Historiker gegen Entfernung von "Judensau"-Darstellungen

"Man muss sich damit inhaltlich auseinandersetzen"

Gegen eine Entfernung von "Judensau"-Darstellungen hat sich der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn ausgesprochen. "Was geschehen ist, ist geschehen, und es kann nicht ungeschehen gemacht werden", betonte er in einem Interview.

Blick in einen Gerichtssaal / © corgarashu (shutterstock)
Blick in einen Gerichtssaal / © corgarashu ( shutterstock )

"Man muss sich damit inhaltlich auseinandersetzen. Darauf kommt es an", sagte er am Mittwoch dem Deutschlandfunk. Wolffsohn unterstrich zugleich, dass er die "Judensau"-Plastiken für eine "perverse Sauerei" halte.

Das Oberlandesgericht Naumburg hatte am Dienstag die Berufungsklage eines jüdischen Mannes zurückgewiesen, der eine Abnahme des mittelalterlichen "Judensau"-Reliefs an der Außenfassade der Wittenberger Stadtkirche gefordert hatte. Die Schmähplastik beleidige Juden antisemitisch.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der 9. Zivilsenat ließ eine Revision vor dem Bundesgerichtshof zu, da die Sache grundsätzliche Bedeutung habe. Wie die Anwaltskanzlei des Klägers bestätigte, strebt er die Revision und damit den Gang nach Karlsruhe an.

"Geschichte und deren Bewertung ist ein fortlaufender Prozess und kann mit Sicherheit nicht prozessual vor Gericht entschieden werden", betonte Wolffsohn. "Die Richter spielen hier sozusagen den lieben Gott, und der ist bekanntlich woanders zu suchen, wenn es ihn - ich füge hinzu - hoffentlich gibt."

Antisemitismus existiere seit 3.000 Jahren, so der Historiker. "Es gibt da weitaus mehr als dieses schreckliche Motiv der Judensau. Umso wichtiger ist es, dass wir uns mit diesen Schrecklichkeiten auseinandersetzen. Wenn wir auch die Illustration haben: umso besser. Und dann können wir uns umso klarer davon distanzieren."

Ähnliche Darstellung auch am Kölner Dom

Auf dem Wittenberger Relief in etwa vier Metern Höhe an der Predigtkirche des Reformators Martin Luther (1483-1546) ist ein Rabbiner zu sehen, der den Schwanz eines Schweins anhebt und ihm in den After sieht. Zwei weitere Juden saugen an den Zitzen des Tiers.

Das Schwein gilt den Juden als unrein. Hinzu kommt die 1570 eingelassene Inschrift "Rabini-Schem HaMphoras". Diese ist vermutlich inspiriert von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543. Schem Ha Mphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Ähnliche Darstellungen finden sich noch an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen im deutsch geprägten Kulturraum, unter anderem am Kölner Dom. Wolffsohn zeigte Sympathien für die Lösung in Wittenberg: Dort erinnern seit 1988 eine Informationstafel und ein Mahnmal an den historischen Kontext, in dem die Schmähplastik entstand.

Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien / © Hendrik Schmidt (dpa)
Eine als "Judensau" bezeichnete mittelalterliche Schmähskulptur an der Außenwand der Wittenberger Stadtkirche Sankt Marien / © Hendrik Schmidt ( dpa )
Eine Abbildung der sogenannten "Judensau" im Chorgestühl des Kölner Doms / © Benedikt Plesker (KNA)
Eine Abbildung der sogenannten "Judensau" im Chorgestühl des Kölner Doms / © Benedikt Plesker ( KNA )
Quelle:
KNA