Schuster fordert Aufarbeitung von judenfeindlichen Reliefs an Kirchen

Schlichtes Entfernen greift zu kurz

Muss mehr getan werden? Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat die Kirchen aufgerufen, sich noch umfangreicher von judenfeindlichen Skulpturen an ihren Gotteshäusern zu distanzieren.

Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien / © Hendrik Schmidt (dpa)
Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien / © Hendrik Schmidt ( dpa )

"Lange wurde die öffentliche Zurschaustellung beleidigender, judenfeindlicher Darstellungen weder aufgearbeitet, noch kritisch kommentiert. Daran hat sich vieles geändert, auch wenn die Distanzierung immer noch keine Selbstverständlichkeit darstellt", sagte er am Sonntagabend in Berlin.

Schmähplastiken an vielen Kirchen

Es gebe an vielen Kirchen in Deutschland antisemitische Schmähplastiken. Er wünsche sich, dass noch mehr davon als solche auch gekennzeichnet würden und über die dazugehörige Geschichte aufgeklärt werde, so Schuster. "Ein Benennen und Offenlegen judenfeindlicher Motive ist wichtig, um den Blick auch für die allgegenwärtigen Formen von Antisemitismus zu schärfen." Wenn dies noch von kirchlichen und gesellschaftlichen Initiativen begleitet werde, könnten nachhaltige Bildungsorte entstehen.

Die Skulpturen von den Kirchen schlicht zu entfernen, greife zu kurz, "denn antijüdische Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen, indem man die steinernen Reliefs abschlägt und glättet". Schuster betonte: "Eine Entfernung solcher Skulpturen würde die Phänomene von Antisemitismus, die weiterbestehen, verkennen." Er äußerte sich zum Auftakt einer bis Dienstag dauernden Tagung zum Umgang mit antisemitischen Bildern an und in Kirchen.

Aus Zeitzeugnissen lernen

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, sagte, eine Skandalisierung von judenfeindlichen Bildwerken an Kirchen sei richtig, da es sich auch um Skandale handele. "Zugleich merken wir, dass in der hocherregten Mediengesellschaft die Erregung oft genug zu fruchtlosen Polarisierungen und am Ende nur zu einer Erschöpfung führt." Um aber etwas daraus zu lernen, bedürfe es eines vertieften und vertiefenden jüdisch-christlichen Dialogs.

Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden, hob hervor: "Die Frage ist, wie können wir aus diesen Zeitzeugnissen gemeinsam lernen, um eine Sprache zu finden, die für Juden und für Christen gleichermaßen deutlich macht, dass wir heute etwas gemeinsam verstanden haben." Er habe den Eindruck, schon durch solch eine gemeinsame Debatte könnten "diese Figuren, wie brutal, wie kränkend und wie verletzend sie auch sind, ihre Wirkung allmählich verlieren".

Quelle:
KNA
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