wir uns an die DKLB-Stiftung gewandt. Es ist grandios, dass wir nun diese Förderung erhalten, sonst wäre dieses Projekt nicht zu verwirklichen.

Das Interview führte Gregor Krumpholz.

Quelle:
KNA